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Auf der Flucht

Eine alte Frau sieht im Fernsehen die Bilder von Geflüchteten und fühlt sich an ihre Vergangenheit erinnert

  • Von Ingrid Heinisch
  • Lesedauer: 8 Min.

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Zweiter Weltkrieg: Auf der Flucht

Meine Mutter ist 93 Jahre alt und immer noch politisch interessiert. Aber seit einiger Zeit kann sie die Nachrichten nicht mehr ertragen. All die Bilder von zerstörten Städten in Syrien, von Menschen auf der Flucht, die Hilfe suchen, in ihren Nachbarländern, in Europa, in Deutschland.

Sie kann das wohl verstehen. Trotzdem macht es ihr auch Angst. »Wir können doch nicht alle aufnehmen?« fragt sie.

Gleichzeitig ist sie wütend, weil niemand diese Menschen aufnehmen will. Weil sie sehr wohl der Meinung ist, dass diesen Flüchtlingen Schutz gebührt. Die Bilder, die sie im Fernsehen sieht, erinnern sie an das, was sie selbst erlebt hat. Das zerstörte Dresden, das sie auf der Flucht aus Oppeln mit der Bahn passierte. Die Angst vor den Tieffliegern damals.

An Flucht dachte in Oppeln lange niemand, war es doch von den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs weitgehend verschont geblieben. Nur drei Bombenangriffe in all den Kriegsjahren. Einer davon traf ausgerechnet meine Großmutter. Als sie aus den Trümmern des Hauses kletterte, in dessen Keller sie zum Glück überlebt hatte, galt ihre einzige Sorge ihren Töchtern: »Jetzt habe ich kein Mittagessen für euch gekocht.«

Der Krieg kam näher, als meine Mutter und ihre Schwestern, die in Oppeln im Finanzamt arbeiteten, nach Krakau zwangsverpflichtet wurden. Aber selbst da hat meine Mutter den Krieg immer noch nicht als bedrohlich empfunden. Und dann, im Februar 1945, war er plötzlich da. Die Front auf einmal ganz nah. Meine Großmutter fürchtete um ihre drei jungen Töchter. Meinen Großvater hatten die Nazis mit dem Volkssturm an die Ostfront verschleppt. Meine Großmutter war mit der Verantwortung auf sich allein gestellt.

Sie entschloss sich zur Flucht. Es war ein kluge Entscheidung. Drei Tage später sprengten die Nationalsozialisten die Oderbrücken. Wer bis dahin nicht geflüchtet war, war dem Krieg direkt ausgeliefert. Meine Großmutter und ihre Töchter quetschten sich in Züge, die so voll waren, dass Kinder in der Gepäckablage schlafen mussten. Den kleinen Koffer nicht zu verlieren, in dem sich all unsere Dokumente befanden, das war nicht einfach.

Lebensgefährlich war es nur selten. Jedenfalls nicht so gefährlich wie eine Fahrt in einem überfüllten Schlauchboot auf dem Mittelmeer. Aber schlimm genug war es doch, wenn sie wegen den Tieffliegerangriffen aus dem Zug sprangen und sich unter ihm verbargen. »Aber in diesen Booten kann sich ja keiner verstecken, nur hoffen, dass irgendjemand kommt und ihnen hilft.«

Die vier Frauen mussten sich damals trennen, wie viele Flüchtlinge heute. Aber sie hatten im Gegensatz zu ihnen eine einzige Adresse im Westen: ein Bauernhof auf der Schwäbischen Alb, den meine Mutter im Rahmen der Kinder-Landverschickung kennengelernt und nicht vergessen hatte.

Dort landete sie mit ihrer jüngeren Schwester vollkommen erschöpft. Begeistert empfangen wurden sie nicht. Aber die Bauern waren auch nicht abgeneigt. Wussten sie doch, dass sie auf jeden Fall Flüchtlinge aufnehmen mussten. In diesem Fall wenigstens jemanden, den sie kannten und den sie arbeiten lassen konnten.

Die letzten Monate vor Kriegsende arbeiteten sie auf dem Feld. »Wenn die Tiefflieger kamen, haben wir uns in eine Furche geworfen und ein dreckige Decke über uns gezogen«, so erzählte es meine Mutter wieder und wieder.

Ihr Lohn waren Kost und Logis, aber keine Anerkennung. Ein polnischer Zwangsarbeiter war auch auf dem Hof. »Ihr redet ja gar kein richtiges Deutsch«, fand er. Sein Schwäbisch klang so ganz anders. Meine Mutter und ihre Schwestern sprachen lupenreines Hochdeutsch, durchsetzt vielleicht mit einigen schlesischen Einsprengseln, und fanden ihrerseits, dass die Bauern kein richtiges Deutsch beherrschten.

Meine Großmutter aber sprach das so genannte Wasserpolnisch, dass zu zwei Dritteln aus Deutsch und zu einem Drittel aus Polnisch bestand. Das verstand Jacek, der Zwangsarbeiter. Mit dem schweren schwäbischen Dialekt, der auf der Alb in Wippingen gesprochen wurde, tat sich wiederum vor allem meine Großmutter schwer.

Wie gesagt, willkommen waren die Flüchtlinge auch damals nicht. Unwillkommene Esser bedeuteten sie den Bauern. Nicht mehr. Dass dieses kleine Mädchen Jahre zuvor bei ihnen zu Gast gewesen war - solche Sentimentalitäten bedeuteten nichts. So behandelten die Bauern meine Familie wie den polnischen Knecht. Sie beherbergten sie und erwarteten dafür Dankbarkeit und Arbeit auf dem Feld und von meiner Großmutter Hilfe im Haus. Eine absurde Situation entstand. Sie fühlten sich überlegen, weil sie Hab und Gut noch besaßen. Die Geflüchteten fühlten sich genauso überlegen, weil ihre Gastgeber ihnen kulturell unterlegen waren.

Dieses prekäre Verhältnis ging während des Krieges ein paar Monate gut. Aber ein paar Monate nach Kriegsende begann sich in Ulm, der nächst größeren Stadt, das Leben wieder zu rühren. Meine Mutter fand eine Stellung bei Telefunken, die jüngere Schwester Heli begann eine Ausbildung beim Ulmer Konsum.

Die Gastgeber meiner Familie fanden das gar nicht gut. Sie empfanden deren Verhalten als undankbar. »Die haben wirklich von uns erwartet, dass wir weiter umsonst für sie auf dem Feld schuften.«

Dankbar, findet meine Mutter, sollten die heutigen Flüchtlinge schon sein. Weil sie im Gegensatz zu ihrer Familie damals versorgt werden. Nicht arbeiten müssen. Aber nicht arbeiten dürfen? Obwohl ihre Arbeit dringend benötigt würde? Zum Beispiel in der Pflege, was meine Mutter direkt betrifft. Das findet sie schrecklich und ziemlich dumm.

Dann kam 1948 die Währungsreform. Die Zeit des Darbens war im Westen zumindest vorbei. Vorbei auch die Tänze auf den Dorffesten. Meine Mutter machte sich schick und traf meinen Vater in Ulm beim Tanztee. Auch er ein Flüchtling, zusätzlich schwer kriegsversehrt mit Granatdurchschüssen an Armen und Beinen. Aber tanzen konnte er. Sie heirateten, als mein Bruder unterwegs war. Und schätzten sich glücklich, eine Zweizimmerwohnung direkt am Ulmer Hauptbahnhof mieten zu können. 70 Quadratmeter!

Um das Ganze zu bezahlen, mussten beide arbeiten. Und da es damals keine Kinderbetreuung gab, wuchs mein Bruder in den ersten Jahren seines Lebens bei seinen Großeltern auf, in einer Siedlung, die nach dem Krieg für Flüchtlinge gebaut worden war. Zweieinhalb Zimmer, in denen zuerst die Großeltern mit ihren drei Töchtern lebten. Jetzt zwar nur noch zwei davon, dafür die ersten Enkel.

