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  • Berlin
  • S-Bahnstrecke Gartenfeld

Wachküssen wird teuer

Die Wiederinbetriebnahme der Berliner Siemensbahn ist kein Selbstläufer

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Siemensbahn soll wieder wachgeküsst werden. Zumindest hat der Berliner Senat dem Elektrokonzern zugesagt, sich für eine Wiederinbetriebnahme der 4,5 Kilometer langen S-Bahnstrecke vom Bahnhof Jungfernheide nach Gartenfeld bei Bund und Bahn einzusetzen.

»Wir sind hochinteressiert daran, dass diese Strecke, die uns bisher nur Geld kostet, einer vernünftigen Nutzung zugeführt wird«, sagt Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn (DB) bei einem Pressetermin vor einigen Tagen. Jahr für Jahr muss der Konzern fünfstellige Beträge für Sicherung und Prüfung der im Zuge des S-Bahn-Streiks 1980 stillgelegten Strecke zahlen.

Rein rechtlich handelt es sich bei der auf Brücken und Dämmen geführten Trasse jedoch nach wie vor um eine Eisenbahnstrecke. Doch einen Anschluss ans Netz gibt es physisch nicht mehr. Die entsprechende Ausfädelung aus der Ringbahn am Bahnhof Jungfernheide wurde bei deren Wiederaufbau in den 1990er Jahren entfernt. Auch fehlt eine Brücke über die Spree seit der Begradigung des Flusses. Und was noch von der knapp 90 Jahre alten Strecke steht, müsste wahrscheinlich komplett neu gebaut werden, um wieder für einen Eisenbahnbetrieb genutzt werden zu können.

»Die teure Spreebrücke ist noch das geringste Problem«, erklärt Kaczmarek. Die Kosten für den Neubau müsste nämlich das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt übernehmen. »Der Wiederaufbau wird mindestens eine Viertelmilliarde Euro kosten«, schätzt Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband IGEB. Auch das scheint noch vorsichtig kalkuliert zu sein. In Wien kostete bereits vor fünf Jahren die 4,2 Kilometer lange oberirdische U-Bahn-Verlängerung in die Seestadt Aspern 360 Millionen Euro. Erschwerend kommt hinzu, dass die Siemensbahn unter Denkmalschutz steht, was die Kosten für den faktischen Neubau noch weiter nach oben treiben dürfte.

»Wir sind für die Wiederinbetriebnahme, aber nur zusammen mit dem Sprung über die Havel«, erklärt Wieseke. Also mit einer Verlängerung der Strecke über den historischen Endbahnhof Gartenfeld hinaus über die gleichnamige Insel bis in den Spandauer Ortsteil Hakenfelde. Dies ist auch von Senatsseite angedacht, im Flächennutzungsplan geht man allerdings von einer unterirdischen Führung aus. In dem sumpfigen Grund rund um die Havel schlägt das mit locker über 200 Millionen Euro pro Kilometer zu Buche. »Natürlich müsste die Strecke oberirdisch geführt werden, um noch finanzierbar zu bleiben«, sagt Wieseke.

Außerdem müssten entlang der Strecke mehr Wohnungen entstehen als bisher geplant, ist Wieseke überzeugt. Auf dem neuen Siemens-Campus sollen es wohl nach den bisher bekannt gewordenen Planungen um die 3000 neue Wohnungen werden, auf der Insel Gartenfeld weitere 3000 bis 4000. An einer Nachverdichtung der Zeilenbebauung in Siemensstadt würde so kaum ein Weg vorbeiführen.

Ein Selbstläufer ist die Wiederinbetriebnahme der Siemensbahn also keinesfalls. Als die Strecke im Dezember 1929 eröffnet wurde, arbeiteten noch 90 000 Menschen bei Siemens, derzeit sind es noch rund 12 000. Außerdem erschließt seit 1980 die U7 das Gebiet rund um die Siemens-Werke. Deren Bahnhöfe Siemensdamm und Rohrdamm liegen jeweils nur rund 300 Meter von den stillgelegten S-Bahnhöfen Wernerwerk und Siemensstadt entfernt. Mit der U-Bahn, die durchaus noch mehr Auslastung vertragen könnte, dauert die Fahrt zur Jungfernheide vier bis sechs Minuten.

»Wiederinbetriebnahme ja, aber nur wenn der Bund die Kosten übernimmt und zusätzliche Arbeitsplätze und Wohnungen in dem Bereich entstehen«, beschreibt Martin Schlegel die Position vom Umweltverband BUND Berlin.

»Wenn die Erleichterungen beim Denkmalschutz, die Siemens zugesagt wurden, auch für die S-Bahnstrecke gelten, könnte der Wiederaufbau preiswerter werden«, sagt Kaczmarek. »Zunächst muss jedoch untersucht werden, ob eine Einbindung in die Ringbahn überhaupt möglich ist.« Seriöse Aussagen zur Zukunft der Siemensbahn hält der Konzernvertreter frühestens in anderthalb Jahren für möglich.

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