Werbung
  • Sport
  • 1. Fußballbundesliga

Dortmund enteilt dem Meister

Selbst in guter Form kommt der FC Bayern der schnellen Borussia nicht mehr hinterher

  • Von Andreas Morbach, Dortmund
  • Lesedauer: 4 Min.

Mats Hummels strich sich immer wieder durchs kurze, dunkle Haar - und richtete seinen Blick dabei schräg nach oben. Im Tiefgeschoss der Dortmunder Arena hing unter der Decke ein Bildschirm, auf dem in bunten Videotextfarben das aktuelle Tableau der Bundesliga aufleuchtete. Ein Drittel der Saison ist vorbei - und nach dem hochklassigen, aber eben 2:3 verlorenen Schwergewichtsduell mit dem BVB sieht sich der Abonnementmeister aus dem Süden mit einem völlig ungewohnten Szenario konfrontiert. Spitzenreiter Dortmund hat nun sieben Punkte Vorsprung auf die Münchner, woraus deren Abwehrchef Hummels einsichtig schlussfolgerte: »Es kann natürlich sein, dass es in diesem Jahr einen anderen Meister gibt.«

Die zentrale Erkenntnis der Bajuwaren aus der Dienstreise ins Ruhrgebiet lautete: Selbst ihre insgesamt gute, in den ersten 30 Minuten sogar großartige Leistung reichte nicht, um gegen die furiosen Westfalen auch nur einen Zähler mitzunehmen. Nach sechs Minuten verzeichneten die Gäste bereits drei Ecken, gewannen diese Nebenwertung am Ende mit 6:0 - und Dortmunds Trainer Lucien Favre gestand: »Ich war zufrieden, nur mit 0:1 in die Kabine zu gehen.«

Robert Lewandowski hatte die Bayern Mitte der ersten Hälfte in Führung geköpft, traf drei Minuten nach Marco Reus’ verwandeltem Foulelfmeter zu Beginn der zweiten Halbzeit auch zum 2:1. »Uns hat dann die Cleverness gefehlt, um hier drei Punkte mitzunehmen - was auf jeden Fall drin gewesen wäre«, kommentierte Münchens Torhüter Manuel Neuer später geknickt. Er hatte schließlich durch Reus und den eingewechselten Paco Alcácer noch zwei Dortmunder Kontertore geschluckt.

»So etwas darf uns im fremden Stadion nicht passieren«, grantelte auch Münchens Trainer Niko Kovac, dem Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge öffentlich zunächst den Arbeitsplatzerhalt versicherte: »Wir diskutieren dieses Verhältnis intern nicht.« In der Tendenz waren die Bayern-Bosse mit dem Spiel ihrer Mannschaft immerhin mal wieder zufrieden gewesen. Denn speziell vor der Pause legte sie ein ungewohnt hohes Tempo auf den Rasen - von dem es nach dem Seitenwechsel allerdings eingeholt und überholt wurde.

»Ich habe die Bayern noch nie so schnell gesehen. Ich war mir aber auch sicher, dass sie das in der zweiten Halbzeit nicht durchhalten können«, sagte BVB-Coach Favre. Im zweiten Durchgang fegte seine junge Dortmunder Mannschaft dann auch immer häufiger durch die gegnerischen Reihen. Ihren Münchner Widersachern, in der Startelf im Schnitt knapp vier Jahre älter als der BVB, ging zunehmend die Puste aus. Mats Hummels, erkältet in die Partie gegangen, leistete sich zu Beginn der ersten und zweiten Halbzeit jeweils einen haarsträubenden Fehler und ärgerte sich später über sich selbst. »Ich hätte mich schon zur Halbzeit auswechseln lassen müssen«, so der Nationalverteidiger. Laut Favre entschied jedoch nicht die Kraft das Spiel, sondern die Geschwindigkeit.

»Dortmund hat ein enormes Tempo im Umschaltspiel, das hat den Unterschied ausgemacht«, räumte Hummels ein. Und Teamkollege Neuer wurde noch deutlicher: »Wenn sie mit Tempo hinter unsere Abwehrkette gespielt haben, hatten wir Probleme. Es hat immer wieder gebrannt.« So können die Dortmunder in der Länderspielpause nun ihren stattlichen Vier-Punkte-Vorsprung auf Mönchengladbach genießen - und die fast schon klaffende Lücke, die sie zu den Bayern gerissen haben.

Deren Chef bemühte sich um Haltung. Betont aufgeräumt, um den Hals einen edlen, leichten Schal gelegt, sagte Karl-Heinz Rummenigge: »Sechs Jahre lang gab es eine Dauerparty von Bayern München. Heute hat Dortmund mal wieder die Nase vorn - das müssen wir akzeptieren und respektieren.«

Auch Niko Kovac wollte da nicht widersprechen. »Sieben Punkte - das sieht nach viel aus, und das fühlt sich auch so an. Aber im Fußball ist alles möglich«, erklärte der 47-jährige Trainer tapfer. Moralisch unterstützt von seinem 14 Jahre älteren Dortmunder Pendant, der das spektakuläre Duell auf einen griffigen Nenner brachte: »In der ersten Halbzeit musste man sich von Bayern inspirieren lassen, in der zweiten Halbzeit von Dortmund.«

Dann erhob sich Favre, setzte ein breites Lächeln auf und erwähnte noch genüsslich: »Ah! Heute Abend werde ich noch ein Glas Rotwein trinken.« Selbst zum Geburtstag hatte er sich nur stilles Wasser genehmigt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln