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In der Hafenstraße herrscht der Blues

Das soziokulturelle Projekt «HaSi» in Halle bereitet sich auf Räumung vor / Keine Mehrheit für Rettung im Stadtrat

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.

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Blues ist eigentlich nicht die Musik der «HaSi». Im Garten des besetzten Hauses, das im sachsen-anhaltinischen Halle nur wenige Gehminuten vom Marktplatz entfernt in der Saaleaue steht und dessen Name ein Kürzel der Anschrift Hafenstraße 7 ist, hängt in den Bäumen ein Transparent: «Chaos. Autonom. Punk», ist zu lesen. Würde an diesem Tag ein Film gedreht, müsste er mit schwermütiger Musik unterlegt werden. «Die ›HaSi‹ war der Versuch, eine Utopie zu leben», sagt eine junge Frau mit Rastalocken bei einem Pressetermin auf dem Fußweg: «Der Ort und seine Projekte werden fehlen.» Es klingt wie ein Nachruf.

Noch ist die HaSi nicht Geschichte. Noch lädt neben dem Gartentor ein Schild in einen «Umsonst-Laden» ein; in einem Schaukasten wird auf Konzerte und Diskussionsrunden hingewiesen; an der Fassade, von der Putz abblättert, ist auf einem Laken zu lesen: «Kommt rein!». Im Januar 2016 wurde das damals leer stehende Haus besetzt; seither ist hier ein soziokulturelles Zentrum entstanden. Seinen dritten Geburtstag wird es allerdings wohl nicht mehr erleben.

Der Eigentümer, die kommunale Wohnungsgesellschaft HWG, hat eine Anfang 2018 ausgelaufene Nutzungsvereinbarung nicht verlängert und im Oktober vor Gericht die Räumung durchgesetzt. Für Mittwoch hat sich eine Gerichtsvollzieherin angekündigt; unmittelbar danach erwarten die Bewohner der HaSi die Räumung. Freiwillig wollen sie das Feld freilich nicht räumen: «»Wir werden passiven Widerstand leisten«, sagt ein Aktivist namens Micha. Auch sei man »mit jeder Aktionsform« von Sympathisanten »solidarisch«. Von der Polizei erwartet man ein »hartes Vorgehen«. Für ärztliche, psychologische und medizinische Betreuung sei gesorgt, heißt es in Richtung der Unterstützer. Es klingt, als richte man sich auf einen echten Showdown ein.

Ähnliche Projekte in Halle sind leiser verschwunden, aber verschwunden sind sie doch. Ein paar hundert Meter die Straße hinunter befand sich in einem anderen alten Haus einst die Rockstation, in der Bands begehrte Probenräume fanden. Nach dem Saalehochwasser 2013 musste geräumt werden; nach einer Alternative suchte man seither vergebens. Die »Stadtgärten Glaucha«, die eine Baulücke in einem Altstadtviertel nahe der Saale seit 2009 zu einem Bürgergarten umgestaltet hatten, sind ebenfalls verschwunden; die Fläche hat ein Berliner Investor gekauft, heißt es beim ehemaligen Betreiber »Postkult e.V.«

Auch in der »HaSi« macht man vor allem kommerzielle Interessen dafür verantwortlich, dass der Vertrag nicht verlängert wurde und es, wie die Aktivistin Mara beklagt, nicht einmal die vertraglich zugesicherten Gespräche darüber gab. Offiziell ist zwar von einer Bodenverseuchung auf dem Gelände die Rede, das einst zum städtischen Gaswerk gehörte, und von Beschwerden der Nachbarn. Das seien aber »herangezogene Gründe«. Die aus Sicht der HaSi echte Ursache ist, dass es seit einigen Jahren »auch in Halle zunehmend lukrativ ist, in Immobilien zu investieren«, sagt Micha. Auch in der Hafenstraße lässt sich das schon belegen: Neben einigen sanierten Altbauten stehen neue Wohnhäuser, die zwar nicht schön, aber teuer aussehen. Weitere Freiflächen sollen an einen Immobilienentwickler verkauft sein - der künftige Wohnungen leichter vermarkten dürfte, wenn kein besetztes Haus daneben steht. »Unkommerzielle Projekte«, sagt Micha, »müssen als erstes weichen.« Und damit auch kulturelle Freiräume und der, wie Mara formuliert, »Versuch eines Lebens jenseits wirtschaftlicher Verwertungslogik«.

Versuche im Stadtrat, die »HaSi« zu retten, gab es. Allerdings fand etwa der Vorstoß, die stadteigene HWG zu einem Verkauf des Hauses an die Besetzer zu verpflichten, keine Mehrheit. Auch für den Versuch, den Verbleib der »HaSi« in der Hafenstraße mit einem Stadtratsbeschluss an diesem Mittwoch quasi in letzter Minute zu sichern, fand sich im Stadtrat keine Mehrheit, räumte Hendrik Lange (LINKE) ein. Der gemeinsame Kandidat von LINKE, SPD und Grünen für die OB-Wahl 2019 biss dem Vernehmen nach vor allem bei der SPD auf Granit. Angebote, nach einem anderen geeigneten Objekt zu suchen, stießen auf Unwillen beim »Capuze e.V.«, dem Träger der HaSi. Auf »Duldungsverhältnisse und Zwischenlösungen« wolle man sich nicht einlassen.

War es das dann also für die »HaSi«? Vielleicht doch nicht. Es scheint, als wachse neuer Rückhalt für das Projekt in der Hallenser Kulturszene. Matthias Brenner, der Intendant des »Neuen Theaters«, und Thomas Müller-Bahlke, der Direktor der Franckeschen Stiftungen, waren dieser Tage zu Gesprächen in der Hafenstraße; man habe sich anhören wollen, »wie sie ticken, was sie vorhaben und ob die HaSi auch nach der Räumung, die zu erwarten ist, weiter existiert«, sagte Brenner im Anschluss. Die Kulturszene »kann sich da nicht heraushalten«, fügte er an und stellte die drohende Räumung in einen politischen Kontext. »Die HaSi besetzt ein Haus, die Identitären besitzen ein Haus. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns«, sagte er in Bezug auf ein rechtes Hausprojekt in der Hallenser Innenstadt. Kurz danach indes drehte ein Polizeihubschrauber schon mal drei Runden über der Hafenstraße 7.

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