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Über Geld redet man nicht

Wie Friedrich Merz sehen sich die meisten Reichen als Teil der gehobenen Mittelschicht - und das aus gutem Grund

  • Von Michael Hartmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Frage, ob Friedrich Merz reich ist, lässt sich leicht beantworten. Auch bei einer engen Auslegung des Begriffs gehört er zweifelsohne zu den Reichen des Landes. Gerade einmal rund 19.000 Personen haben hierzulande ein Einkommen von einer Million oder mehr pro Jahr. Von den fast 45 Millionen Erwerbstätigen sind das weniger als fünf Promille. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung liegt der Anteil sogar unter drei Promille. Merz zählt zu diesem erlauchten Kreis. Bei einem solchen Jahreseinkommen dürfte er zudem über die Jahre genug gespart haben, um es auf ein Vermögen von einigen Millionen zu bringen. Damit gehört er auch in dieser Beziehung zu den Reichen der Republik.

Dass Merz sich trotz dieser unbestreitbaren Sachlage zunächst nicht als reich, sondern als Angehöriger der gehobenen Mittelschicht bezeichnet hat, liegt aber nicht nur am politischen Kalkül, mit der Bezeichnung Millionär seine Aussichten auf den Vorsitz der CDU nicht unbedingt zu verbessern. Es entspricht vielmehr einer in diesen Kreisen weit verbreiteten Haltung. Auch Personen mit zweistelligen Millionenvermögen begreifen sich in der Regel als Mittelschicht, und das ganz ehrlich und nicht nur aus taktischen Gründen. Ich habe das in Privatgesprächen selbst erlebt. In ihrem Umfeld ist ein solches Vermögen normal und man vergleicht sich dann mit den »wirklich Reichen«, die mehrere hundert Millionen haben oder gar über eine Milliarde. Dazu kommt bei fast allen Reichen noch die Überlegung, dass es am besten ist, wenn über Reichtum erst gar nicht geredet wird. Dann bleibt alles nämlich so, wie es ist. Wenn erst einmal öffentlich darüber geredet wird, besteht immer die Gefahr, dass es zu lautstarker Kritik und in deren Folge zu nachteiligen politischen Veränderungen für einen selbst kommt. Man schweigt also besser, wenn es um Einkommen und Vermögen geht.

Es ist meines Erachtens dennoch falsch, von Merz aufgrund seines Reichtums und seiner langjährigen Tätigkeit in der Wirtschaft - speziell bei dem Vermögensverwalter Blackrock -eine deutlich verschärfte Politik zu Gunsten der Wohlhabenden und Reichen zu erwarten. Eine solche, derzeit von vielen linken und linksliberalen Medienvertretern gepflegte Sichtweise beinhaltet nämlich ungewollt eine Verklärung der von allen Bundesregierungen seit 1999 betriebenen Politik.

Merz würde in finanz- und steuerpolitischen Fragen im Wesentlichen nur das fortsetzen, was die Bundesregierungen und speziell die Finanzminister Eichel, Steinbrück, Schäuble und Scholz seit zwei Jahrzehnten betrieben haben und weiter betreiben. Die hohen Einkommen und Vermögen werden begünstigt, die niedrigen belastet.

Das gilt für die Senkung der Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen, vom Spitzensteuersatz über die Körperschaftssteuer bis hin zur Erbschaftsteuer, genauso wie für die Anhebung der Mehrwertsteuer, die in erster Linie die breite Masse der Bevölkerung trifft. Von der nach der Finanzkrise versprochenen Reregulierung der Finanzmärkte ist auch nicht viel zu sehen, wie nicht zuletzt die immer neuen Finanzskandale á la Cum-Ex etc. zeigen. In dieser Hinsicht mussten sich Konzerne wie Blackrock bisher ebenfalls kaum Sorgen machen. Merz wird also, sollte er denn CDU-Chef werden, auf eine fast zwanzigjährige ununterbrochene Tradition zurückgreifen können.

Kontinuität gibt es auch noch in einer anderen Beziehung. Merz kommt wie die vier Finanzminister und die Mehrheit der jeweils übrigen Kabinettsmitglieder aus einem gutbürgerlichen Haushalt, ist also in Wohlstand, wenn auch nicht in Reichtum aufgewachsen. Zudem ist Merz als Sohn eines Richters und Enkel eines langjährigen Bürgermeisters seit Kindesbeinen daran gewöhnt, die Welt aus der Perspektive derer zu betrachten, die Macht haben.

Der Blick auf die Gesellschaft war und ist daher bei ihm wie bei Eichel & Co. stets einer von oben. Schon ihre Herkunftsfamilien zählten zu den oberen vier Prozent der Bevölkerung, was die zentralen Kategorien Geld und Macht betrifft. Das prägt den Blick auf gesellschaftliche Ungleichheit, wie eine Befragung der Inhaber der 1000 wichtigsten Machtpositionen in Deutschland 2012 eindeutig gezeigt hat. Die Elitenangehörigen empfinden die existierenden sozialen Unterschiede umso stärker als gerecht, je wohlhabender und reicher sie selbst aufgewachsen sind. Merz steht auch hier ganz in der Tradition der vier Finanzminister und der letzten Bundesregierungen.

Michael Hartmann ist Soziologe und Elitenforscher. Sein letztes Buch » Die Abgehobenen - Wie die Eliten die Demokratie gefährden« erschien im Campus-Verlag.

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