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Wildwuchs im Gastgewerbe

Der neue Gewerkschaftsvorsitzende Guido Zeitler will vor allem die Tarifbindung stärken

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 4 Min.

Die erste Zahl des Tages gehörte dem Osten, wo die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) seit Montag ihren Gewerkschaftstag abhält, konkret in Leipzig. 30 172 Euro brutto verdiente demnach ein Vollzeitbeschäftigter in Ostdeutschland im letzten Jahr durchschnittlich, teilte die NGG in ihrer täglichen Information mit. Im Westen seien es 35 084 Euro gewesen. »Es kann nicht sein, dass sich nur ein Zehntel aller ostdeutschen Hotels, Gaststätten und Restaurants an einen Tarifvertrag hält«, kritisierte Guido Zeitler, gelernter Hotelfachmann und seit Dienstag Vorsitzender der NGG. Der 47-Jährige wurde mit 88,1 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Michaela Rosenberger gewählt, die nach fünf Jahren an der Gewerkschaftsspitze aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kandidierte. Zeitler ist seit elf Jahren in der Hauptverwaltung der NGG tätig, zuletzt als Rosenbergers Stellvertreter.

Noch bis Freitag beraten 162 Delegierte in der Messestadt über die Schwerpunkte der Gewerkschaft. Die rund 200 000 Mitglieder der NGG verteilen sich auf viele Branchen sowohl im produzierenden Gewerbe als auch im Dienstleistungssektor. Allein in der Ernährungsindustrie gibt es 26 000 Betriebe mit über 700 000 Beschäftigten. Die Branche erzielt einen Umsatz von 180 Milliarden Euro pro Jahr und belegt damit Platz drei unter allen Industriezweigen. Fast drei Mal so viele Menschen arbeiten im Hotel- und Gaststättengewerbe in über 150 000 Betrieben. Dazu kommen noch klassische Handwerksbetriebe wie Bäckereien, Fleischereien und Brauereien.

So unterschiedlich die Branchen, so vielfältig sind die gewerkschaftlichen Aufgaben und politischen Themenfelder. Aber auch wenn die Gewerkschaft gerade in der Ernährungsindustrie noch immer ein erhebliches Lohngefälle zwischen West und Ost beklagt, kann sie doch auf einige Erfolge zurückblicken. »In Ostdeutschland stiegen die Verdienste in der Lebensmittelindustrie seit 2010 um 28 Prozent. Im Westen lag der Zuwachs bei 14 Prozent«, so Zeitler zu den Delegierten. Er appellierte an die Unternehmen in Ostdeutschland, sich zur Tarifbindung zu bekennen. Das sei auch in deren Interesse, denn »nur so kann die Ernährungsindustrie Schulabgänger für sich gewinnen und Fachkräfte in der Region halten«. Denn der Bedarf werde weiter steigen.

Fast noch dramatischer ist die Situation im Gastgewerbe, wo sich nicht einmal die Hälfte der zwei Millionen Beschäftigten in einem regulären, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis befindet. Unternehmen müssen immer länger nach Auszubildenden suchen, da sich in der derzeitigen Phase des von einer Hochkonjunktur befeuerten Arbeitsmarktes kaum ein Jugendlicher für einen Job interessiert, der von schlechter Bezahlung, unbezahlten Überstunden und miserablen Arbeitsbedingungen geprägt ist. Das betrifft sowohl Hotels als auch Betriebskantinen, die Systemgastronomie mit McDonald’s, Burger King und Co, aber auch kleinere inhabergeführte Betriebe.

Generell sieht sich die NGG mit einem zunehmenden Wildwuchs auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Niedriglöhne, Leiharbeit, Werkverträge sowie Verstöße gegen Sozialstandards, Arbeits- und Umweltschutz sind in vielen Betrieben Alltag. Die Unternehmerlobby wird nicht müde, gesetzeswidrige Zustände durch eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes legalisieren zu wollen. Mit allerlei Tricks werden zudem Mindestlöhne umgangen. Diskutiert wird auf dem Kongress daher auch über eine neue Kennzeichnung von Lebensmitteln. Neben Nährwert- und Nährstoffangaben sollten Verbraucher auf den ersten Blick erkennen können, ob gute oder schlechte Arbeitsbedingungen hinter einem Produkt stecken.

Schwerpunkt der kommenden Jahre ist für Zeitler allerdings die Tarifpolitik. Dabei werde es in Zukunft »eher konfliktreicher zugehen«, sagte der neue Vorsitzende gegenüber »nd«. Immer mehr Unternehmen entzögen sich tariflichen Vereinbarungen und »werden dabei von den Arbeitgeberverbänden massiv ermuntert«. So wird ein, vom Fachverband und der Gewerkschaft, ausgehandelter Branchenmindestlohn für die Fleischverarbeitung von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände torpediert.

Von der Bundesregierung erwartet Zeitler deshalb, dass sie den Weg zur Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen erleichtert. »Alleine schaffen wir das nicht«, sagt Zeitler, dessen Gewerkschaft in den letzten Jahren erneut einen leichten Mitgliederrückgang verzeichnete. Zudem fordert er ein »Verbot von OT-Mitgliedschaften« - also die klare Absage an Arbeitgeberverbände, auch solchen Unternehmen eine Mitgliedschaft anzubieten, die sich nicht an Tarifverträge halten. Ein »interessanter Ansatz« sei in diesem Zusammenhang etwa, Betriebe mit Tarifbindung steuerlich zu entlasten.

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