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Die Kunst der Verdrängung

Im Kreuzberger Chamissokiez gibt eine Open-Air-Ausstellung verdrängten Mietern ein Gesicht

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.

»Mit Betongold wird viel verdient - der Mietenmarkt ist wie vermint«, singt das antikapitalistische JodelDuo »Esels Alptraum« zur Eröffnung der Open-Air Ausstellung »Mieter*innen ein Gesicht geben« der gleichnamigen Anwohner*inneninitiative aus dem Kreuzberger Chamissokiez. Mit ihrem Patronengurt über der Blümchenjacke geben sich die beiden Damen betont kämpferisch - so wie die meisten Mieter*innen aus dem pittoresken Altbauviertel nahe der Bergmannstraße, das von Investoren längst als attraktive Wohnlage erkannt wurde.

»Der Himmel weint und der Kiez weint auch, weil so viele Menschen hier wegziehen müssen«, sagt Friedrich Schindler, Anwohner und selbst Betroffener, zur Eröffnung. Trotz des strömenden Regens haben sich an diesem Dienstag zahlreiche Leute um die mannshohen Schautafeln versammelt, auf denen Betroffene von ihrem Kampf gegen ihre Verdrängung erzählen. Es geht um teure Sanierungen und Mietsteigerungen, Kündigungen wegen Eigenbedarfs und Entmietungsstrategien, meist nach einem Eigentümerwechsel. Es sind traurige Geschichten, die hier erzählt werden, aber auch kämpferische.

So wie die von Dijana Kodcoman. Die 36-Jährige wohnt in einem Haus mit 16 Wohnungen und zwei Gewerbeeinheiten in der Fidicinstraße 42, das 2016 an die ALW-Gruppe verkauft wurde. Kurze Zeit später begannen die Planungen für Modernisierungen: Balkonanbau, Außenaufzug, Dachgeschossausbau, das volle Programm. Sogar die Fällung der beiden uralten Ahorn-Bäume im Innenhof war schon beantragt. Die Mieter*innen befürchteten erhebliche Mietsteigerungen und wandten sich an das Bezirksamt. »Es war alles schon fertig geplant. Uns wurde gesagt, dass man da nichts machen kann«, erzählt Kodcoman.

Doch damit wollten sich die Mieter*innen nicht abfinden. Die meisten wohnen schon seit Jahrzehnten in dem Haus. »Wir haben eine ältere Dame, die seit ihrer Geburt dort wohnt«, erzählt Kodcoman. Der Zusammenhalt der Hausgemeinschaft ist dementsprechend groß. Gemeinsam stellten sie eine Kampagne auf die Beine, drehten Aufklärungsvideos und wandten sich mit den Geschichten der von Verdrängung bedrohten Bewohner*innen an Öffentlichkeit und Politik. Der Appell hatte schließlich Erfolg: Am Ende verweigerte das Bezirksamt unter Berufung auf den Milieuschutz die Genehmigung für die geplanten Baumaßnahmen.

»Es war toll, dass wir als Gemeinschaft zusammengehalten haben«, freut sich Kodcoman über ihren Erfolg. Doch der währte nicht lange. Im August dieses Jahres kaufte die umstrittene Deutsche Wohnen das Haus, die dafür berüchtigt ist, Mieterhöhungen jenseits dessen zu fordern, was laut Mietspiegel zulässig wäre. »Wir wissen nicht, wie es weitergeht, aber ich will hier nicht vertrieben werden. Ich bin hier aufgewachsen«, sagt Kodcoman. Für sie ist klar: »Wir wollen weiterkämpfen.«

Noch weniger Schutz als Privatmieter*innen haben Gewerbetreibende. Diese sind der Gentrifizierung nahezu schutzlos ausgesetzt. Die Platten- und Trödelläden, für die die Gegend einst bekannt war, sind mittlerweile fast verschwunden. Das gleiche Schicksal droht auch den Gewerbetreibenden auf dem Gelände der Bockbrauerei. Das zu verhindern hat sich Lina H. zur Aufgabe gemacht. Die 38-Jährige engagiert sich in einer Initiative, die sich für den Erhalt des Gewerbehofs einsetzt. »Mich stört vor allem die Arroganz des Geldes. Diese Selbstherrlichkeit, etwas zu zerstören, nur weil man das nötige Geld in der Tasche hat«, sagt sie.

Die Bockbrauerei war bis vor Kurzem noch ein erfolgreicher Gewerbestandort mit mittelständischen Gewerbetreibenden und verschiedenen Kultureinrichtungen. 2016 wurde es an die Bauwert AG verkauft. Der Investor will auf dem Areal großzügig abreißen und fünf- bis sechsgeschossige Gebäude mit Luxusappartments, aber auch Sozialwohnungen bauen. Im Keller, in dem im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter*innen in einer unterirdischen Rüstungsfabrik eingesetzt wurden, sollten Tiefgaragen entstehen. Zumindest das konnte die Initiative verhindern: Ein Teil des Kellers steht nun unter Denkmalschutz.

Nur ein kleiner Sieg im Kampf gegen den Investor. Von den 30 Gewerbetreibenden sind mittlerweile nur noch rund ein Drittel übrig geblieben. Als Letztes mussten die über 100 Trommelschüler*innen vom Percussion Art Center gehen. »Solche Orte gehen sang- und klanglos verloren, aber sie fehlen«, beklagt Lina H. »Das Mittel kann nur sein, sich zu solidarisieren, sich zusammenzuschließen und an die Öffentlichkeit zu gehen«, sagt sie kämpferisch. Im Hintergrund jodeln immer noch die beiden Damen: »Geh auf die Straße.«

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