Pflegenotstand

»Trotzdem sind es ja Menschen«

Die Auszubildende Käte Kalhorn über Frust und Erfüllung, die ein Job in der Pflege mit sich bringt. Und was sie motiviert, für Verbesserungen zu kämpfen.

Von Marie Frank

Überlastung, Dauerstress, Zeitmangel - die Arbeitsbedingungen im Gesundheitssystem haben einen denkbar schlechten Ruf. Warum sind Sie trotzdem in die Pflege gegangen?

(lacht) Auweia. Weil ich mir dessen nicht bewusst war.

Nein?

Ich habe nie drüber nachgedacht. Ich habe das gemacht, weil ich das Wissen und die Fähigkeiten erlernen wollte. Personalmangel war mir bis dahin ein Fremdwort. Das habe ich erst mitgekriegt, als ich auf die Station gekommen bin.

Haben Sie mal an Ihrer Entscheidung gezweifelt?

Ja klar.

Warum sind Sie trotzdem dabei geblieben?

Weil ich jetzt schon merke, wie viel ich kann und dass ich jeden Tag Menschen helfe. Auch im alltäglichen Leben. Wenn ich beispielsweise meinen Großeltern, wenn sie mit einem Arztbrief nach Hause kommen, erklären kann, was los ist, welche Medikamente sie nehmen müssen, was für Wirkungen diese haben oder was man noch machen könnte. In solchen Situationen merke ich, wie wichtig dieses Wissen ist.

Für Sie kommt ein Berufswechsel also nicht infrage?

Irgendwann schon. Ich weiß, dass ich es nicht ewig durchhalten werde. Was ich mir vorstellen kann ist, dass ich eine halbe Stelle in der Pflege mache und nebenbei etwas anderes.

Damit wären Sie ja nicht die Einzige. Woran liegt das?

Schichtdienst ist echt anstrengend. Ich hatte jetzt sechs Spätdienste und habe gemerkt, dass mein Sozialleben nicht mehr existiert. Wenn man eine Familie hat, ist das schwierig mit einer Hundert-Prozent-Stelle.

Trotzdem nehmen Sie das auf sich. Warum?

Man kriegt von den Patienten immer sofort gespiegelt, wenn man ihnen geholfen hat. Das ist klassisch: Alle, die in der Pflege arbeiten, sagen, dass sie das so gern tun, weil es diese Dankbarkeit gibt, und man sofort etwas bewirken kann.

Gab es einen Moment, in dem Sie dachten, dafür mache ich das?

Als ich auf der Intensivstation gearbeitet habe, gab es einen Patienten mit zwei großen Operationen. Er hatte HIV und eine Lungenerkrankung und konnte deshalb nicht beatmet und ins künstliche Koma versetzt werden. Er hat extreme Schmerzen durchlitten und war teilweise nicht ansprechbar. Zwei Stunden habe ich bei ihm am Bett gesessen und habe ihm irgendwas erzählt. Nach einer Woche ging es ihm deutlich besser und er konnte sich an alles erinnern. Da habe ich gemerkt, dass ich ihm geholfen habe, einfach, weil ich ihm meine Zeit geschenkt habe.

Ihr schlimmstes Erlebnis?

Schwierig wird es, wenn die Menschenwürde leidet. Das passiert aufgrund des Personalmangels immer mal wieder. An eine Situation erinnere ich mich deutlich: Das war im Pflegeheim, in einem Doppelzimmer lagen zwei alte bettlägerige Damen. Ich habe einem Pfleger assistiert, der eine der Frauen gewaschen hat. Bei der anderen Frau waren noch zwei weitere Menschen mit dabei, die haben sich alle miteinander unterhalten. Nebenbei hat der Pfleger die Frau gewaschen: sie komplett aufgedeckt und mit dem Lappen über ihren nackten Körper gewischt. Die Frau konnte nicht mehr sprechen, sie hatte nur noch ein bisschen Kraft in den Händen und hat versucht, seine Hand wegzunehmen, weil ihr das unglaublich unangenehm war. Er hat sie nicht mal angeguckt und ihr nicht gesagt, was er gerade macht. Er hat sich einfach mit den anderen unterhalten. Ich bin dann rausgegangen, weil ich das nicht aushalten konnte.

Wie sehen die Herausforderungen im Alltag einer Pflegerin aus?

