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Das Schlachtmesser Liebe

Zum 70. Geburtstag des Schauspielers Thomas Thieme

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Grausige Intelligenz. Und der Körper wird Wanst. Ein König als Kotzbrocken. Richard III., Dirty Rich Modderfocker, in den genialen zehnstündigen »Schlachten!« in Hamburg und Salzburg. Text? Erbrochenes Schurkengestammel. Worte werden nur noch gekaut, wie Cheeseburger, ein Brei aus englisch und deutsch. Bandenjargon. Thomas Thieme wurde Schauspieler des Jahres!

Oder der Othello in München. Ein hoher Offiziers-Dienstgrad auf Katzenpfoten. Dieser weiße Kerl - ungeschminkt , als sei er der Rassismus, nicht die anderen - macht sich durch Misstrauen selber zum Fremden. »Scheiß Schoko«, sagt Jago. Othello nicht als Opfer, sondern als einer, dem der sexgierige Körper das Gehirn platt drückt. Aus Samtpfoten werden Pranken. Die Lehre: Manche Liebe kommt nur deshalb über den Menschen, um ihn zu zerstören.

Oder Thieme sitzt, in Unterhemd, auf einem kleinen Ledersofa. Schaut mit abgestorbenen Augen auf einen Fernseher vorn an der Rampe. Willy Loman. Ein im eigenen Fleisch Vergammelter. Ein rumorender Kasten, der einen Ozean sucht, um zu beweisen, dass er noch Schlachtschiff ist, nicht Wrack. Dabei ist er längst untergegangen. Millers »Tod eines Handlungsreisenden« an der Berliner Schaubühne. Loman ist eine rüde, ruinöse Anstrengung, um die Depression eines Stillgelegten und Unterworfenen zu einem Stil zu erheben, der andere in Schweigen und Unterwerfung hält.

Oder jener stundenlange Schaubühnen-Abend, für den Feridun Zaimoglu und Günter Senkel Molières Stücke zu einer Collage pressten. Thieme spielt sie alle. Er ist Menschenfeinddonjuantartüffedergeizige. Er fängt im Anzug an und endet gewindelt. Steht im Saft und geht ins Sabbern. Knallt sich das Mikro wie einen Hammer gegen den Schädel. Will sich mit dem Kabel erwürgen und kann sich doch nicht drosseln. Ein brutaler, berauschter, besengter, berserkerischer Monologist. Onanist. Fatalist. Von fettem männlichem Prunk über viel Schwitzen, Dröhnen, Fluchen, Flehen, Fauchen hin zum Greis, der im Dauerschnee verreckt. Volksliedklassiker Herbert Roth, der andere Thüringer, erfand den Schneewalzer, Thieme den Schneewälzer. Einhundertdreißig Seiten Text, dickes Pensum und dicker Mann - ein Kampf, eine Schlacht.

Dieser Spieler ist Wucht und Watte. Oft ein Vulkan, der nach innen ausbricht. Auf Thieme kann das Auge des Zuschauers lange ruhen, und nichts passiert, aber wenn man auf winzigste Zuckungen vorbereitet ist, etwa des Mundes, dann sieht man Welten wanken. Dazu das Thüringische als sprachliche Ursprungsfeier, manchmal Selbstironie, spielerische Aufweichung, aber auch teuflisches Understatement gegen lutherisch nervenden Ernst. Wenn ich ihn sehe, sehe ich: Kunst ist nicht Wissen, Kunst ist Wirkung; sie ist nicht Erkenntnis, sondern Erfahrung. Thieme setzt seine Figuren gern auf Kante, so, wie man mit Bauklötzen spielt. Wenn sie einstürzen, hat er den unschuldigsten Blick, die brüchigste Stimme - als hätte er nicht nachgeholfen.

Alle erwähnten Aufführungen stammen von Luc Perceval, waren theatergeschichtliche Extravaganzen. Und plötzlich Frank Castorf. Er präsentierte zu Wiener Festwochen »Schuld und Sühne«, und Thieme war der ermittelnde Staatsanwalt Porfirij. Mit den schleichend-weichen Verschleppungskünsten eines Colombo treibt er Raskolnikow in die Enge. Ein Mann im Hawaii-Hemd. Müde wischt sich Thieme die Augen, lächelt verlegen, entschuldigt sich für jedes Interesse, macht aus kalkulierter Ausforschung eines Menschen lauter kleine Implosionen, in denen sich der Körper einpanzert in Gelangweiltheit. Obwohl er eigentlich vibriert vor Zuschnapplust. Thieme im Castorf-Raubtierzelt: ein Fremdkörper - unter lauter Feuerwerkskörpern. Ein Minimalist unter Extremisten Ein Sparer unter Verschwendern. Ein Sanguiniker inmitten von Chaoten. Ein Sprecher unter Brüllern.

