Sexueller Missbrauch

Eine Frage der Ehrlichkeit

Während sich der australische Premier für sexuellen Missbrauch vor allem in der katholischen Kirche entschuldigt, warten Opfer in Deutschland vergeblich auf einen solchen Akt.

Von Simone Schmollack

Am schlimmsten sei der Geruch gewesen, sagt Amy Snyder. Dieser beißende Dunst von Achselschweiß, der sich ihr in die Nase bohrte, wenn sie »mal wieder dran« war. Wenn sie heute dicht bei einem Mann stehe, sagt die Australierin, etwa im Sommer in der Straßenbahn, und der Mann neben ihr dünstet die Hitze der Stadt aus, werde ihr schlecht.

Snyder ist heute 53 Jahre alt und Lehrerin in Melbourne, Australien. Vor über 40 Jahren wurde sie mehrfach von einem Pfarrer in der kleinen Gemeinde im Süden des Landes, in der sie groß wurde, sexuell missbraucht. Sie war nicht die einzige zu jener Zeit, wie sie heute weiß. Damals wusste sie das nicht und glaubte, es liege an ihr, dass sie so ungern zum Gottesdienst ging. Andere Kinder waren fröhlich in der Kirche. Sie aber hatte immer nur Angst: vor dem Mann, vor der Predigt, vor dem Geruch seines Körpers.

Sie wagte nicht, ihren Eltern von den Übergriffen zu erzählen, auch gegenüber den anderen Mädchen schwieg sie. Der Pfarrer hatte gesagt, sie werde nie in den Himmel kommen, wenn sie etwas verrate. Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis die kleine, füllige Frau verstanden hat, was ihr widerfahren ist. Snyder trägt hier ein Pseudonym, um ihre Familie zu schützen. Denn sexuelle Gewalt an Kindern, das war und ist in Australien - wie in anderen Ländern auch - noch immer mit einem Makel behaftet: Die Opfer fühlen sich beschmutzt, sie sind häufig traumatisiert und manche bis an ihr Lebensende gezeichnet.

Jetzt hat sich Australiens Premierminister Scott Morrison bei Amy Snyder entschuldigt. Nicht bei ihr persönlich, aber in einer Rede im Parlament bei den rund 17 000 Opfern sexueller Gewalt, deren Aussagen eine Aufarbeitungskommission gesammelt hat. Den Erkenntnissen der Kommission zufolge haben sich sieben Prozent der katholischen Priester in Australien in den vergangenen 30 Jahren an Mädchen und Jungen vergangen. Eine schockierend hohe Zahl. »Das wird für immer eine Schande für uns sein«, sagte Morrison in seiner Rede: »Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt, unablässige Qualen.« In Sportvereinen, Schulen, Heimen und vor allem in Einrichtungen der katholischen Kirche. Morrison bat um Verzeihung bei den »Kindern und ihren Eltern, deren Vertrauen missbraucht wurde«.

Nun kann man Morrisons Entschuldigung als Worthülsen abtun, als leeres Gerede eines Politikers. Aber der australische Premier ist weltweit der erste Staatsmann, der sich für diese Verbrechen entschuldigt. Eine Entschuldigung der politischen Akteure wünscht man sich hierzulande dringend. Einen Akt, der den Opfern signalisiert: Wir meinen es ernst mit der Aufarbeitung dieser Verbrechen, wir stehen an eurer Seite.

Stattdessen werden in Deutschland Täter weiterhin relativ gnädig behandelt. Zumindest mutet es so an, schaut man auf die Folgen der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene sogenannte MHG-Studie - 356 Seiten dick und benannt nach den Orten der beteiligten Forschungsstätten in Mannheim, Heidelberg und Gießen -, die einen Skandal unermesslichen Ausmaßes offenbart: 3677 Kinder und Jugendliche, meist Jungen, wurden in der Zeit von 1946 bis 2014 sexuell missbraucht. Manche Opfer waren erst zehn Jahre alt. Die Beschuldigten: 1670 Priester, Diakone, Ordensangehörige. Nach bisherigen Erkenntnissen waren 4,4 Prozent aller Kleriker der deutschen Bistümer Täter. Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Bischofskonferenz, fand bei der Präsentation der Studie im September zwar klare Worte: »Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen. Wer schuldig ist, muss bestraft werden.« Trotzdem weigert er sich bis heute vehement, Täternamen öffentlich zu machen, mit einer lapidaren Begründung: Was wäre, wenn Menschen erführen, dass der Onkel oder der Vater Kinder sexuell missbraucht hat?

Der Umgang der katholischen Kirche mit den Tätern ist grundsätzlich fragwürdig: Nur etwa ein Drittel der in der MHG-Studie aufgelisteten Täter wurde angezeigt, in der Regel von den Betroffenen, fast nie von Kirchenvertretern. Innerkirchliche Strafen gab es kaum, gegen zwei Drittel der Beschuldigten wurde nicht einmal ein Verfahren eingeleitet. Nicht wenige mutmaßliche Täter wurden in der Kirchenhierarchie befördert oder versetzt, an ihren neuen Arbeitsorten hatten sie nach wie vor mit Kindern und Jugendlichen zu tun. Manche Akten, die die MHG-Wissenschaftler*innen einsehen durften, waren so manipuliert, dass Missbrauchsvorwürfe verschleiert wurden.

Amy Snyder hat die Rede des australischen Premierministers zu Hause in Melbourne vor dem Fernseher verfolgt. Sie sagt: »Jetzt habe ich das erste Mal das Gefühl, dass unser Leid anerkannt wird.« Zusammen mit der finanziellen Entschädigung von mehreren 10 000 Australischen Dollar, die sie kürzlich bekommen, kann sie zwar nicht endgültig verzeihen, sagt sie: »Aber ich kann besser abschließen mit dem Kapitel.« Die australischen Bundesstaaten New South Wales und Victoria hatten im Frühjahr angekündigt, im Einzelfall bis zu 150 000 Australische Dollar (etwa 95000 Euro) an die Opfer auszuzahlen. Summen, auf die die Opfer in Deutschland vergeblich warten.