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Dein Freund und Trinker

Thomas Hüetlin hat eine Biografie über und mit Udo Lindenberg geschrieben

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 6 Min.

Nervenberg ist ein Spitzname von Udo Lindenberg. Der Mann nervt ja auch voll ab: sein Hutgehabe, seine merkwürdige Sprache und seine unwitzigen Bilder, die er »Likö relle« nennt (und sich als Marke hat schützen lassen). Dazu kommt noch die ganze schlechte Musik, die er spätestens seit Mitte der 80er Jahre runterproduziert hat.

Den Spitznamen »Nervenberg« aber bekam Lindenberg verpasst, als er mit 15 im Breidenbacher Hof in Düsseldorf Hotelboy lernte. Da war er tagsüber nicht auf der Höhe, weil er nachts nicht schlafen konnte - in einem winzigen Zimmer zur Untermiete. Denn er wusste, er war ein sehr guter Schlagzeuger. Er war doch extra aus der Kleinstadt Gronau nach Düsseldorf gekommen, um so berühmt zu werden wie Gene Krupa, der erste Star-Drummer des Jazz. Zur Beruhigung trank Lindenberg nachts Biere und Schnäpse und war dann verkatert, nervös und depressiv.

In Gronau hatte man ihn »Trommel-Mozart« genannt, ab elf spielte er in Jazzbands. Sein Vater, ein unzufriedener Klempner, hatte nur nachts in der Küche mit dem Kochlöffel Opern von Platte dirigiert, wenn er besoffen nach Haus kam. Da musste die ganze Familie zusehen. Sein Sohn aber war extrem talentiert. Er wusste es, und er hatte Angst.

Die Erfolgsgeschichte von Udo Lindenberg ist eine Trinkergeschichte, bis er sich 2001 mit 4,7 Promille selbst ins Krankenhaus einliefert, eigentlich eine tödliche Dosis. Der »Spiegel«-Reporter Thomas Hüetlin hat diese Geschichte nun aufgeschrieben, zusammen mit Lindenberg, der hier immer nur »Udo« heißt. So wie Beckenbauer, als er noch beliebt war, in »Bild« nur »Franz« hieß oder die SPD bis heute von »Willy«, dem Bundeskanzler Brandt schwärmt.

Das kumpelhafte »Udo« steht für den lindenbergischen Lockerheitsdruck, ist aber auch Kose- und Kurzform für seine Bedeutung im bundesdeutschen Popgeschäft. Mit seinem Kumpel Steffi Stephan wechselte er vom Jazz zur Rockmusik, weil da mehr los war, auch finanziell. Wie im Lehrbuch machten sie die Ochsentour durch die Klubs, bestimmt zehn Jahre lang.

Lindenberg begriff sich als Pionier. Er war nicht der Erste, der Rock auf Deutsch sang, aber der einflussreichste. Hippierock mit deutschen Texten veröffentlichten Ihre Kinder schon 1969. Zwei Jahre später folgten Ton Steine Scherben mit politischem Proto-Punk. Doch Udo Lindenberg schuf 1973 mit dem Album »Alles klar auf der Andrea Doria« laut Hüetlin so etwas wie den deutschen »Fänger im Roggen«. Zwanzig Jahre nach dem US-Schriftsteller J. D. Salinger etablierte auch Lindenberg in der BRD einen neuen lakonischen Stil für junge Leute, nur lustiger.

Er hatte viel Fantasie: »Irgendwie musste man diese Sprache, die so eckig und streng klang, so nach Verkehrspolizei und Tagesschau, doch lockerklopfen können.« Das hatte er sich auf einer England-Tournee überlegt, als er für Inga Rumpfs Band Atlantis trommelte. Da war sein Debütalbum »Lindenberg«, das er 1971 noch komplett in bravem Schulenglisch eingesungen hatte, schon gefloppt. Dann nahm er einen schlimmen Liebesschlager als Single auf (»Sommerliebe«), um auf der Rückseite »Hoch im Norden« im neuen, witzigen Stil zu lancieren. Dieses Lied wurde dann auch im Radio gespielt.