Was ich sehr bewundere und auch immer selbst versuche, ist, wenn man in ein Patientenzimmer kommt, ohne dass sie mitkriegen, dass draußen Stress herrscht, und man sich trotzdem Zeit nimmt. Man muss viele verschiedene Dinge gleichzeitig tun und dabei immer ein Lächeln auf den Lippen haben. Man muss körperlich belastbar sein, aber auch psychisch. Das Wichtigste ist, dass man die Menschen immer wie Menschen behandelt und sie nicht einfach nur abarbeitet.

Wie ist das, wenn man die Patienten im Akkord »abarbeiten« muss? Kann man dann noch persönliche Bindungen aufbauen?

Ja, das geht. Es klingt vielleicht wie Fließbandarbeit, aber trotzdem sind es ja Menschen, mit denen man zu tun hat. Der Personalmangel ist für Pflegekräfte ein großes Thema, aber es bleibt ein total schöner Beruf. Ich mache das ja auch wegen der verschiedenen Menschen und Schicksale, die ich kennenlerne. Das klappt trotz Personalmangel. Wenn wir über das große Ganze reden und würde es nach mir gehen, würde ich die Fallpauschalen abschaffen.

Wie könnten die Arbeitsbedingungen verbessert werden?

Mehr Geld, vor allem die Schichten könnten besser bezahlt werden. Die Arbeitsbedingungen könnten verbessert werden, indem Aufgaben, die keine für Pflegekräfte sind, an andere abgegeben werden.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel Essen austeilen. Arbeitsabläufe könnten besser organisiert sein. Und immer diese ausführlichen Dokumentationen ... Warum ist die so wichtig? Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr im Vordergrund stehen.

CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn hat eine Pflegeoffensive angekündigt und verschiedene Maßnahmen vorgestellt, wie Personaluntergrenzen und mehr Pflegestellen. Was halten Sie davon?

Es ist gut, dass überhaupt etwas getan wird. Bei den Personaluntergrenzen ist zu befürchten, dass diese als Mindestniveau festgelegt werden. Wenn beispielsweise drei Pflegekräfte auf einer 40-Betten-Station arbeiten, und das reichen soll, weil die Minimalversorgung gewährleistet ist, wird es gefährlich. Die 13 000 neuen Stellen in der stationären Altenpflege, die Herr Spahn schaffen will, sind ein Tropfen auf den heißen Stein.

Es mangelt auch an verfügbarem Pflegepersonal. Was kann man tun?

Mehr Pflegepersonal ausbilden. Das dauert natürlich eine gewisse Zeit, bis die neuen Pflegekräfte tatsächlich auf den Stationen ankommen. Es hilft aber auch schon, wenn die Auszubildenden da sind, sie arbeiten ja mit. Die Bedingungen für Auszubildende müssen trotzdem verbessert werden. Pflegekräfte aus dem Ausland müssen eingearbeitet werden, auch das dauert seine Zeit.

Haben Sie schon mal daran gedacht, ins Ausland zu gehen? In die Schweiz, nach Norwegen, wo die Arbeitsbedingungen deutlich besser sind?

Eigentlich nicht. Ich habe bis jetzt auch keine Pfleger getroffen, die auswandern wollten. Irgendwie hängen doch alle an den Einrichtungen, in denen sie arbeiten. Viele sind mit Herz dabei, sie wollen die Patienten nicht leiden lassen und arbeiten dann lieber noch ein bisschen länger oder schneller.

Warum engagieren Sie sich beim »Walk of Care«, der sich für menschenwürdige Pflege einsetzt?

Wir müssen selbst etwas tun und können nicht darauf warten, bis irgendjemand von oben auf Ideen kommt. In der Pflege ist es allerdings sehr schwer, die Leute zu mobilisieren. Vor allem, weil Schichtdienst alle knülle macht und die Leute nach einer Schicht kaum noch Lust haben, sich drei Stunden hinzusetzen und eine Demo zu organisieren.

Sie aber schon.

Ja. Es ist anstrengend, aber es geht. Auf manchen Demos entstehen coole Banner, mit denen wir jetzt in Berlin eine Ausstellung eröffnet haben. Außerdem haben wir einen Verein gegründet: »Pflegekultur ankurbeln«, und einen Health-Slam organisiert, eine Art Poetry-Slam mit Gesundheitsthemen. Außerdem vernetzen wir uns in ganz Deutschland. Mittlerweile wollen mehrere Städte einen »Walk of Care« organisieren.