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Zeit ist wichtiger als Geld

Metall-Tarif: Vor allem Schichtarbeiter wollen lieber mehr freie Tage, die »verkürzte Vollzeit« ist weniger nachgefragt

  • Von Jörn Boewe
  • Lesedauer: 3 Min.

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Mit der Wahloption Geld oder freie Tage hat die Gewerkschaft ein verbreitetes Bedürfnis aufgegriffen.
Mit der Wahloption Geld oder freie Tage hat die Gewerkschaft ein verbreitetes Bedürfnis aufgegriffen.

Zeit ist Geld sagt der Alltagsverstand, und liegt spontan damit auf einer Wellenlänge mit der marxistischen Arbeitswertlehre. Eine sechsstellige Zahl Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie haben der Sache gerade einen neuen Dreh verpasst: Für sie ist Zeit sogar noch wichtiger als Geld. 190.000 Beschäftigte, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder Schicht arbeiten, wollen im nächsten Jahr acht zusätzliche freie Tage in Anspruch nehmen und verzichten dafür auf ein paar hundert Euro aus ihrem »tariflichen Zusatzgeld«.

Das geht aus am Montag in Frankfurt am Main veröffentlichten Ergebnissen einer aktuellen Befragung der IG Metall unter Betriebsräten von 1400 Unternehmen hervor. Die Beschäftigten machen damit Gebrauch von einer Wahloption aus dem im Februar geschlossenen Tarifvertrag: Dieser sieht ab 2019 ein tarifliches Zusatzgeld (»T-ZUG«) vor: 400 Euro plus 27,5 Prozent eines Monatslohns. Beschäftigte mit Kindern bis acht Jahre, pflegebedürftigen Angehörigen und Schichtarbeitende können anstelle der prozentualen Komponente acht zusätzliche freie Tage in Anspruch nehmen. Entsprechende Anträge für das nächste Jahr mussten bis 31. Oktober gestellt werden.

Bereits seit Monaten hatte sich in vielen Betrieben ein regelrechter Run auf die freien Zusatztage abgezeichnet (vgl. »nd« vom 5.10.). Die nun vorliegenden Zahlen übertreffen offenbar vielerorts die Erwartungen. Die Gewerkschaft habe »den Nerv der Zeit getroffen«, erklärte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, am Montag in Frankfurt am Main. »Ganz offensichtlich entsprechen die neuen Möglichkeiten zur Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit den konkreten Bedürfnissen der Beschäftigten.«

Mit 140.000 wurden die meisten Anträge den Angaben zufolge von Schichtarbeitenden gestellt. Damit hätten »etwa 70 bis 80 Prozent« aller Beschäftigten, die in Schichtsystemen arbeiten, ihren Anspruch geltend gemacht, so ein IG-Metall-Sprecher auf Nachfrage. Weitere 40.000 Anträge kamen von Eltern, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten. 10.000 Beschäftigte wollen zusätzliche freie Tage, um Entlastung bei der Pflege von Angehörigen zu erreichen.

Der Tarifvertrag lässt Arbeitgebern wenig Möglichkeit, die Zustimmung zu verweigern: Sind die Anspruchsvoraussetzungen gegeben, muss der Antrag bewilligt werden - so versteht es die IG Metall. Bei Gesamtmetall sieht man die Dinge anders: Der Arbeitgeber habe durchaus »das Recht, Anträge schlicht abzulehnen, wenn keine Kollegin oder kein Kollege länger arbeiten will«, sagte Gesamtmetall-Sprecher Martin Leutz auf Nachfrage.

Betriebsräte und Arbeitgeber müssen nun bis 31. Dezember Antrag für Antrag erörtern, wie das entfallende Arbeitsvolumen ausgeglichen werden kann - durch freiwillige Arbeitszeitverlängerung anderer Beschäftigter, zeitweise Erhöhung der Leiharbeitsquoten oder Neueinstellungen. Alles in allem geht es um ein Arbeitsvolumen von rechnerisch immerhin rund 7000 Vollzeitstellen. Die Arbeitgeber wollen das offensichtlich vor allem durch Mehrarbeit ausgleichen lassen: Jeder Freistellungstag müsse »im Betrieb von einem gleich qualifizierten Mitarbeiter durch längere Arbeitszeiten ausgeglichen werden«, so Leutz. »Der große Fachkräftemangel und die gute Auftragslage erzwingen das leider auch.«

Deutlich geringer als erwartet fällt offenbar das Interesse an der »verkürzten Vollzeit« aus - jener vieldiskutierten Tarifregelung, nach der Beschäftigte ihre Wochenarbeitszeit befristet auf 28 Stunden reduzieren können. Hier wurden laut Umfrage bislang 8000 Anträge gestellt. Der Anspruch auf Reduzierung der Arbeitszeit für bis zu 24 Monate gilt für alle Beschäftigten im Geltungsbereich des Tarifvertrages - anders als die freien Zusatztage also nicht nur für spezielle Gruppen.

Hier war es der IG Metall gelungen, erstmals ein Rückkehrrecht zur »normalen« Vollzeit verbindlich festzuschreiben. Damit konnte die Gewerkschaft zwar eine wirksame Antwort auf die Ängste vieler Beschäftigter vor der »Teilzeitfalle« geben. Doch mit ihrer ursprünglichen Forderung nach einem teilweisen Lohnausgleich hatte sich die IG Metall in der Tarifrunde nicht durchsetzen können. Anders als die Inanspruchnahme der acht freien Zusatztage aus dem »T-ZUG« ist die »verkürzte Vollzeit« mit echten Einkommenseinbußen verbunden - viele Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sehen darin den Hauptgrund für das bislang eher verhaltene Interesse.

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