Danach klangen Lindenberg-Songs nur noch so. Deutsche Texte, aber »das Fließende, das Groovende, das Knallende (...) war englisch, amerikanisch«, wie Hüetlin schreibt. Lindenberg sang sie mit einer Stimme, »die einem in Böblingen oder Celle oder Landshut einfach mal auf die Schulter klopfte wie ein älterer Bruder oder großer Freund«. Sie handelten vom Alltag, kleinen Fluchten und mittelschweren Abstürzen. Notizen dazu machte er sich in der Kneipe, vor allem im Hamburger Jazzklub Onkel Pö. Hier war »Spinnen« angesagt: »Im Rest des Landes ein Schimpfwort, war es im Pö ein Ehrenwort, eine Möglichkeit zu fantasieren und dabei selbst fantastisch zu werden«. Deshalb schuf Lindenberg für seine Texte wie hierzulande sonst nur der linke Liedermacher Franz Josef Degenhardt eine Welt skurriler Charaktere wie für ein Comic-Heft: den Fußballer Bodo Ballermann, den Rennfahrer Riki Masorati oder den Mafioso Johnny Controlletti.

Und dann war er auch noch links - »Mach dein Ding!« lautete seine Parole. Klingt heute stumpf, war aber mal aufregend. Auch für ihn selbst: Lindenberg war der erste deutsche Künstler, der eine Million DM Vorschuss für eine Platte bekam. Da war er noch am Anfang, aber schon sein eigener Manager. Egal, wie besoffen er war, »die Quittung bitte« konnte er laut Ulla Meinecke immer sagen, wenn er aus dem Taxi fiel.

Er wusste: »Der Superstar der Zukunft muss Topdichter, Topsänger und Topdarsteller sein«, und funkte auf fast allen Kanälen, nahm alle acht Monate ein neues Album auf und dachte zeitweise darüber nach, mit einer »Panik Partei« in die Politik zu gehen. Stattdessen wurde er Unterstützer der frühen Grünen, als die noch von den »Schlagerfuzzis« (Lindenberg) gefürchtet waren.

Für die Macht des Lindenberg (er würde »Power« sagen) steht »das Erschaffen einer ganz eigenen Udo-Welt (…), da brauchte man keinen Reisepass , nur den Willen zuzuhören«. Das galt besonders für die DDR, wo er nur ein Konzert geben durfte, 1983 im Palast der Republik. Lindenberg war der SED nicht geheuer. Obwohl er als einer der Ersten den »Krefelder Appells« gegen die NATO-Aufrüstung unterschrieben hatte. Vielleicht war Lindenberg mit seiner Parole »Mach dein Ding« sogar der einflussreichste BRD-Politiker in der DDR.

Die Scherze, die er in den 80erJahren mit Erich Honecker machte (»Sonderzug nach Pankow«), sind jedenfalls seine letzten gelungenen, historisch betrachtet. Damals hörten auch die guten Lieder auf. Das Comeback-Album von 2008, »Stark wie Zwei«, ist zwar sehr okay, aber überschätzt. Trotzdem war es seine erste Nummer 1 in den deutschen Albumcharts. Vorher war er aus seinem Plattenvertrag geflogen, weil er nur noch 7000 Einheiten verkaufte, und musste auf Kreuzfahrten singen.

Anfang der 80er hatte sich das Rebellische bei ihm erschöpft und wirkte zunehmend bescheuert, es gab nun Indiemusik, und Lindenberg wurde vom »Bürgerschreck zum Bürgermeister«, wie es sein Anhänger Benjamin von Stuckrad-Barre ausgedrückt hat. Glaubt man Hüetlin, ist Lindenberg aber aus allen Krisen gestärkt hervorgegangen. Er füllt nun Fußballstadien. Ein Nationaldenkmal wie in Frankreich Johnny Hallyday. Oder doch eher das männliche Pendant zu Mutter Beimer?

Das einzig Störende an dem Buch »Udo« sind die Illustrationen, denn sie stammen von Lindenberg selbst. Dagegen schreibt Hüetlin einen ausgezeichneten Stil, auch weil er das typische Lindenberg-Gesprächs-Larifari vermeidet.

Viele der alten Geschichten kennt man aus dem Interviewbuch »Hinter all den Postern«, das 1979 erschien und dessen Autor Steve Peinemann merkwürdigerweise nicht erwähnt wird. Lindenberg quatschte ihm damals einfach auf Band. Dagegen formt Hüetlin die Promotion zu eigenständiger Literatur. Was immer man von Lindenberg auch halten mag, Hüetlin ist sehr gut mit ihm umgegangen.

Udo Lindenberg mit Thomas Hüetlin: Udo. Kiepenheuer & Witsch, 352 S., geb., 24 €.

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