Ryanair

Ende einer Streikbasis

Die Schließung des Ryanair-Standorts Bremen ist eine Machtgeste.

Von Ines Wallrodt

Am Sonntag wird Flugbegleiterin Susanna Laris zum letzten Mal mit einer Ryanair-Maschine in Bremen landen. Abheben wird sie von hier nicht noch einmal. Denn ab Montag ist die Basis geschlossen. Vor nicht einmal vier Wochen hat es Susanna aus einer E-Mail an alle Ryanair-Beschäftigten erfahren. Unter der Überschrift Gewinnwarnung, die für dieses Jahr »nur noch« gut eine Milliarde Euro prognostiziert, enthielt die Nachricht auch die Ankündigung, dass deshalb in Deutschland ab 5. November die Basis Weeze am Niederrhein verkleinert und Bremen geschlossen wird. In den Niederlanden trifft es den Standort Eindhoven. »So wurde das bekannt gemacht«, sagt Susanna, was nicht ihr richtiger Name ist, auch sonst darf nichts geschrieben werden, was Rückschlüsse auf ihre Person zulässt, denn vielleicht wird sie trotzdem weiter für Ryanair arbeiten. Wenige Tage vor der Schließung der Basis weiß sie noch nicht, wie es für sie weitergeht. Kündigen oder Kilometer entfernt von einer neuen Basis fliegen? Aber wie soll das gehen, mit Mann und Haus in Bremen und Kindern, die hier zur Schule gehen? Sie würde sie tagelang nicht sehen.

Dass Flugbasen geschlossen werden, ist nicht unüblich, aber die Kaltschnäuzigkeit in diesem Fall ist selbst für Ryanair-Maßstäbe außergewöhnlich. Bremen gehört zu den ältesten Standorten in Deutschland, seit elf Jahren hat der irische Billigflieger hier zwei Flugzeuge stationiert, viele der rund 90 Beschäftigten haben in dieser Zeit hier Wurzeln geschlagen. Nun mussten sie innerhalb von einer Woche entscheiden, wohin sie wechseln und nur drei Wochen später ganz neu beginnen. Mehr als 15 Flugbegleiter wurden entlassen. Einige haben lieber gekündigt. Für sie ist die Unternehmensentscheidung Rache. Strafaktion für die zwei Streiks im September, die ersten in Deutschland. Das Management hatte ihnen davor gedroht, wenn sie sich beteiligten, werde die Basis geschlossen. Sie haben trotzdem mit dafür gesorgt, dass zahlreiche Flugzeuge des größten europäischen Billigfliegers am Boden bleiben mussten. Die Schließung, sagt Susanna, sei auch ein Signal an alle anderen: »Jeder, der sich so benimmt wie Bremen, Eindhoven oder Niederrhein, dem kann das gleiche passieren.«

Bremen ist eine kleine, aber nicht irgendeine Basis, sondern die Keimzelle eines neuen Selbstbewusstseins der Ryanair-Beschäftigten. »Während des Streiks waren wir die stärkste Basis«, sagt Susanna. »Wir Flugbegleiter haben dafür gesorgt, dass eine Maschine nicht fliegen konnte.« Sie hat vor einem Jahr das Ganze ins Rollen gebracht, rief eine geheime WhatsApp-Gruppe ins Leben und nahm erstmals Kontakt zu ver.di auf - gegen die Drohung des Unternehmens, wer zur Gewerkschaft gehe oder gar streike, werde gefeuert.

»Natürlich ist das illegal. Aber bei Ryanair läuft alles über Einschüchterung«, sagt Susanna - Angst vor fristloser Kündigung, Angst vor willkürlicher Versetzung nach Polen oder Marokko, Angst davor, krank zu werden. Lohnfortzahlung gibt es nicht und wer mehr als drei Mal krank war, wird gern in die Konzernzentrale nach Dublin zitiert, die, das wurde erst kürzlich bekannt, mutmaßlich rechtswidrige Krankenakten führt. Dann lieber mit Fieber zur Arbeit. Inzwischen aber sind rund 90 Prozent der Ryanair-Flugbegleiter in Bremen gewerkschaftlich organisiert, sagt Susanna. Diese Basis wird nun zerschlagen.

