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Jeder Tag ist Weltpimmeltag

Das neue Album des Sängers und Musikers Jens Friebe heißt »Fuck Penetration«

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 4 Min.

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Guter Mann mit schönem Hemd: Jens Friebe
Guter Mann mit schönem Hemd: Jens Friebe

Der weiße heterosexuelle mittelalte (ca. 27 bis 63 Jahre) Mann, der vergleichsweise wenig in der Birne, aber eine umso größere Klappe hat, und der gern nach oben buckelt und nach unten tritt, ist derzeit ja unentrinnbar. So schnell werden wir ihn wohl auch nicht wieder los. Früher stand er wenigstens stumm an dem Platz herum, an den ihn das Schicksal hingestellt hatte. Heute aber meldet er sich in inflationärem Ausmaß zu Wort. Er hasst und verabscheut für gewöhnlich alles, was nicht in seine rechteckige Streichholzschachtelwelt passt. Er wähnt sich von Frauen, Schwulen, Linken und Ausländern verfolgt und bedroht, wählt in aller Regel zielsicher die dümmste und gemeinste aller Parteien, schreibt in seiner Freizeit verzichtbare Onlinekommentare, penetriert seine wehrlose Umgebung häufig auch darüberhinaus mit seiner unmaßgeblichen Meinung und hält seinen Penis für den Mittelpunkt der Welt. Jeder Tag ist für ihn Weltpimmeltag.

Der Songschreiber Jens Friebe, mit seinen 42 Jahren selbst ein mittelalter heterosexueller weißer Mann, hat nun ein sehr schönes Album veröffentlicht, auf dem er sich mit charmanten und klugen Popsongs gegen dieses Milieu zur Wehr setzt, nein, mehr noch: diesem Milieu etwas entgegensetzt. »Fuck Penetration« heißt die Platte passenderweise. Es handelt sich um Friebes sechste.

Der Titelsong ist ein fröhlich-beschwingter Tanzpopknaller, der ein Plädoyer für mehr Schönheit, Offenheit, Freundlichkeit und und Experimentierfreudigkeit in der geschlechtlichen Liebe ist und zugleich dafür wirbt, diese von allerlei Druck, von Zwängen, eingefahrenen Mustern und archaischen Geschlechtervorstellungen befreien. Schließlich bedarf es auch nicht zwingend einer Penetration, um sexueller Freuden teilhaftig zu werden (»Sometimes when you dig too deep into something, you lose the meaning«).

Friebe, der jetzt häufiger Englisch singt als auf seinen früheren Alben, ist ein guter Mann. Eine Art deutscher Enkel von David Bowie und Annie Lennox. Im Gegensatz zu vielen anderen Männern hat er schon mal übers Patriarchat und über Geschlechterfragen nachgedacht und gibt nicht permanent gedankenlos den feisten Macker, der einen auf dicke Hose macht. Dem Kulturbetrieb gilt er als androgyner »Vorzeige-Geschlechtergrenzgänger« (»Musikexpress«) und feministischer »blonder Untergrund-Dandy« (»Mittelbayrische Zeitung«) und wird gern für sein »unmachohaftes Auftreten« (»Tagesspiegel«) belobigt. Dabei ist er ja im Grunde nur ein relativ vernünftiger männlicher Künstler, dem die Eindimensionalität, Beschränktheit und Blödheit der althergebrachten klassischen Männerrolle auf den Zeiger geht.

Im Song »Call me queer« macht Friebe sich auch über jene Männer lustig, die - um sich interessant zu machen oder potenzielle Sexualpartnerinnen zu beeindrucken - ihrer Umgebung vorheucheln, sie hätten sich von der Rolle des breitbeinigen polternden Alphamännchens erfolgreich verabschiedet: »Ich schau’ Fußball und trink’ Bier/ Schlaf’ nur mit Frauen - call me queer!/ Früher war ich männlich, heterosexuell/ Das langweiligste Genderstudienobjekt der Welt/ Doch durch ein Wunder, einen linguistic turn/ Kann ich jetzt auch zu den schrägen Vögeln dazugehör’n/ Denn ich bin alles und das Gegenteil davon.«

Es gibt aber natürlich auch pathetische Liebeslieder bzw. regelrechte Liebeshymnen, »Worthless« etwa, mit barockem Klavier.

Oder ritualistisches Stammesgetrommel mit Text (»Herr der Ringe«), in dem nachgewiesen wird, dass das Sujet von »Der Herr der Ringe« sich hauptsächlich aus Naturmystifizierung, Kitsch, Schwarzweißmalerei und Kryptofaschismus zusammensetzt (»Alles ist eigentlich so wie der Traum eines fiebernden Pfadfinderführers/ Gepaart mit einem Clip vom Islamischen Staat«). Oder ein New-Wave-Stück, das das Anderssein, das Nerdtum und die Individualität feiert (»Special People Club«). Oder ein Drogenverherrlichungslied (»Es leben die Drogen«). Oder federnd-schnalzenden Elektropop (»Charity/Therapy«), der der Zerstörungskraft des Kapitalismus den Wunsch entgegenhält, dieser wiederum möge zerstört werden: »Es ist schön, den Armen was abzugeben/ Es ist schön, den Traurigen zuzuhören/ Am schönsten wär’, was jedes Leben traurig und arm macht, zu zerstören.« Der Mann hat eine Utopie, und es ist gewiss nicht die schlechteste.

Jens Friebe: »Fuck Penetration« (Staatsakt/Caroline International/Universal)

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