Und dann sein hoher fieser, fickender SED-Kulturfunktionär im Film »Das Leben der Anderen« von Florian Henckel von Donnersmarck: So einen gab’s nicht? Das gab’s sehr wohl unter den wehenden Fahnen der neuen Gesellschaft: die Entwürdigung einer großen Idee zum Alibi fürs Durchsetzen sehr privater Interessen, die Umwandlung von Verantwortung in rücksichtslosen Machtmissbrauch - und den Schutz einer funktional sanktionierten Willkür durch den gefügigen (Sicherheits-)Apparat. Das rotzt und feistet uns Thieme hin, als müsse Perversion erst - durch ihn - erfunden werden.

Thieme, das ist Baal, der durch alle Stücke dampft, als sei es ein einziges. Buddha und Baal; Buddha ist böse und Baal ein Baby. Er ist kein Verwandler. Er bietet stur seine Eindeutigkeit an, er hat die Natur studiert wie ein Maler: Kein Felsbrocken ändert sich, nur weil wir Lust auf andere Aussicht haben.

Er kann diebisch heiter sein beim Verrat am Feinen. Man sieht einem Fleischer bei der Arbeit zu. Das Schlachtvieh ist er selber. Das Schlachtmesser heißt Liebe zum Ungefügen. Er funktioniert nicht, wenn man ihn als Provokation nimmt. Man muss ihn poetisch nehmen. Seine Nähe zum Publikum hält sich in Grenzen, er kennt es nicht, er kennt kein Pardon, er kennt nur die Wahrheit des Auftritts, die sich in jeder Zuschauerschaft in unzählige Wahrnehmungen aufspaltet. Thieme heizt an, frostet ein. Seine Aura kommt aus einem Talent an Aggression, das sich mit der Unaufgeregtheit eines Klotzigen paart, der seiner Ausstrahlung nicht aus dem Weg zu gehen versucht.

Der Schauspieler verließ 1984 die DDR - ging nach Wien, Frankfurt am Main und Westberlin (»Ich habe nicht an Repression gelitten, sondern an grauer, trister Atmosphäre, die mein Lebensgefühl abschnürte«). Ein Fußballnarr, ein Turnschuh- und Basecapträger; keinesfalls verstört, wenn man ihn in Kino- und TV-Filmen nach Typ besetzt: die gewieften Honoratioren, die lauernden Paten, die kleinbürgerlichen Großkotze, die gutsituierten Gauner, die kalten feisten Militärs. Er war Helmut Kohl, Uli Hoeneß - und war es glänzend! So, wie er am Nationaltheater Weimar jahrelang Goethes Faust war. Er gab Schillers Gessler und spielte, in eigener Inszenierung, in Bochum Büchners Danton.

Zwei schöne, beneidenswerte Bücher gibt es, Interviews mit dem Thüringer Feuilletonisten Frank Quilitzsch: Tiefgrabungs-Telefonate mit schönem Oberflächen-Entree: »Herr Thieme, wo sind Sie?« Mal Handy, mal Festnetz, aber nie lange Leitung, sondern Witz, Wahrhaftigkeit, Wut und Wurschtigkeit. Thieme erzählt von seiner Hassliebe zum Heimatort Weimar, von seinen einstigen Architekten-Träumen, von seinen Anfängen als Egmont, vom Arbeitertheater, das ihn »vielleicht vor der schiefen Bahn« bewahrte.

In Abständen, für die es kein Gesetz gibt, schafft sich die Kunst eine Zeit der schweren Männer. Der düster flammende Emil Jannings. Der schäumende Lebenslüstling Heinrich George. Der klassizistisch tönende Will Quadflieg. Der ebenfalls sprachbarocke Willy A. Kleinau. Der schwitzendzarte Ulrich Wildgruber. Der erdige, schwer-kindige Kurt Böwe. Der grantig tapsende Gerd Fröbe.

Und nun Thieme. Heute vielleicht der besessenste Lakoniker im Niederwalzen alles zerglättet Künstlichen.

In ihm möchte massige Natur einen Nachweis bringen. Dass sie zu schweben versteht. Dass sie dabei aber Kraft bleibt und dass die Raumverdrängung ein sinnlicher Vorgang ist. Heute wird dieser großartige Kerl 70 Jahre alt.

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