Dass die Schauspielerin Ida Ehre (1900-1989, rechts), die Mutter und Schwester in Lagern verloren hatte, bei Philipp Jenningers (links) Rede ihr Gesicht verbarg, galt zeitgenössisch als Sinnbild für dessen Verfehlung. Etwas später sagte sie aber, sie sei vom Anlass als solchem so bewegt gewesen, dass sie die Rede kaum mitbekommen habe.
Jenninger-Rede

Es galt das gesprochene Wort

Die »Jenninger-Rede« von 1988 im Gedenktheater der späten Bundesrepublik.

Von Markus Mohr

Der Mann am Pult hatte kaum angefangen zu reden am 10. November 1988, da zeichnete sich seine Katastrophe schon ab: »Im Plenarsaal«, so berichtete eine Zeitung, »wurden Zwischenrufe laut: ›Das ist doch alles gelogen‹; ›Das ist ja eine Blamage, hören Sie auf.‹ Ein langer Seufzer steigt empor (…).« Weiter skizziert der Artikel, wie »der ehemalige Bundestagspräsident Barzel« bei der Rede seines Nachfolgers »immer häufiger den Kopf« geschüttelt habe, wie der israelische Botschafter Jitzhak Ben-Ari »auf seinem Klappstuhl mehr und mehr« zusammensank und wie des Bundespräsidenten Richard von Weizsäckers »Miene (…) zusehends bitterer« wurde. Diese Rede war die letzte des Philipp Jenninger. Am Tag nach jener Gedenkstunde, mit der erstmals im Bundestag an die antisemitischen Pogrome des 9. und 10. November 1938 erinnert wurde, musste er vom zweithöchsten Staatsamt zurücktreten. Es wurde still um ihn. 1990 verließ er den Bundestag und war noch Botschafter in Wien und beim Vatikan.

Dabei hatte Jenninger die Sache nach einigem Hickhack selbst an sich gezogen. Vielleicht, um seine Laufbahn mit einem glänzenden rhetorischen Moment zu krönen, sich einzureihen zwischen Namen wie Willy Brandt, Richard von Weizsäcker und gar Jürgen Habermas, die man mit dem verband, was sich damals »Vergangenheitsbewältigung« nannte. So versuchte er unter anderem nachzuzeichnen, dass und warum Hitler und die Nazis ein »Faszinosum« für viele gewesen seien. »Und was die Juden anging«, fragte er rhetorisch, hatten sich diese »nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt - so hieß es damals -, die ihnen nicht zukam? Mussten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken gewiesen zu werden? Und vor allem: Entsprach die Propaganda - abgesehen von wilden, nicht ernst zu nehmenden Übertreibungen - nicht doch in wesentlichen Punkten eigenen Mutmaßungen und Überzeugungen?«

So falsch war das nicht. Was also war so skandalös, dass Jenninger sofort gehen musste? Zeitgenössisch schrieb der liberale Journalist Klaus Hartung, der »verheerende Eindruck der gehaltenen Rede« lasse sich »kaum nachlesen«, der Skandal bestehe im gesprochenen Wort. Der FAZ-Herausgeber Friedrich-Karl Fromme monierte, die Rede habe »stellenweise der intellektuellen Schärfe, der Glätte der Unangreifbarkeit und des getragenen Tons« entbehrt, Sebastian Haffner meinte, es habe »das Gespür für die Situation« gefehlt. Tatsächlich war der Vortrag eine Katastrophe. 38 Minuten lang verhedderte sich Jenninger, kam ins Nuscheln und verstolperte Worte. Vielen Gästen war das Ganze so unangenehm, dass sie den Saal verließen. Und doch ging es in der Kritik nicht nur um das Wie, sondern auch um das Was dieser Ansprache.

Auf der Rechten produzierte sie erwartbare Einlassungen. So hatte Rainer Barzel seinen Kopf wohl aus sehr speziellen Gründen geschüttelt. Jenninger hatte in einer weniger oft zitierten Passage die »vielleicht bis heute nicht völlig verinnerlichte Erkenntnis« eingefordert, »dass die Planung des Krieges im Osten und die Vernichtung der Juden unlösbar miteinander verbunden gewesen waren, dass das eine ohne das andere nicht möglich gewesen wäre«. Barzel hingegen sagte anderntags, er habe sein »politisches Leben lang« an der »Abwehr der These von der Kollektivschuld der Deutschen«, der »Wiederherstellung der Ehre des deutschen Soldaten« und für gute Beziehungen zu Israel gearbeitet. Man dürfe bei all dem »nicht vergessen«, dass »auch Deutschland (…) misshandelt worden« sei.

Von linksliberaler Seite warf man Jenninger hingegen jene Passagen zum Antisemitismus vor. Er habe sich in eine Tätereinfühlung geflüchtet, um sich nicht positionieren zu müssen, schrieb etwa Bernd Gäbler, Ex-Vorsitzender des DKP-nahen Studierendenverbands MSB Spartakus und zu dieser Zeit Chefredakteur der »Deutschen Volkszeitung«: »Er will erklären und hat keine Maßstäbe. Sein Ausweg: Er lässt Volk, die schweigende Mehrheit, durch sich selbst sprechen, kolportiert das Hörensagen, gibt im einfachen Abbild einen zerfließenden Brei aus faschistischem Selbstzitat, verbogenem Geschichtswissen und Märchenstunden wieder. Darin wird alles eins.« Der Sexologe Günter Amendt unterstellte ihm die Absicht, beweisen zu wollen, dass Widerstand unmöglich gewesen sei, so werde Selbstkritik zur Rechtfertigung. Und dann sei der Vortragende einem »Durchbruch des Unbewussten« anheim gefallen, es seien »Zitator und Zitierte« verschmolzen, wobei Jenningers Stimme »von Lust überflutet« worden sei: Jene antisemitischen Aversionen seien folglich »seine Empfindungen und nicht die der anderen« gewesen!

