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Stell dir vor, es ist Wahlkampf und keiner merkt‘s

Der gute, alte Wahlkampf der Sozis - gar nicht so schlecht, aber aus der Zeit gefallen

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das Bild ist aus dem Wahlkampf 2013. Viel hat sich an der Strategie allerdings nicht geändert.
Das Bild ist aus dem Wahlkampf 2013. Viel hat sich an der Strategie allerdings nicht geändert.

Als dann klar war, dass die Sozis in Bayern und Hessen jeweils ihr schlechtestes Ergebnis aller Zeiten abgeliefert haben, gab es unter den Wahlkämpfern zunächst Ernüchterung, die dann von Trotz abgelöst wurde: Denn eigentlich, so sagten sie, hätten sie einen guten Wahlkampf abgeliefert, die richtigen Themen angesprochen und überhaupt hätten sie viel positives Feedback erhalten. In dieser Beziehung hätten sie sich nun wirklich nichts vorzuwerfen. Man darf den Wahlkämpfern beider Landesverbände durchaus beipflichten. Die Themen stimmten schon, der ursprüngliche Markenkern der Sozialdemokratie wurde auf Plakate gedruckt und in Reden gestanzt. Nach Wahlkampfaspekten war das genau richtig. Das Ding ist nur: Wahlkampf – das ist leider eine altmodische Sache, ein alle Jahre auftretender Atavismus aus Zeiten, da Bürgerinnen und Bürger noch aus dem öffentlichen Raum heraus mobilisiert werden mussten.

Früher musste man die Menschen auf dem Marktplatz oder auf der Straße abholen. Deshalb standen dort Wahlstände, stellte man Plakate auf oder sprach sie von einer Bühne herab an. Die Medien, die es gab, konsumierte man nicht 24/7. Fernsehen war am Vorabend, Radio zwischendrin und die Zeitung, wenn man eine las, war im Regelfall für den Vormittag bestimmt. Heute sind mediale Angebote immer verfügbar. Man kann sie in die Hosentasche stecken und sie bimmeln, wenn sie was Neues wissen. Parteien sind in dieser neuen Medienwelt das ganze Jahr über mit ihrer Außendarstellung beschäftigt.

Schlagworte und Wahlparolen, die man einst nur zur Wahlkampfzeit vernahm, prägen heute die parteiliche Arbeit das ganze Jahr über. Dass man überhaupt noch zwischen Wahlkampfmodus und Intervallen unterscheidet, in denen man nicht um die Gunst der Wählerschaft buhlt, muss man eigentlich als traditionelles Konzept begreifen, das auf die heutige Zeit nicht mehr richtig zutrifft. Stete Medienpräsenz, parteiliche PR und eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne der Rezipienten machen das Konzept des Wahlkampfes zu einem altbackenen Modell. Zwar gibt man das ganze Jahr über keine Wahlversprechen aus, aber die Verkürzung auf griffige Parolen und das Plakatieren (in den sozialen Netzwerken) kennen keine Auszeit mehr.

Menschen sind heute auch viel stärker Bild- und Gefühlskonsumenten als damals. Inhalte müssen zwar für sie stimmen, reichen aber alleine nicht mehr aus. Der »gute Wahlkampf« steht damit vor einem Problem, wenn er sich inhaltlich orientiert. Wenn man kein Feeling transportiert, kein sexy Lebensgefühl vermittelt, sind Inhalte nur zweitrangig. Nur zwei Parteien ist das in den letzten beiden Landtagswahlen gelungen: Den Grünen und der AfD. Beide haben ihren Wählerschaften wenig Inhalte geboten, sie dafür aber mit einem jeweils klientelspeziellen Lebensgefühl versorgt. Dass beide Parteien dabei als einander bedingen, zeigt nur, wie sehr es um Emotionsvermittlung geht.

Der »gute Wahlkampf«, den die Sozis für sich beanspruchten, kann damit nur sehr bedingt was anfangen. Er ist rational, auch wenn er natürlich leidenschaftlich geführt werden kann. Trotzdem bleibt er auf einer Vernunftebene, er schiebt Argumente vor, wo man heute schon lange alternativ auf das Gefühl setzt. Mit der Versachlichung von Themen, so richtig und wichtig sie auch sein mögen, erzielt man keine Aufmerksamkeit in einem Markt voller sich übertrumpfender Achtsamkeitswettbewerber.

Dass man trotzig zu Protokoll gab, ja an sich eine gute Wahlkampagne gefahren zu haben, ist auf liebenswerte Weise altmodisch. Leider – so muss man sagen. Denn Parteien, die wie Unternehmen Tag für Tag Kunden mit immer aussageärmeren Werbespots ködern wollen, nehmen den »Content« ihrer Darstellung nicht als inhaltlichen Auftrag, sondern lediglich unter Marketingaspekten wahr.

Der klassische Wahlkampf unterbricht jedenfalls die Legislaturperiode nicht mehr, wie das früher mal der Fall war: Er stößt in ein Szenario, wo er ohnehin schon mit anderen Mitteln in Dauerschleife abspult. Daher sind Wahlkampagnen eigentlich irrelevant, reißen nicht mehr aus der Lethargie. Man hat als Wähler nun mal das Gefühl, dass der Wahlkampf einfach keine alle Jahre wiederkehrende Zäsur ist. Sonntagsfrage ist ja schließlich immer.

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