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  • Kultur
  • Novemberrevolution 1918

Wie alles begann

Als die Matrosen der kaiserlichen Kriegsmarine gegen ein Himmelfahrtskommando meuterten

  • Von Martin Stolzenau
  • Lesedauer: 5 Min.

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Es mag merkwürdig erscheinen: Nahe dem Haupteingang des Friedhofes im thüringischen Weimar, befindet sich das Grabmal für einen Admiral. Und zwar für Reinhard Scheer, den Sieger der Schlacht am Skagerrak 1916. Sein Sieg über die britische Flotte brachte ihm Ruhm und etliche Einträge in den Geschichtsbüchern ein. Weitaus weniger bekannt ist, dass er als Chef des Admiralstabes der kaiserlichen deutschen Kriegsmarine im Herbst 1918 die großen Schlachtschiffe nach zwei Jahren Tatenlosigkeit in ihren Heimathäfen vor Wilhelmshaven konzentrierte. Als Grund hierfür wurde offiziell ein Manöver angegeben. In Wahrheit jedoch wollte Scheer wider besseres Wissen über die militärische und ökonomische Lage Deutschlands mit einer letzten siegreichen Seeschlacht noch eine Wende im bereits verlorenen Krieg erzwingen. Ein Geheimbefehl vom 28. Oktober diktierte das Auslaufen der deutschen Großkampfschiffe in Richtung Großbritannien in den letzten Oktobertagen des Jahres 1918. Selbst der Marineleitung war klar, dass es sich hierbei um ein Himmelfahrtskommando handelte. So hieß es in der Begründung des Befehls: »Wenn auch nicht zu erwarten ist, dass hierdurch der Lauf der Dinge eine entscheidende Wendung erfährt, so ist es doch aus moralischen Gesichtspunkten eine Ehren- und Existenzfrage der Marine, im letzten Kampf ihr Äußerstes getan zu haben.«

Die Mannschaften freilich sahen dies anders. Als Erste verweigerten sich am 30./31. Oktober die Matrosen und Heizer in Wilhelmshaven dem mörderischen Befehl. Die Marineleitung reagierte mit Verhaftung der »Rädelsführer«. Die Meuterei griff jedoch rasch auf andere deutsche Hafenstädte über, einem Dominoeffekt gleich. Der Kieler Matrosenaufstand am 3. November 1918 leitete de facto die deutsche Novemberrevolution ein, die zum Zusammenbruch des morschen deutschen Kaiserreiches führte. Drängt sich die Frage auf, wie die deutsche Geschichte ohne Scheers Geheimbefehl verlaufen wäre.

Nicht nur die deutsche, sondern gar die europäische Geschichte habe der Aufstand der Kieler Matrosen und Arbeiter beeinflusst, ist Martin Rackwitz überzeugt. Der auf die Geschichte von Schleswig-Holstein im 19. und 20. Jahrhundert spezialisierte Historiker, geboren 1970 im Binnenland, in Münster, hat zahlreiche neue Quellen erschlossen und lässt Originalstimmen zu Wort kommen. An die Meuterei in Wilhelmshaven und den Aufstand in Kiel erinnert zum 100. Jahrestag auch Sonja Kinzler, fünf Jahre jünger als Rackwitz und erfahrene Kuratorin, die eng mit dem Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum zusammenarbeitet. In dem von ihr herausgegebenen Band diskutieren ausgewiesene Experten in eindrucksvollen 40 Essays die Voraussetzungen und die Bedeutung der Matrosenunruhen in der Umbruchphase zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Über 200 historische Fotos, Gemälde, Flugblätter und Plakate veranschaulichen die Ereignisse. Erfreulich an diesen beiden Publikation ist zudem, dass sich die jüngere Generation von Historikern - wie hier offenkundig - unvoreingenommen und sachlich-objektiv der deutschen Revolution annimmt.

Ende Oktober 1918 waren Wesermündung und Jadebusen vollgepfropft von deutschen Großkampfschiffen. Deutsche Minensuchboote hatten bereits die Fahrtroute bis zu den Orkney-Inseln freigeräumt, wo sich der britische Kriegshafen Scapa Flow befand, vor dem das Gros der Schiffe der Royal Army ankerte. Die deutsche Flotte war voll aufmunitioniert und reichlich mit Lebensmitteln zur Versorgung der Mannschaften eingedeckt. Dann kam der Befehl »Seeklar!«. Auf dem Panzerkreuzer »Thüringen«, der in der Skagerrak-Schlacht Großbritanniens Stolz, die »Black Prince« versenkt hatte, lehnten es die Matrosen kategorisch ab, die Anker zu lichten. Die »Thüringen« entwickelte sich zum Flaggschiff der Meuterei in Wilhelmshaven, die binnen kurzer Zeit auf die »Markgraf« und die »Helgoland« übergriff. Die Heizer rissen das Feuer aus den Kesseln. Die Matrosen besetzten Geschützbatterien und hissten am Mast die rote Fahne. Die Offiziere verbarrikadierten sich auf dem Achterdeck. Die Marineführung brachte ein U-Boot sowie ein Torpedoboot gegen die »Meuterer« in Stellung und ließ in der Stadt stationierte Marineinfanterie anrücken. Fast 1000 Mann von den drei hauptsächlichen Unruheschiffen wurden verhaftet und unter strenger Bewachung zur Bestrafung an Land gebracht. Dabei kam es zu mehr als einem Handgemenge, wobei keine Todesopfer zu beklagen waren.

Die Meuterei in Wilhelmshaven bewog die Marineleitung, ihren Schlachtplan fallen zu lassen. Ein Flottengeschwader blieb vor Ort, das zweite dampfte zurück nach Brunsbüttelkoog und das dritte nahm über den Nord-Ostsee-Kanal, den damaligen Kaiser-Wilhelm-Kanal, Kurs auf die Kieler Förde, wo die Ereignisse eskalierten.

Matrosen und Heizer verbündeten sich mit den ebenfalls kriegsmüden Frontsoldaten sowie der Kieler Bevölkerung. Nach einer Versammlung im Gewerkschaftshaus, auf der die Freilassung der Inhaftierten gefordert wurde, verschärfte sich die Situation weiter. Die Protestierenden versammelten sich auf dem Kieler Exerzierplatz und marschierten dann durch die Straßen der Hafenstadt mit Sprechchören. Der Gouverneur von Kiel, Admiral Wilhelm Souchon, schickte eine kaisertreue Einheit und Kadetten los und ließ sie auf die friedlichen Demonstranten schießen. Sieben Tote und 29 Verletzte waren die bittere Bilanz, die das Fass zum Überlaufen brachte. Die Mannschaften des Flottengeschwaders sowie der Küstenmarine entwaffneten nun die meisten Offiziere. Sie erhielten Rückendeckung von den Arbeitern der Torpedowerkstatt sowie der Germaniawerft. Am 3. November 1918 wurde in Kiel der erste deutsche Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Und am Abend des denkwürdigen Tages versammelten sich über 20 000 Kriegsgegner auf dem Kieler Wilhelmsplatz. Der am Folgetag von Reichskanzler Prinz Max von Baden nach Kiel entsandte Sozialdemokrat Gustav Noske, der damals noch mit brausendem Hurra willkommen geheißen wurde, konnte die aufgebrachten Gemüter nicht beruhigen.

Nach der erzwungenen Freilassung der Gefangenen erhoben die Revolutionäre, unterstützt von Mitgliedern der 1917 gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) sowie linken SPD-Mitgliedern, weitergehende Forderungen: neben der sofortigen Beendigung des Krieges die Abdankung des Kaisers sowie der Beseitigung aller Monarchien in Deutschland bis hin zur Errichtung einer »freien Volksrepublik« mit Pressefreiheit und gerechtem Wahlrecht. Das war die Initialzündung für die deutsche Novemberrevolution.

Mit den Kieler Ereignissen befassten sich auch Christian Lübcke und Lea Fröhlich. Niemals hat es in der deutschen Militärgeschichte eine Meuterei von solchem Umfang und mit einer solchen Tragweite gegeben, betonen sie zu Recht. Und natürlich fehlen die Ereignisse von Wilhelmshaven und in Kiel auch in keiner der zahlreichen Monografien, die in diesem Jahr zum 100. Jahrestag der deutschen Revolution erschienen sind. Die Fülle der Publikationen überrascht und befriedigt, ist doch über Jahrzehnte in der Bundesrepu-blik die Novemberrevolution stiefmütterlich behandelt, verunglimpft oder gar verschwiegen worden.

Sonja Kinzler (Hg.): Die Stunde der Matrosen. Kiel und die deutsche Revolution 1918. Theiss, 300 S., geb., 24,95 €;

Martin Rackwitz: Kiel 1918. Revolution, Aufbruch zu Demokratie und Republik. Wachholtz, 220 S., geb., 19,90 €; Christian Lübcke/Lea Fröhlich: Revolution in Kiel! Das geschah im November 1918. RWM-Bureau, 124 S., br., 24,90 €.

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