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Das Meer in Sachsen

Zum Tode des Dichters Wolfgang Hilbig

Das sind die Nachrichten, vor denen man Angst hat. Wolfgang Hilbig ist tot, er starb am Sonnabendabend, erst fünfundsechzig Jahre alt. Es trifft einen überraschend, auch wenn es Hilbig seit langem nicht gut ging. Er trank schon immer zuviel, er schrieb nur noch wenig, war nicht optimistisch, hatte Krebs. Er bekam in den letzten Jahren so ziemlich alle großen Literaturpreise dieses Landes. Ich glaube, er machte sich nicht viel daraus. Er wusste zu genau wie das ist, mit solchen Preisen und wann man sie bekommt und wann nicht: Man bekommt sie erst, wenn man sich schon nichts mehr aus ihnen macht. Mit Hilbig ist einer der letzten gestorben, die man ohne zu zögern einen Dichter und nicht einen Schriftsteller nennen sollte. Ein Wort-Arbeiter! Ich blättere in dem kleinen grauen Gedichtband »Stimme Stimme«, der 1983 bei Reclam Leipzig endlich erscheinen durfte. Hilbig bekam noch schlechteres, noch holzhaltigeres Papier als das, worauf man ohnehin meist druckte. Nun zerfällt das Papier fast schon unter den Händen, die Gedichte aber werden bleiben. Eines von ihnen heißt »geflüster«: »der rote duft der nacht - / die rosen verglühen im dunklen / efeu an trunknen bäumen / im schlafenden herz / wo ichs gelassen find ich / nichts feuchtes im dunkel.« Und dann jene Verse, die mir heute genauso wie damals ins Herz schneiden: »ach / ich schmeck mir / so steinern heut«. Man denkt bei dieser Sprache unwillkürlich an Georg Trakl, aber auch an Franz Fühmann, der sich unablässig für diesen in der DDR so ungewollten, weil jedes Klischee sprengenden schreibenden Arbeiter einsetzte. 1980 hielt Fühmann eine »imaginäre Rede« auf Hilbig unter dem Titel »Praxis und Dialektik der Abwesenheit«: »Er ist hier nicht anwesend. Seine Abwesenheit quält; sein Anwesendsein wird Schwierigkeiten bringen: Er ist ein Dichter.« Das ist das bis heute Gültigste, was über Hilbig geschrieben wurde. Und das Unrecht, das der Arbeiter- und Bauernstaat dem schreibenden Heizer aus Meuselwitz antat, es lässt sich auch darum nicht entschuldigen, weil es die eigenen ständig proklamierten Absichten dieses Staatswesens dementierte. Wenn ich am Tag eins nach Hilbigs Tod in seinen Büchern blättere, dann denke ich, dass seine Anfänge für ihn selbst uneinholbar geworden waren. Dieser Auftritt, den die offizielle DDR-Kulturpolitik verhindern wollte, aber nicht konnte, weil ihn vor allem Franz Fühmann mit seiner zorniger Unbedingtheit schließlich erzwang, er bleibt ein einmaliges Ereignis deutscher Literatur des 20. Jahrhunderts. Bei seinem Debüt 1983 war Hilbig bereits 42 Jahre alt. Ein Jahr später starb Fühmann und noch ein Jahr später ging Hilbig fort aus der DDR. Im Westen kam er nie wirklich an - und wurde dennoch erfolgreich. Der Nimbus des Dissidenten, den man ihm zur Verkaufsförderung anheftete, so schien mir immer, war ihm unangenehm. Hilbig blieb ein sächsischer Dichter im Exil. Er schrieb den satirischen Stasi-Roman »Ich« und das bittere Protokoll seines Ausgesetztseins im Westen »Das Provisorium«, dicke lesenswerte Bücher - aber sein ureigenstes Metier blieb die Arbeit am Wort. Diese Sprachverdichtung in seiner kurzen Prosa und Lyrik, sie lässt Gewalt und Zärtlichkeit aufeinanderprallen. Die knappen Worte entfalten einen Sog, es geht tief hinab für den, der sich hineinziehen lässt. Da ist eine Sprache, die den wortlüsternen Leser nicht wieder so entlässt wie er in sie eingetreten ist. Zu seinem fünfundsechzigsten Geburtstag im Sommer des vergangenen Jahres notierte ich: »Heizer, scheint mir, allein vor ihren Feuerlöchern, das waren die letzten Philosophen, denen die Gedanken noch als Schweißperlen über das rußgeschwärzte Gesicht rollten. Vielleicht hat Wolfgang Hilbig das Kesselhaus mit dem Brikettberg nie verlassen. Oben drauf sitzt ein grüner Fasan, derselbe noch wie in seinem Gedicht "episode": "Dieser Fasan zielt auf ihn, so war er herrlicher und schöner / als ein surrealistischer regenschirm auf einer nähmaschine / wie er dort saß genau und furchtlos verirrt / auf seinem schwarzen gipfel / konversation fand nicht statt."« Nein, Hilbigs Texte sind Gegenworte zu aller Konversation. Rigoros sezierte Stille, ein Lauschen darauf, »wie das Feuer die Kohle frisst.« Er litt darunter, dass er die Kraft zur radikalen Gegensprache der Poesie am Ende nur selten noch aufbrachte. Diesem Zusehen-Müssen der eigenen Entformung, das Zurückfallen hinter die eigenen Anfänge, er hat sich bis zum Schluss mit seiner nachlassenden Kraft dagegen gewehrt. Im »Geruch der Bücher« von 1994 spürt in einem fremden Zimmer mit fremden Büchern plötzlich den »Geruch des Todes«: »Ah! Keine Bücher mehr! So hatte er ausgerufen am frühen Morgen nach seinem ersten lyrischen Potpourri-Abend in Berlin. Nein, nichts mehr von der wahnwitzigen Aussaat schwarzer Typen. Kein Gesang mehr! Nie wieder Alphabetismus!« Einmal hielt er, der 1977 »Das Meer in Sachsen« schrieb, nach langem Drängen und heftigem Sträuben seine »Frankfurter Poetikvorlesungen«. Was er da sagte? Etwas, wofür man Heizer aus Meuselwitz und deutscher Dichter von Rang sein muss, um es auszusprechen: »Die Sätze werden unterhalb ihres Verschweigens wahr.« Ein Sonnabendabend, der zweite Tag im Juni, wo die Erde leicht ist, muss ein guter Zeitpunkt für einen Dichter sein, um zu sterben. Am Deutschen Theater läuft da gerade Becketts »Endspiel« und das Gedicht »geflüster«, das der fünfundzwanzige Heizer Hilbig 1966 in einer Arbeitspause schrieb, endet: »aber irgendwo flüstern / mit meinem herzen / frauen die ich nicht geküsst hab / von der süße der rosen und / wie dunkel der efeu ist.«

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