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Unter Ersatzalphatieren

»House of Cards« startet ohne Kevin Spacey ins Serienfinale

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Ying ohne Yang? Dick ohne Doof? Berlin ohne Schulden? Bayern München ohne Titel? Es gibt Paare, deren Trennung kaum vorstellbar ist. Doch seit Angela Merkel ihren Rückzug von Partei- und Kanzleramt angekündigt hat, wird das Undenkbare denkbar: »House of Cards« ohne Kevin Spacey. Seit sein sexueller Machtmissbrauch publik wurde, ist der Oscar-Gewinner schließlich nicht besetzbar - was die Frage aufwirft: Ist er ersetzbar? Mit ihm war die Sky-Serie für Kritik wie Publikum 65 Folgen lang das Nonplusultra des skrupellosen Karrieristen - besser als das BBC-Original oder »Borgen«. Vor allem aber: besser als die Realität, in der sich auf ihrem Weg ins Weiße Haus oder höher selbst verlogene Narzissten am Ende wenigstens Morde verkneifen. Spaceys Präsident Francis Underwood dagegen war niemand zu wertvoll, um nicht mit dessen Leiche den Weg nach oben zu pflastern. Bis auf eine: seine Frau Claire. Die faszinierendste Frauenfigur aller Fernsehzeiten ist so imposant, abgründig und sexy, so intrigant, ehrgeizig und smart, dass sie im Finale von »House of Cards« das Unfassliche schafft: Kevin Spacey zu steigern.

Nachdem er ihre Präsidentschaft am Ende der fünften Staffel mit einer Reihe - laut einhelliger Meinung des politischen Washington - glaubhafter Kabalen erwirkt hatte, stirbt Francis vor der sechsten. Und weil sich sein Darsteller im MeToo-Orkan selbst für den Todesmoment disqualifiziert hatte, übernimmt Robin Wright seinen Part als machtbesessenes Alphatier. Und wie: Gleich zu Beginn lässt sie sich Hassmails vorlesen, mit denen die erste Frau im Amt bombardiert wird. Selbst Tötungsfantasien will Madam President hören. »Jede einzelne«, sagt sie, schaut so süffisant wie Francis, beteuert aber bei einem ihrer Grabenkämpfe im eigenen Umfeld: »Was immer er versprochen oder getan hat, wurde mit ihm beerdigt.«

Trotzdem geistert ihr Vorgänger als Referenzgröße durch die ersten drei Folgen, weshalb sich auch seine Nachfolgerin gern ans Publikum wendet. Wenngleich, um ein für allemal zu klären: Ich mache alles anders. So weit die Theorie. In der Praxis regiert Madam President von Beginn an so brachial, dass ihr schon nach 20 Minuten eine Kugel um die Ohren fliegt. Und als sie im ersten Cliffhanger verrät, »ein Mann wie Francis stirbt natürlich nicht einfach«, nährt das den Verdacht, eine Frau wie Claire sei daran nicht unschuldig. Trotzdem ist sie schon deshalb interessanter als Francis, weil seine Rücksichtslosigkeit allenfalls einer schwierigen Kindheit entsprang, während die ihre auch um weibliche Befreiung von männlicher Dominanz ringt. Francis’ Machtgier spiegelt sich so gesehen in Kevin Spaceys Privatleben. Die emanzipatorische Abwehrschlacht der Serienpräsidentin dagegen wurde über Jahre auch von Robin Wright ausgefochten. Für gleiche Bezahlung gleicher Arbeit. Sie hat ihn gewonnen.

Denn nach 65 Einsätzen steht die 52-Jährige da, wo sie hingehört: auf Platz 1 der Besetzungsliste. Ob nur für die finale Staffel, dürfte allerdings immer noch von den Zugriffszahlen abhängen. Sollte sich Robin Wright auch in der Zuschauergunst durchsetzen, wäre die Fortsetzung nicht nur denkbar, sondern wünschenswert. Denn die Tatsache, dass Protagonist und Antagonist, Gut und Böse hier erstmals in Gestalt einer Frauenfigur verschmelzen, macht Hoffnung auf die Kraft der Emanzipation im Filmgeschäft.

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