Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Bankier, Landwirt, Sozialist

Ein Buch und eine Ausstellung erinnern an Hugo Simon, eine Schlüsselfigur der Weimarer Republik

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 4 Min.

Eineinhalb Autostunden braucht man heute vom Berliner Zentrum nach Seelow. Hugo Simon pendelte in den 1920er Jahren häufig zwischen Hauptstadt und dem 75 Kilometer östlich von ihr gelegenen Städtchen. Der gelernte Landwirt hatte dort 1919 ein großes Areal auf jener Anhöhe erworben, von der aus man weit ins Oderbruch blicken kann und die 1945 Schauplatz einer der letzten furchtbaren Schlachten des Zweiten Weltkriegs war. Als die Rote Armee das Hitlerreich niederrang, war Hugo Simon in Sicherheit, 10000 Kilometer entfernt von seinem einstigen Besitz.

Bis 1933 stand der Bankier und Sozialist, geboren 1880 in Usch (heute Ujście, Polen) als Sohn eines Lehrers jüdischen Glaubens, im Zentrum des gesellschaftlichen und geistigen Lebens der Weimarer Republik. Nach der Novemberrevolution 1918 war das Gründungsmitglied der USPD gar einige Wochen lang Finanzminister. In seiner Villa in Berlin-Tiergarten wie auch im Seelower »Schweizerhaus« verkehrten die Großen aus Kunst, Literatur und Politik.

Derzeit widmet sich eine Ausstellung in der brasilianischen Botschaft Leben und Werk Simons. Der Hintergrund für die Ortswahl: Brasilien war Simons letzter Zufluchtsort auf seiner Flucht vor den Nazis. Parallel ist ein neuer Bild-Text-Band vor allem über sein Wirken in Berlin erschienen, herausgegeben von Anna-Dorothea Ludewig und Rafael Cardoso. Letzterer ist ein Urenkel des Bankiers. Der 1964 in Brasilien geborene Kunsthistoriker erforscht die Geschichte seiner Familie seit 1987. Damals musste er die Wohnung der Urgroßeltern in São Paulo auflösen - und stieß auf eine Kommode voller Fotos und Dokumente, darunter auch das Manuskript einer autobiografischen Schrift Hugo Simons. Bis zu seinem 16. Lebensjahr habe er nichts von seinen deutschen und jüdischen Wurzeln gewusst, schreibt Cardoso im Vorwort zu seinem bereits 2016 erschienenen Roman über die mehrfache Flucht seiner Vorfahren.

Hugo Simon wusste nach der Machtübertragung an Hitler und die NSDAP, dass er wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Aktivitäten als Sozialist und Pazifist zu den ersten gehören würde, die um ihr Leben fürchten müssten - und er emigrierte bereits im März 1933 nach Frankreich. Damals konnte er noch größere Teile seines Vermögens, darunter insbesondere zahlreiche Werke zeitgenössischer Künstler, retten und seinen Lebensunterhalt als Finanzmakler in Paris verdienen. Durch seine zweite Flucht, zunächst nach Südfrankreich und von dort über Spanien nach Brasilien, verlor er die meisten seiner Besitztümer.

Auch in Frankreich engagierte sich Simon kulturpolitisch. Und er unterstützte die Komitees für Flüchtlingshilfe. Im Sommer 1940 musste die Familie selbst erneut fliehen, mit falschen Namen. In Brasilien sollte Simon bis zu seinem Tode vergeblich um die Rückgewinnung seiner wahren Identität kämpfen. Er scheiterte trotz zahlreicher Beglaubigungsschreiben. In der Ausstellung sind zwei davon zu sehen - eines von Thomas Mann und eines von Albert Einstein, beide begleitet von herzlichen persönlichen Briefen. Simon starb 1950 in São Paulo - als ein »Jude ohne Gottesdienst, ein Bankier ohne Geld, ein Sammler ohne seine Kunstwerke, ein Bauer ohne Land«, wie Cardoso schreibt.

Dass man sich seiner in Deutschland wieder erinnert, ist einerseits der Arbeit seines Urenkels und anderer Exilforscher zu verdanken. Nicht hoch genug zu schätzen sind aber auch die mehr als ein Jahrzehnt währenden Bemühungen der im Seelower »Heimatverein Schweizerhaus« Aktiven, den »Simon'schen Anlagen« wieder Leben einzuhauchen. In unzähligen Arbeitseinsätzen haben Bewohner der kleinen Stadt Terrassen, Gewächshäuser und zahlreiche weitere zugewachsene Gebäude des nach den Vorstellungen des Bankiers geschaffenen Musterguts freigelegt und entrümpelt. 2010 erwarb die Stadt Seelow das Gelände von den Erben und übertrug es dem Verein zur Nutzung. Das Herzstück, das Schweizerhaus, ist inzwischen saniert. Der Verein hat für das Vorhaben EU-Beihilfen eingeworben und die Hermann-Reemtsma-Stiftung für die Kofinanzierung gewonnen.

Rafael Cardoso, Anna-Dorothea Ludewig (Hg.): Hugo Simon in Berlin. Handlungsorte und Denkräume, Hentrich & Hentrich Verlag, 120 Seiten, Hardcover, 67 Abb., 24,99 Euro

Ausstellung »Hugo Simon: Vom roten Bankier zum grünen Exilanten«, bis 15. Dezember, Brasilianische Botschaft, Wallstraße 57, Berlin

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln