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Bewusst laut

Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann polarisiert. Wer ihn verstehen will, braucht Fachwissen und Sinn für Ironie

  • Von Christoph Ruf, Hoffenheim
  • Lesedauer: 4 Min.

Gut möglich, dass es Menschen gibt, die Julian Nagelsmann unsympathisch finden. Der Trainer von 1899 Hoffenheim wirkt nicht eben komplexbeladen, und manchmal sind seine Formulierungen ein wenig neunmalklug. So wie am Dienstagabend, nach dem grandiosen 3:3 (1:1) gegen Olympique Lyon in der Champions League, bei dem es seiner Meinung nach einen Elfmeter für sein Team hätte geben müssen: »Der hält beide Hände im 90-Grad-Winkel vom Sternum weg. Wenn das keine unnatürliche Handbewegung ist.« Vom »Sternum« also. Nagelsmann fiel sofort auf, dass es ein wenig geschwollen klang, wollte korrigieren. Und machte es noch schlimmer: »Das Sternum ist das Brustbein. Für die, die im Anatomieunterricht nicht so gut aufgepasst haben.« Der ein oder andere Journalist verdrehte die Augen. Was Nagelsmann selbstironisch gemeint hatte, kam rüber, als hielte er die Gesprächspartner für etwas minderbemittelt.

Und da war es wieder das Bild vom nassforschen, neunmalklugen Jungcoach - ein Image, das der 31-Jährige spätestens seit dem Tag innehat, als er sich mit dem Satz zitieren ließ, er strebe »immer nach dem Maximalen, und das ist der Meistertitel«. Nicht irgendwann, mit irgendeiner Mannschaft, sondern in der Saison 2018/19. Mit der TSG Hoffenheim. »Wir sagen nicht, wir holen den Titel. Aber wir wollen es probieren.«

Wer so formuliert, macht sich angreifbar. Aber was ist daran eigentlich so schlimm? In der Branche gibt es doch schon genügend Langweiler, die »von Spiel zu Spiel denken« und »das Maximum herausholen« wollen. Nagelsmann ist jedenfalls keiner, der schnell beleidigt wäre. Vielmehr hat man den Eindruck, dass er manchmal absichtlich pointiert oder sarkastisch formuliert, um in eine Diskussion zu gelangen. Dass viele Menschen keine Ironie verstehen, kommt ihm dabei nicht entgegen. Dass er ein hervorragender Trainer ist, unbedingt. Warum die Bayern ihn im Sommer nicht verpflichtet haben, steht sicher auch irgendwo im Grundgesetz. In Hoffenheim schätzen und mögen ihn jedenfalls die meisten der Spieler, die unter ihm besser geworden sind. Und das sind eigentlich alle.

Jahrelang gab es keinen Grund, Spiele der TSG live anzuschauen. Das Stadion liegt im Nichts an der Autobahn. Weiten Teilen des Publikums merkt man an, dass Fußball vor dem Bundesligaaufstieg im Jahr 2008 keine Rolle in ihrem Leben gespielt hat. Wurde dann noch so grausam gespielt wie unter Markus Gisdol, konnte man nur den Schlusspfiff herbeisehnen. Seit 2016 ist das anders, seit Nagelsmann am Ruder ist.

Es gibt nicht viele deutsche Mannschaften, die sich derzeit spielerisch mit Olympique Lyon messen könnten. Hoffenheim kann das: Nachdem die ersten 20 Minuten überstanden waren, in denen die Franzosen so gar keine Mühe hatten, den Ball im Höchsttempo vor sich herzutreiben, machten es die Hoffenheimer genauso. Angetrieben von einem überragenden Florian Grillitsch und assistiert von solch hervorragenden Fußballern wie Pavel Kaderabek, Nico Schulz oder Kerem Demirbay, zelebrierten sie mit wenigen Ruhepausen allerbesten Fußball - und verdienten sich das 3:3 nach Toren von Andrej Kramaric (33./47.) und Joelinton (90+2.) redlich. Das sah auch Nagelsmann so, der es »sensationell« fand, »wie wir Fußball gespielt haben«, aber zu wenig darauf einging, dass das für den Gegner genauso galt. Tatsächlich hätte die TSG das Spiel wohl gewonnen, wenn nicht alle drei Gegentreffer nach groben Fehlern der Verteidiger Kevin Vogt und Kevin Akpoguma sowie Torwart Oliver Baumann gefallen wären.

Großmaul Nagelsmann? Nur dann, wenn man meint, eine Tabelle sage schon alles über den Leistungsstand einer Mannschaft aus. In der Champions League ist die TSG Dritter, mit drei Punkten Rückstand auf Lyon. In der Bundesliga rangiert sie auf Platz acht, mit nur zehn Zählern aus neun Spielen. Menschen, die die bisherigen Saisonspiele gesehen haben, die - bis auf die Chancenverwertung - immer gut und oft begeisternd waren, würden ergänzen, dass Hoffenheim in der Liga acht oder neun und in der Champions League fünf oder sechs Punkte mehr haben könnte. Und was sagt Nagelsmann: »Wenn man normal rechnet, könnten es in der Bundesliga fünf, sechs Punkte mehr sein. Wenn man anders rechnet, acht oder neun.« Großmäulig. Vielleicht. Aber der Mann hat recht.

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