Doch scheint sich auch in diese Kritiklinie Unbewusstes gemischt zu haben, nämlich massive Aversionen ad personam: Konnte einer eine nicht-skandalöse Rede gehalten haben, der spätestens seit dem »Bonner Bildersturm« - bei dem Jenninger als Parlamentarischer Geschäftsführer der Union in einer Ausstellung ein von der Wand genommenes Chile-Plakat von Klaus Staeck zerriss - als prototypischer Semifaschist galt? Nicht zur Sprache kam dabei, dass der 1932 geborene Jenninger selbst Ausgrenzung erlebt hatte. Sein katholischer Vater war ein Fahrensmann der Zentrumspartei und von örtlichen Nazis schikaniert worden.

Auch bei denjenigen Linken, die Jenninger besser verstanden, ist diese Abneigung mit Händen zu greifen. Ausgesprochen hat sie der »Konkret«-Chef Hermann L. Gremliza. Er sah zwar, dass Jenninger viel mehr »Wahres« gesagt hatte als drei Jahre zuvor Richard von Weizsäcker - der in seiner bis heute gefeierten Rede zum 8. Mai über den Holocaust nicht viel mehr wusste, als dass dessen »Ausführung« in »der Hand weniger« gelegen habe und »vor den Augen der Öffentlichkeit (…) abgeschirmt« worden sei. Trotzdem freute es Gremliza, dass einer, der »jahrzehntelang für dumpf-reaktionäres Geschwätz und Handeln geliebt und befördert« wurde, nun mit »einem Tritt in den Hintern verabschiedet« werde - kaum, dass ihn »zum ersten Mal eines kritischen Gedankens Blässe ankränkelt«.

Gremlizas Einsicht, dass indessen die Rede selbst zu rehabilitieren sei, setzte sich später durch - freilich stillschweigend. Ignatz Bubis, lange Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, übernahm einmal demonstrativ etliche Passagen. Dennoch sind Rede wie Redner bis heute vergessen. Vielleicht, weil die ganze Affäre so plastisch zeigt, wie es zum Ende der Bonner Republik tatsächlich um jene Vergangenheitsbewältigung stand, die die folgende Berliner alsbald zum Exportartikel erklären sollte: Wurde jene »Glätte der Unangreifbarkeit« verletzt, von der Fromme sprach, zuckte man schon zusammen: Weil man in solchen Momenten auch aus Erfahrung sofort fürchtete, dass sich peinliche Abgründe auftäten, musste man Jenninger ganz unwillkürlich so verstehen, wie man ihn verstand: sich selbst erfüllende Prophetie einer eben alles andere als bewältigten Erinnerung.

Das spätbundesrepublikanische Gedenktheater war aber nicht nur zwanghaft formalistisch, weil zutiefst angstbesetzt, sondern zugleich hochgradig instrumentell. In der parlamentarischen Linken war nicht nur die grüne Bundestagsabgeordnete Jutta Oesterle Schwerin der Ansicht, dass eine Erinnerung an das historische Judenpogrom nur verlogen sein konnte, wenn in der Gegenwart - wie am Morgen der Rede - tamilische Flüchtlingskinder in den Bürgerkrieg auf Sri Lanka abgeschoben würden. Oesterle Schwerin wollte den Termin eigentlich boykottieren, erschien dann nach eigenem Zeugnis aber doch, um der Versammlung, der auch Überlebende beiwohnten, ebendies entgegenzuschleudern.

In der seinerzeit ziemlich rechten Mitte aber hatte, wie Jenninger gleichfalls treffend sagte, »die rasche Identifizierung mit den westlichen Siegern (…) die Überzeugung« gefördert, »letzten Endes - ebenso wie andere Völker - missbraucht, ›besetzt‹ und schließlich befreit worden zu sein«. 1988 äußerte sich diese Abspaltungsneigung unter anderem darin, dass die mitunter selben Meinungsführer, die Jenningers zu wahre Worte partout nicht ertrugen, mit wütender Sicherheit zu sagen können glaubten, dass ein - im Gegensatz zu Jenninger - bis heute berühmtes Hausbesetzer-Wandbild, das in Hamburg anlässlich der »Intifada« zum Boykott Israels aufrief, von absolut nichts anderem als Antisemitismus reinsten Wassers zeuge: Bei »Extremisten«, weit weg am Rand, schien der unangenehme Komplex um Nazis, Krieg und Holocaust besser platziert als in gutbürgerlichen Familiengeschichten. Deswegen konnte und durfte, was Oesterle Schwerin wiederum ganz richtig kritisierte, über »extremistischen« - nämlich etwa kommunistischen - Widerstand damals noch weniger gesprochen werden als heute.

Jenninger hat das 30. Jubiläum jener Rede zum 50. Jahrestag nicht erlebt. Im Frühjahr 2018 ist er wenig beachtet verstorben. Ob aus Geschichte gelernt werden kann, ist ja immer etwas fraglich. Von der Jenninger-Episode bleibt die Ahnung zurück, dass es dabei sehr auf das Publikum ankommt.