Auf Annes Spuren

Das Anne Frank Zentrum in Berlin erzählt in seiner neu konzipierten Ausstellung die Geschichte des von Nazis ermordeten Mädchens. Von Jérôme Lombard

Von Jérôme Lombard

Was hat Anne Frank uns heute noch zu sagen? Diese Frage steht im Zentrum der neu konzipierten Dauerausstellung des Anne Frank Zentrums, die zu Wochenbeginn in der Rosenthalerstraße 39 in Berlin-Mitte eröffnet wurde. Der Titel der Schau lautet: »Alles über Anne«, und ist damit ganz bewusst provokativ formuliert, wie Ausstellungsleiterin Veronika Nahm erklärt. »Wir können gar nicht alles über Anne wissen, man kann auch gar nicht alles über Anne erzählen«, sagt Nahm.

Zwar sei Anne Franks Schicksal durch ihr in mehr als 70 Sprachen übersetztes Tagebuch, das die Nazizeit unbeschadet überlebt hat, weltweit Menschen ein Begriff. »Man kann aber Geschichte nur auf der Basis von Quellen erzählen, und hier gibt es nach wie vor noch viele Lücken«, erklärt Nahm. So ist etwa die Frage, wer die nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten aus Frankfurt am Main nach Amsterdam geflohene jüdische Familie Frank in ihrem Versteck in einem Hinterhaus nach über zwei Jahren verraten hat, bis heute nicht geklärt. »Neuere Forschungsergebnisse haben herausgefunden, dass das Versteck in der Prinsengracht 263 möglicherweise nicht durch Verrat, sondern durch eine zufällige Schwarzmarktkontrolle enttarnt wurde«, erläutert Nahm. Auch das Datum von Anne Franks Tod wurde erst vor kurzem korrigiert. Das damals erst 15-jährige Mädchen sei nicht wie bisher angenommen im März, sondern bereits im Februar 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus gestorben. Die neuen geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisse werden in der Ausstellung präsentiert.

Es geht in der Schau aber nicht nur um die Vermittlung historischer Fakten. Als Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam hat sich der Berliner Ableger seit seiner Gründung 1998 der Förderung von jugendlichem Engagement gegen Antisemitismus verschrieben. So richtet sich die Ausstellung im Sinne eines interaktiven Lernorts speziell an Kinder und Jugendliche. Ein umfangreiches Bildungsprogramm mit Workshops und Zeitzeugengesprächen unterstützt diesen Ansatz.

Dank moderner Museumspädagogik, Barrierefreiheit, leichter Sprache und englischen Übersetzungen der Informationstexte soll jedem Besucher ermöglicht werden, in das Leben, die Gedanken und die Gefühlswelt von Anne Frank einzutauchen. Ausgangspunkt für diese Zeitreise ist ihr Tagebuch, das das Schulmädchen im Versteck geschrieben hat und das ihr Vater, Otto Frank, als Überlebender der Schoa nach dem Krieg veröffentlicht hat. Zeilen aus dem Tagebuch begleiten den Besucher durch die gesamte Ausstellung. Wer sie liest, lernt eine mutige und intelligente junge Frau kennen, die schon früh den Wunsch hat, Schriftstellerin zu werden.

Chronologisch werden im ersten Teil der Ausstellung die Lebensstationen von Anne Frank geschildert. Eine Tafel veranschaulicht ihren Alltag im Jahr 1942, der von Verboten geprägt war. Anne ging gerne ins Kino: für Juden verboten. Das Schwimmbad: für Juden verboten. Museen: für Juden verboten. »Die Ausstellungsbesucher sehen, was Anne gerne mochte und wie ihr alltägliches Leben durch die Verbote eingeschränkt wurde«, erläutert Nahm. Dabei werden ganz zwangsläufig Brücken in die Gegenwart geschlagen. Denn Fragen nach Ausgrenzung, Zugehörigkeit und eigener Identität sind Fragen, die in der Gesellschaft nach wie vor präsent sind. Dass der Besucher den Bezug zur Gegenwart herstellt, ist von den Ausstellungsmachern gewollt. »Anne musste mit ihrer Familie aufgrund der zunehmenden antisemitischen Verfolgung aus ihrer Heimat fliehen. Sie war ein Flüchtling«, erläutert Ausstellungsleiterin Nahm, »Flucht, Vertreibung und Antisemitismus gibt es leider auch heute noch.«

Das Nachdenken über Parallelen zwischen Anne Franks Zeit und der heutigen Welt wird im zweiten Teil der Ausstellung konkreter. Hier finden sich Texte etwa zu der Frage, wie sich Antisemitismus heute zeigt. »Das Leben von Anne und ihrer Familie war durch verschiedene Formen antisemitischer Gewalt geprägt. Wir zeigen Beispiele für Antisemitismus heute«, so Nahm.

Die Besucher können eigene Erfahrungen mit Antisemitismus auf Zettel schreiben, Notizen dazu schreiben, wie sie das Gedenken in Deutschland an die Opfer des Nationalsozialismus wahrnehmen und ihre Einschätzung geben, warum Tagebücher insbesondere für verfolgte Menschen wichtig sein können. »Wir zeigen das Medium Tagebuch als einen Umgang mit der Welt, mit der eigenen Geschichte, die immer im Kontext mit der Gesellschaft steht«, sagt Nahm. Anne Frank schreibe in ihrem Tagebuch nicht nur viel über die Zeit, in der sie lebt, sondern auch darüber, was sie bewegt. »Deshalb gibt es so viele Themen, die Jugendliche auch in der heutigen Zeit noch spannend finden.«