O’Leary demonstriert noch einmal Härte. Für die Getroffenen ist das schmerzhaft. Aber Ryanair ist selbst angeschlagen. Auf allen Ebenen wächst der Druck: Von Seiten der Beschäftigten, die sich länderübergreifend absprechen und gemeinsam streiken, von der Politik, die Regelungslücken stopfen will oder anfängt, vorhandene Gesetze durchzusetzen, von Seiten der Gerichte, vor denen einzelne Beschäftigte immer wieder Etappensiege erringen. Es zeichnet sich ab, dass auch ein transnationales Unternehmen wie Ryanair nicht dauerhaft darauf setzen kann, durch Verlagerung von Einsatzorten und Schließung von Standorten die Ansprüche der Beschäftigten abzuwehren.

Seit Jahresbeginn muss sich der erklärte Gewerkschaftsfeind O’Leary in Deutschland auf Tarifverhandlungen einlassen. Es geht um Löhne, Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung für Flugbegleiter und Piloten. »Wir sind an einem Punkt, da gibt es kein Zurück. Eine Lawine ist ins Rollen gekommen«, sagt Markus Wahl von der Pilotenvereinigung Cockpit. Auch Flugbegleiterin Susanna sieht das so: »Früher war jeder für sich allein. Jetzt ist die Situation ganz anders. In fast jedem Land, wo Ryanair tätig ist, haben sich Gewerkschaften eingeschaltet.« Klar ist aber auch, dass ein Tarifvertrag allein nicht reichen wird. Entscheidend ist die betriebliche Mitbestimmung, gegen die sich O’Leary als Anhänger grenzenloser unternehmerischer Freiheit bis heute mit Händen und Füßen wehrt.

Die Schamlosigkeit des Ryanair-Chefs ruft bis in die Reihen der Unionsparteien Entrüstung hervor. Der gewachsene mediale und politische Druck ist für die Auseinandersetzung wichtig. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat versprochen, Piloten und Flugbegleitern die Gründung eines Betriebsrats auch ohne Tarifvertrag zu ermöglichen. Dafür muss eine Sonderregelung für Flugpersonal im Betriebsverfassungsgesetz geändert werden. Die Linkspartei, die das Thema im Bundestag gesetzt hat, will aufpassen, was aus der Ankündigung wird. Das Gesetz wäre sowohl Druckmittel als auch Absicherung in den zähen Tarifgesprächen. Wenn die Gewerkschaften nicht weiterkommen, könnte es ein Ausweg sein.

Ungemach könnte Ryanair auch von deutschen Zollbehörden drohen, wenn sie neuen Vorwürfen nachgingen, der Konzern unterstütze illegale Leiharbeit. Demnach ist die Mehrzahl des Kabinenpersonals bei irischen Leiharbeitsfirmen unter Vertrag, die in Deutschland keine Zulassung haben. Sollte eine Prüfung den Verdacht bestätigen, gingen diese Arbeitsverhältnisse möglicherweise automatisch auf Ryanair über. Ob am Ende gleich das gesamte Geschäftsmodell des Billigfliegers obsolet wird, wie manche hoffen, ist nicht gesagt. Auch Easyjet ist eine Billigfluglinie und hat irgendwann begonnen, Tarifvertrag und Arbeitsrecht anzuerkennen.

Davon ist man bei Ryanair noch ein großes Stück entfernt. Flugbegleiterin Susanna glaubt fest daran, dass sich auch Ryanair ändern wird, ändern wird müssen. Ob sie selbst davon etwas hat, ist fraglich. »Der Krieg wird ein Ende haben«, sagt sie, »aber einige Soldaten werden ihn nicht überleben.« Es ist drei Tage vor dem Ende ihrer Heimatbasis und sie weiß noch immer nicht, was sie tun soll.