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Mindestlohn für Radsportlerinnen

Frauen verdienen als Straßenprofis nicht genug zum Leben. Der Weltverband will das nun endlich ändern

  • Von Tobias Kraus
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Gleichstellung von Frau und Mann ist im Sport oft noch weit entfernt. Zumindest im Radsport bemüht sich der Weltverband UCI nun um eine Verbesserung der Lage. In den kommenden Jahren soll der Frauenradsport forciert werden. Die gesetzte Agenda 2022 sieht gleich mehrere strukturelle Änderungen vor.

Zum ersten Mal legte die UCI dafür im Sommer auch Richtlinien zur künftigen finanziellen Förderung fest. Bereits 2019 soll es Mindeststandards bei Preisgeldern geben, die in den folgenden drei Jahren schrittweise angehoben werden. Erstmals wurde zudem ein Mindestlohn bei den Frauen vereinbart, auch wenn er erst ab 2020 gelten wird. Beim Betrag hält sich die UCI noch bedeckt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass er noch deutlich unter dem der Männer liegen wird, die aktuell ein jährliches Mindestgehalt von 38 115 Euro beziehen.

Die Gehaltssituation im Frauenradsport ist dagegen miserabel. Die »Cyclists’ Alliance«, die 2017 gegründete Interessensvertretung der Fahrerinnen, ermittelte in einer Umfrage, dass zwei Drittel der Lizenzradsportlerinnen weniger als 10 000 Euro im Jahr verdienen, 17 Prozent erhalten sogar überhaupt kein Gehalt. »Ich kenne viele 30-Jährige, die noch zu Hause wohnen und von ihren Eltern unterstützt werden müssen«, berichtete Gabrielle Pilote-Fortin, kanadische Fahrerin des Teams WNT-Rotor jüngst gegenüber dem Radsportmagazin »Procycling«. UCI-Präsident David Lappartient nannte diesen Zustand »inakzeptabel«.

Ebenfalls noch 2019 wird ein Verhaltenskodex eingeführt, den alle Mitarbeiter*innen der unter dem Dach der UCI organisierten Frauenteams unterschreiben müssen. Damit soll ein Bewusstsein geschaffen werden für sexuelle Belästigungen, denen sich Fahrerinnen immer wieder ausgesetzt sehen, wie der Fall von Jessica Varnish vor zwei Jahren zeigte. Sie berichtete damals von zahlreichen abfälligen Kommentaren seitens des britischen Radsportverbandes hinsichtlich ihrer Figur: »Nach 2012 wurde mir gesagt, mit einem Arsch wie meinem könnte ich im Teamsprint nicht die Position wechseln.« Ihr sei zudem geraten worden, sie solle gehen und ein Baby bekommen. Andere Britinnen stellten sich hinter sie und lösten damit eine Diskussion über Sexismus im britischen Radsport aus. Der neue Kodex wird bindend sein, bei Verstößen sollen Sanktionen ausgesprochen werden.

Ab 2020 gibt es zudem Veränderungen in der Strukturierung der Teams, ein zweistufiges System aus World- und Continental-Teams wird eingeführt. Bislang fuhren alle 46 Mannschaften in einer Liga, wobei nur die ersten 15 einen Startplatz bei den Rennen der Women’s World Tour sicher hatten. In Zukunft orientiert man sich also am System der Männer. Daran anschließend passt die UCI auch den Rennkalender dem der Männer an. So sollen gleiche Formate geschaffen werden, um Frauen den gleichen Zugang zu Wettbewerben zu gewähren. Der Weltradsportverband möchte zum Beispiel ein Mehretappenrennen von Weltrang initiieren oder Frauenwettkämpfe an die großen Männerrennen anbinden. Vor wenigen Tagen erst deutete Lappartient an, mit dem französischen Rennveranstalter ASO in Gesprächen über eine weibliche Version von Paris-Roubaix und auch einer etwas kürzeren Tour de France zu stehen: »Ich sagte ihnen: ›Ihr seid die führende Organisation der Welt, also habt ihr euren Teil der Verantwortung für die Unterstützung des Frauenradsports zu übernehmen.‹«

Weiterhin sind respektvollere Podiumszeremonien, die Steigerung der Medienberichterstattung sowie die Verbesserung der finanziellen Ausstattung von Frauenteams geplant. Auch innerhalb der UCI sollen ähnliche Maßnahmen umgesetzt werden. So hat eine neue Charta die Gleichstellung der Geschlechter innerhalb der Verwaltung zum Ziel. In wichtigen Entscheidungsgremien auf nationaler und internationaler Ebene sollen Frauenquoten eingeführt werden.

Die angekündigten Reformen werden überwiegend positiv aufgenommen, insbesondere von der Vertretung der Fahrerinnen: »Diese Verbesserungen sind Meilensteine für sichere Arbeitsbedingungen, eine faire Behandlung und stärkere ökonomische Garantien für den Frauenradsport in Gegenwart und Zukunft«, erklärte »Cyclists’ Alliance«. Deren Direktorin Iris Slappendel betonte, dass insbesondere der Mindestlohn ein großartiges Ergebnis der Verhandlungen mit der UCI sei, sie aber auch mit neuen Regularien bei Arbeitsbedingungen, Verträgen und Versicherungen zufrieden sei. Diese Anregungen seien den Fahrerinnen sehr wichtig gewesen. »Es ist gut zu sehen, dass dieser Input in die Reformen aufgenommen wurde.« Auch die mehrfache Weltmeisterin Marianne Vos twitterte bereits ihre Zustimmung.

Bedenken äußerte hingegen die südafrikanische Fahrerin Ashleigh Mollman vom Team CCC gegenüber dem Onlineportal für Frauenradsport voxwomen.com. Sie fürchtet, die Reformen hätten eine »fundamentale Schwachstelle«, denn in einem sehr kurzen Zeitraum sollen riesige Strukturänderungen umgesetzt werden. Dabei fehle es aber an einer Strategie für die Teams, wie sie diesen - insbesondere finanziellen - Anforderungen gerecht werden können. Die mehrfache Landesmeisterin befürchtet, dass dies für viele Teams das Ende bedeutet - was wiederum Arbeitsplätze von Fahrerinnen gefährden würde.

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