Solche schlichten Wohnungen fehlen heute. Die Siedlung auf dem Merzigweg existiert nicht mehr. »Warum?«, fragt meine Mutter. »Wir haben uns dort doch wohl gefühlt.« Und ihrer Meinung nach würden sich viele Menschen, ob Flüchtlinge oder Einheimische glücklich schätzen, eine solche Wohnung zu haben.

Angekommen waren meine Eltern damals in der Bundesrepublik noch längst nicht. Was man heute so Integration nennt: Sie funktionierten, sie beherrschten natürlich die Sprache, sie verdienten ihr Geld, aber sie hatten keinerlei einheimische Freunde. Ihr soziales Leben fand dort oben am Merzigweg statt, wenn meine Großmutter uns Kinder Samstag abends zum Fernsehen rief: »Kommt! Bonanza fängt an.«

Freunde fanden sie erst, als wir umzogen, als sie sich aus diesem familiären Umfeld befreiten. Fast 20 Jahre nach Kriegsende.

Aber waren das wirklich Freunde? In Kaiserslautern gab es anscheinend keine Flüchtlinge. Diese Erfahrung konnten meine Eltern mit niemandem teilen. Das galt sogar für uns Kinder, denn keiner meiner Mitschüler hatte Eltern, die den Krieg als Soldat, wie mein Vater, geschweige denn als Flüchtender erfahren hatten. Ich lernte, darüber nicht zu sprechen, außer in der Familie.

Wie auch meine Eltern. Sie wollten keine Flüchtlinge mehr sein. Niemals hätten sie an den Pfingsttreffen der Vertriebenen teilgenommen. Meine Mutter verzichtete auf das, was sie verloren hatte: das eigene Haus, das Mietshaus, den Grund in Oppeln.

Den Menschen, die aus Polen emigrierten, weil sie deutscher Abstammung seien, misstraute sie. Mit einem gewissen Recht, kursierte doch damals in Polen ein Spruch: »Wenn der Schäferhund deines Großvaters auf deutsch gebellt hast, dann bist du ein Deutscher.« Niemals wurde Einwanderung so leicht gemacht wie in den 70er Jahren. Es war eine politische Entscheidung, gegen den Kommunismus auf der anderen Seite. Eine Verheißung, dass all die Menschen, die aus diesen Ländern fliehen wollten, jederzeit im Westen aufgenommen würden. Ob es sich nun um die Elite oder um Kriminelle handelte.

Das gleiche galt für die Russlanddeutschen. Bei meinen Reportagereisen in Kasachstan lernte ich viele von ihnen kennen. Und nicht wenige von ihnen kamen zu uns nach Hause,. Meine Mutter akzeptierte widerwillig, dass es sich tatsächlich um Deutsche handelte, die Deutsch beherrschten. Die aber komfortabel in Containerdörfern untergebracht waren. Nicht zu vergleichen, so fand sie, mit dem, was sie auf der Alb durchgemacht hatte.

Dazu kam wieder die Frage: Wer berief sich da auf den Anspruch, hier zu bleiben, weil er deutscher Abstammung war? Die ersten vielleicht zu Recht. Aber dann? Bei den Russlanddeutschen gab es eine wunderbare Vermehrung dieses Anspruchs. 1989 waren es zwei Millionen, fünf Jahre später immer noch zwei Millionen, die auf ihre Aufreise warteten.

Wenn meine Mutter heute von den Bootsflüchtlingen hört, dann erinnert sie sich ihrer eigenen Ängste, die sie in den letzten Monaten des Krieges aushalten musste. Sie sieht die zerstörten Häuser in Irak, in Syrien und anderswo und beklagt die sinnlose Zerstörung: »Wer soll das alles aufbauen?«

Sie versteht es nicht. Sie versteht nicht, dass die Welt nichts gelernt hat. Und in diesem Fall findet sie, dass es vollkommen unwichtig ist, ob einer deutsch ist oder nicht, ob er diese Sprache spricht spricht oder nicht. Hauptsache er lernt es. Dann könnte sie ihn verstehen.

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