Aufbruch in die Moderne

Dass der Kaiser zum Holzhacken ins holländische Exil geschickt wurde, haben die deutschen Kulturträger noch nicht verwunden, da klopft schon die nächste Revolution an die Tür: Die Moderne schickt sich an, die verlogene Ornamentik des 19. Jahrhunderts in den Orkus zu schicken. Die Wohnungen sollen hell, hygienisch und bezahlbar sein, Geschirr funktional und erschwinglich, Behördenformulare und Verkehrsmittelbeschriftungen lesbar, Kleidung körpergerecht und formschön. Und international. Der deutsche Sonderweg sollte der Vergangenheit angehören, die Alltagskultur ein Mittel sein, mit reaktionären Denk- und Verhaltensweisen zu brechen, die in die Katastrophe des Weltkrieges geführt hatten. Folgerichtig machten Rechtskonservative und Nazis Front gegen »Kosmopoliten« und »Kulturzerstörer«; die einen schickten Schlägertrupps etwa in Vorträge der Urania, andere wetterten in der Presse oder behinderten in Bauämtern die Errichtung von Werkssiedlungen. Der linksliberale Typograph und Erfinder der Futura Paul Renner analysierte in seiner Schrift »Kulturbolschewismus?« von 1932 sehr genau den »rassedeutsch« verquasten Kulturbegriff und die perfiden medialen Strategien der Rechten; und wer da Parallelen zur Empörungsrhetorik einer heutigen Partei und anderen völkischen »Vordenkern« erkennt, liegt durchaus nicht falsch. Wenn also nunmehr 100 Jahre Bauhaus gefeiert werden, sollte man auch einen Blick auf die Umstände seiner Geschichte werfen, denn noch ist nicht alles Feine Sahne Fischfilet. msp