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Eine »solide Grundlage« für Keynes

Nicht nur auf der 11. Marx-Herbstschule wird über die Aktualität von Karl Marx diskutiert

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 3 Min.

Viel war dieses Jahr bereits über Karl Marx zu hören und zu lesen. Nachdem die großen Konferenzen rund um seinen 200. Geburtstag im Mai zu Ende waren, schien es zwar wieder etwas ruhiger um ihn zu werden, doch geistert der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus weiter durch die Debatten. Da wäre ein Essay in der »Süddeutschen Zeitung«, in dem der Wirtschaftsredakteur Alexander Hagelüken mit Verweis auf Marx und den Jahrhundertökonomen John Maynard Keynes aufgrund der Digitalisierung, die in den kommenden Jahren Millionen Arbeitsplätze vernichten könnte, eine Debatte über die Neuaufteilung von Kapital und Arbeit fordert.

»Wie lassen sich die Arbeitnehmer an den Firmen beteiligen, ohne die Effizienz des kapitalistischen Modells zu opfern?«, fragt Hagelüken. Sozialistische Planwirtschaft wolle keiner. »Man bräuchte also Marx ohne Murks. Und ohne Diktatur.« Und: »An ein solches Konzept sollten sich jetzt die klügsten Ökonomen setzen.« Damit die Menschen nicht mehr in Angst vor der Maschinenära erstarrten, sondern die Arbeitswut der Maschinen genießen können, fordert Hagel- küken, frei nach der vom jungen Marx und zum Teil von Friedrich Engels verfassten »Deutschen Ideologie«, eine Gesellschaft, die es einem »möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe«.

Unterdessen hat man in Berlin vergangenes Wochenende eher den alten, den ökonomischen Marx diskutiert. Auf der 11. Marx-Herbstschule, die unter anderem von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Verein Hellen Panke und dem kommunistischen »Um’s Ganze«-Bündnis organisiert wurde, diskutierte man unter dem Motto »Weltmarkt und Krise«, wie die kapitalistische Verwertungslogik und die Globalisierung zusammenhängen. Zwar habe Marx keine ausgearbeitete Theorie über Außenhandel und Weltmarkt hinterlassen, waren sich die Experten sicher, doch liege eine sehr große Materialsammlung von ihm dazu vor.

»Marx war schon klar: Der Weltmarkt ist der historische Ausgangspunkt des Kapitals«, erklärte Experte Michael Heinrich am Sonntagmorgen. Die Weltmarktverhältnisse führten dazu, dass sich in den einzelnen Ländern die kapitalistischen Verhältnisse verstärken. »Ein moderner Kapitalismus ohne Weltmarkt geht überhaupt nicht«, so Heinrich. Oder mit Marx’ eigenen Worten: Der Weltmarkt bilde »überhaupt die Basis und die Lebensatmosphäre der kapitalistischen Produktionsweise«, wie er im unvollendeten dritten Band seines Hauptwerks »Das Kapital« schrieb.

In den vergangenen Tagen sprachen nicht nur die üblichen Verdächtigen über den Politökonomen aus Trier. Sein Werk war auch auf der Konferenz des Forums für Makroökonomie und Makropolitik vergangene Woche in Berlin ein Thema. In einem Workshop diskutierten dort gestandene Ökonomen abseits des Mainstreams, ob das geistige Erbe von Marx weiterhin aktuell ist. Ihnen ging es dabei vor allem darum, Marx’ Gedanken in Einklang mit jenen von Keynes und dessen Nachfolgern zu bringen.

Einer der Teilnehmer dieser Diskussion war Sahra Wagenknechts Doktorvater, Fritz Helmedag, der an der Technischen Universität Chemnitz lehrt. Ihm zufolge wollten sowohl Marx als auch Keynes die Ursachen für die gravierenden Defizite der modernen Marktwirtschaften aufdecken. Dabei sei Marx’ Arbeitswerttheorie eine »solide Grundlage« für Keynes Anliegen, die Bedingungen für Beschäftigung zu untersuchen.

Keynes selber hielt indes wenig von Marx. Über »Das Kapital« schrieb der britische Ökonom, dass es trist, veraltet und sein Wert für die Ökonomie gleich »null« sei. Den Berliner Professor Eckhard Hein hält diese Aussage aber nicht ab, die Bedeutung von Marx für die sogenannten Postkeynesianer herauszustellen. Dies ist eine Schule von Volkswirten, die sich neben den Arbeiten von Keynes unter anderem auf jene des polnischen Forschers Michał Kalecki stützt.

Sowohl Marx und Keynes als auch Kalecki haben dabei gemeinsam, dass sie dem Geld eine außerordentliche Stellung im Kapitalismus zuweisen. In Bezug auf Marx hat dies übrigens vor allem Michael Heinrich, der auf der Marx-Herbstschule sprach, nachgewiesen, der Marx’ Arbeitswerttheorie auch als eine monetäre Werttheorie, also eine Geldwerttheorie bezeichnet.

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