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In der Voliere

Disparat-verträumt: Julia Holter fängt in ihrem neuen Album »Aviary« Verwerfungen der Gegenwart ein

  • Von Michael Saager
  • Lesedauer: 2 Min.

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Ein Vogelhäuschen, niedlich. Da denkt man an verfrorene Piepmätze im Winter. Wie sie vorsichtig hineintapsen, um sich dann hungrig über die Körner herzumachen. An was man garantiert nicht denkt, ist konzeptueller Kunstpop von Julia Holter, sind entrückt-verträumte, schlau arrangierte Sound- und Songexpressionen der Multiinstrumentalistin aus Los Angeles. Was soll man sagen? Die Freiheit der Kunst hört bei der Titelgebung nicht auf, und Holters fünftes Album heißt nun mal »Aviary«, was Voliere oder eben Vogelhaus bedeutet.

Man hätte es kaum für möglich gehalten, aber »Aviary« ist noch komplexer als die musikalisch wahrlich nicht unambitionierten Vorgänger »Have You in My Wilderness« von 2015 und »Loud City Song« aus dem Jahr 2012. Ein für Popverhältnisse beinahe schon wundersam freies Album ist der 33-Jährigen gemeinsam mit ihrem verteufelt gut eingespielten Stammensemble da gelungen. Sofern man dieses zwischen Avantgardepop mit mittelalterlicher Intonation, Neuer Musik, Vangelis-Science-Fiction-Ambient, Jazzimprovisationen und Fernostklängen pendelnde Werk von 90 epischen Minuten »Popalbum« überhaupt noch nennen möchte.

Andererseits sind Begriffe wie Pop letztlich so etwas wie Gefäße, die in ihrem Fassungsvermögen - je nach Diskurslage, Denkrichtung und Kontextualisierung - erheblich variieren können. Nicht alle Vogelhausassoziationen sind zwingend niedlich: »I found myself in an aviary full of shrieking birds« (»Ich befand mich in einer Voliere voller kreischender Vögel«) heißt eine Kurzgeschichte der libanesisch-amerikanischen Schriftstellerin Etel Adnan aus dem Jahr 2009. Holter nimmt das Zitat als Allegorie und Leitmotiv für ihre musikalische Reise durch »die Kakophonie des Verstandes in einer schmelzenden Welt«. Auf dem Album wirbeln passagenweise wild die Trommeln, Violinen sirren hochfrequent oder kreischen vogelgleich - Holters Gesang wird mittels Hall und anderen Effekten zu vielen Gesängen.

Inmitten des alltäglichen, nicht zuletzt politischen Wahnsinns, bei all »dem inneren und äußeren Geschwätz« ein Fundament der Ruhe, der Liebe, des Trosts zu finden, sei immens schwierig, erzählt Holter. »Aviary« erweist sich als so originell wie souverän darin, die (Über-)Forderungen, Verwerfungen und Sehnsüchte unserer Gegenwart in Musik und Sounds zu übertragen. Das Album ist überaus dicht arrangiert, musikalisch fordernd bis anstrengend, disparat-verträumt und melodisch, poppig, sehnsuchtsvoll in einem. Wie immer zum Niederknien betörend ist selbst in Momenten stärkster Verfremdung Holters Gesang: ihr überaus feiner, suchend-gleitender, mal bezirzender, dann wieder nachdenklich flüsternder Sopran. Die Welt wird nicht besser durch ihn, aber schöner.

Julia Holter: »Aviary« (Domino/GoodToGo)

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