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Maaßens Qualen

Andreas Koristka über die lange Zeit missverstandenen Hilferufe eines unterforderten Beamten

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Viele, die schon einmal einen miesen Job hatten, kennen das Gefühl quälender Langeweile. Besonders Menschen in monotonen Berufen leiden unter ihr. Egal, ob man tagein, tagaus am Fließband steht und Kugelschreiber zusammenschraubt oder anderswo NSU-Akten schreddern muss - irgendwann hat man einen Punkt erreicht, an dem einen die ständige Unterforderung in die Verzweiflung und schließlich in die Depression treibt. Der Fachmann spricht in diesen Fällen neudeutsch vom Boreout-Syndrom.

Allerspätestens dann, wenn man den ganzen Tag gelangweilt vor dem Rechner im Büro sitzt und, getrieben vom Stumpfsinn, bereits die Internetseiten von rechten Verschwörungstheoretikern liest, ist Einhalt geboten. Dann ist, wenn er dazu noch in der Lage ist, ein beherztes Eingreifen seitens des Angestellten erforderlich. Hans-Georg Maaßen wusste das und erkannte wohl die Alarmsignale seiner fragilen Psyche. Er wollte die Reißleine ziehen.

Ein empathischer Vorgesetzter im Innenministerium hätte die dezent gesetzten Hilferufe des Verfassungsschutzchefs erkannt, der endlich erreichen wollte, dass man ihn aus seiner drögen Arbeitsstelle entlassen möge. Er hätte bereits reagieren müssen, als Maaßen wiederholt fröhlich pfeifend aus den Behörden-WCs gehüpft kam und der eilig herbeigerufene Hausmeister nur noch feststellen konnte, dass jemand sämtliche Klos mit Toilettenpapierrollen verstopft hatte. Auch dass der Behördenchef seit Februar letzten Jahres nurmehr in seinem Schlafanzug mit dem frontal gesetzten Urinfleck seinen Arbeitsplatz aufsuchte und telefonische Anweisungen aus dem Innenministerium lediglich mit Rülpslauten erwiderte, hätte skeptisch machen können. Doch Horst Seehofer reagierte nicht.

In seiner Niedergeschlagenheit und Angst gab Hans-Georg Maaßen schließlich der »Bild«-Zeitung sein viel zitiertes Quatschinterview, in dem er finstere Mächte im Hintergrund dafür verantwortlich machte, von der Schandhaftigkeit mordender Kanakenbanden abzulenken. Und mit finsteren Mächten meinte er auch die Bundeskanzlerin und ihren Regierungssprecher, denen er vorwarf, die spontanen Joggingereignisse in Chemnitz als »Hetzjagden« zu bezeichnen.

»Jetzt müssen sie mich doch endlich feuern!«, wird Maaßen in seiner Pein gedacht haben. Doch wie groß muss die Ernüchterung gewesen sein, als ihn Seehofer nach diesem Schwachsinn sogar noch befördern wollte? Und die SPD wollte das anfangs sogar mittragen!

Schließlich sollte Maaßen nur noch Sonderberater im Innenministerium werden. Eine Tätigkeit, die ihm noch langweiliger erschien als seine bisherige, weil es auf den Rechnern des Innenministeriums kein Solitaire und nicht einmal Tetris gibt! Was konnte Maaßen jetzt noch tun? Mit sofortiger Wirkung stellte er die Körperpflege ein und knabberte während wichtiger Sitzungen gelangweilt an seinen Fußnägeln, die er anschließend über einen Kanal, der von seiner gekrümmten Zunge und seiner Oberlippe gebildet wurde, Richtung der anderen Teilnehmer schoss. Seinen Büroangestellten gab er die Anweisung, dass jegliche Fragen seitens des Innenministeriums und der Regierung nach seiner Person mit den Worten »Der Chef ist auf dem Scheißhaus« abzuwehren seien. Außerdem ließ er den Anglerverband und die Caritas von V-Leuten unterwandern, gab Alexander Gauland in aller Öffentlichkeit zärtliche Nackenmassagen und setzte sich eine alberne Brille mit runden Gläsern auf.

All seine Bemühungen zeitigten keine Wirkung. Doch kurz bevor er die neue verhasste Stelle antreten sollte, konnte er schließlich den Hans-Georgischen Knoten zerschlagen: Er bezeichnete Teile der SPD als linksradikal. Nun hatte allem Anschein selbst Horst Seehofer eingesehen, dass Maaßen nicht mehr tacco ist, und begann darüber nachzudenken, ihn endlich rauszuschmeißen. Es ist dem armen Mann von ganzem Herzen zu gönnen. Man kann ihm nur noch eines wünschen: Gute Besserung!

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