nd-Sportpreis

Meister aller Klassen

Frank Stäbler hat im Ringen Einzigartiges erreicht

Von Alexander Ludewig

Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Frank Stäbler war vier Jahre alt, als die Eltern ihn zusammen mit seinem Bruder Stefan zum Sport bringen wollten. Beim Mutter-Kind-Turnen aber war kein Platz mehr frei. Kurz entschlossen ging es weiter zum Ringer-Kindergarten in Musberg – eine Entscheidung mit Folgen. 25 Jahre später ist Frank Stäbler zur Legende geworden: Als erster Ringer der Geschichte gewann er drei Weltmeistertitel in drei verschiedenen Gewichtsklassen.

Stäbler ist selbstbewusst. Das zeigt schon sein Erscheinungsbild mit dem kurzen Irokesenschnitt auf dem Kopf. »Einen Erfolg für die Ewigkeit« nennt er seinen Sieg am 26. Oktober in Budapest. Im Finale der Gewichtsklasse bis 72 Kilogramm im griechisch-römischen Stil hatte er den Lokalmatadoren Balint Korpasi bezwungen. Nach den Goldmedaillen bei den Weltmeisterschaften 2015 und 2017 in den Gewichtsklassen bis 66 und 71 Kilogramm hat er sich damit eine einzigartige Sammlung errungen, in einem besonderen Kampf: Gegen eben jenen Korpasi hatte er vor zwei Jahren seine letzte Niederlage auf der Matte hinnehmen müssen.

Das weltweite Echo nach seinem Erfolg war Stäbler ebenso wichtig wie der Empfang in der beschaulichen Heimat. Einerseits sucht der extrovertierte 29-Jährige immer wieder die große Öffentlichkeit – »um Ringen populärer zu machen«, wie er sagt. So landete er beispielsweise vor zwei Jahren im Big-Brother-Haus. Werbung kann sein Sport gebrauchen: Noch vor fünf Jahren drohte das IOC dem urolympischen Zweikampf mit dem Aus. Die andere Seite Stäblers, die bodenständige, lernt man in Musberg kennen. Sein ganzes Leben hat er bislang in dem 5500-Einwohner-Ort im Südwesten Baden-Württembergs verbracht. Dort wohnt er mit seiner Frau Sandra und der gemeinsamen Tochter Alia Marie und will auch nicht weg.

Die Ringerhochburg Schifferstadt ist nur 130 Kilometer von Musberg entfernt. Trotz zahlreicher Angebote, die Vorzüge des dortigen Olympiastützpunktes zu nutzen, blieb Stäbler auch seinem Verein stets treu. Aber ausgerechnet dort, beim TSV Musberg, traf er auf die größten Probleme in der WM-Vorbereitung. Meinungsverschiedenheiten gab es zwischen den Ringern, die seit 2010 in der Bundesliga kämpfen, und Joachim Beckmann, Präsident des Mehrspartenvereins TSV schon länger. Dass die Mattenkämpfer ihre Abteilung irgendwann ausgegliedert haben und seitdem als KSV Musberg antreten, nahm Beckmann ihnen sehr übel. Auf dem bisherigen Höhepunkt des Streits wurde Stäbler der Zugang zur Trainingshalle zeitweise verwehrt. Aus dem Nachteil machte der zielstrebige Sportler einen Vorteil: Den provisorischen Umbau des ehemaligen Kuhstalls auf dem elterlichen Hof zur Trainingsstätte ließ er öffentlichkeitswirksam durch verschiedene Medien begleiten. Zusätzlicher Antrieb war es auch: Früher, als kleiner Junge, hatte er dort schon versucht, die Kühe des Vaters umherzuschieben. Kräftig zupacken ist wichtig im Greco-Ringen, wo nur Angriffe auf den Oberkörper erlaubt sind.

Mentale Stärke, unbedingter Wille, Leidensfähigkeit – das sind für Stäbler die entscheidenden Voraussetzungen für Erfolge. Das will er weitergeben, als Lebens- und Motivationscoach nach seiner Karriere. Vorher will er sich noch seinen Traum vom Olympiasieg erfüllen, 2020 in Tokio. Dafür muss er fünf Kilo abspecken, weil seine jetzige 72er-Gewichtsklasse nicht olympisch ist. Neben Entbehrungen verzichtet er für das große sportliche Ziel auch auf viel Geld: 150 000 Euro wurden ihm pro Kampf in der Vollkontaktsportart Mixed Martial Arts geboten. Für seinen WM-Sieg bekam er 1500 Euro.

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