Tarifflucht an Universitäten

Finanzieren geht über Studieren

Johanna Treblin kritisiert Universitäten für deren Neigung zur Tarifflucht

Von Johanna Treblin

Es wäre schön, wenn alle Menschen nur einer solchen Arbeit nachgehen könnten, die ihnen Spaß macht. Das lässt sich natürlich schon deswegen schwer verwirklichen, weil nicht jede Arbeit zu jeder Zeit und an jedem Ort verfügbar ist. Was Spaß macht, ist schließlich individuell verschieden. Wobei es auch Menschen gibt, denen grundsätzlich alles Spaß macht - und andere, die an nichts Spaß haben.

Mit der Rhetorik, das Hobby zum Beruf zu machen, sich selbst zu verwirklichen, Menschen zu helfen oder für eine gute Sache zu kämpfen, lassen sich aber auch hervorragend niedrige Löhne rechtfertigen. So arbeiten viele Nichtregierungsorganisationen nicht nur mit Ehrenamtlichen, die gar nicht bezahlt werden müssen. Diese werden auch gerne noch als Vorbild für die Hauptamtlichen herangezogen: »XY setzt sich sogar noch nachts an die Arbeit, obwohl er gar nichts dafür bekommt!« Letztere wiederum sollen Verständnis für ihre niedrigen Löhne haben, weil man doch »praktisch wie eine Familie« sei, das »Projekt« noch in den Anfängen stecke, da gebe es eben noch nicht viel Geld zu verteilen. Das soll auch den Widerspruch auflösen, dass Unternehmen, die den Anspruch haben, die Welt zu verbessern, ihre Arbeitnehmer selbst hingegen nicht besonders sozial behandeln.

Verwunderung löst auch aus, wenn bekannt wird, dass auf Baustellen für Regierungsgebäude Menschen ohne Sozialversicherung beschäftigt werden oder der Bundestag sachgrundlos Stellen befristet.

Nun ist an Hochschulen - ebenfalls staatliche Arbeitgeber - ein Konflikt ausgebrochen, der auf gesetzlichen Vorschriften beruht, die seit 13 Jahren missachtet werden. In nicht-wissenschaftlichen Bereichen wie Verwaltung, IT und Bibliotheken dürfen keine studentischen Hilfskräfte beschäftigt werden, sondern nur Mitarbeiter, die nach dem jeweiligen Tarifvertrag der Länder (TV-L) bezahlt werden. Dennoch ist es gängige Praxis an Hochschulen, Studierende in diesen Bereichen einzustellen und entsprechend zu bezahlen. Die Hochschulen sparen damit zwischen 2 und 4,50 Euro pro Arbeitsstunde.

Weil sich diese Praxis nach Klagen und Protesten nicht länger halten ließ, verlängerte beispielsweise die Humboldt-Universität (HU) in Berlin mit dem Ende des Sommersemesters einfach mal die Verträge der betroffenen Studierenden nicht. Die Universität Regensburg hat in diesem Jahr nun immerhin rund 20 Beschäftigte in den TV-L eingruppiert. Wer dies aber nicht einforderte, ging leer aus. Und um bei den übrigen Betroffenen nicht auch mehr zahlen zu müssen, hat es die Universität Regensburg nun der HU gleichgetan: und will die Verträge zum Jahresende auslaufen lassen.

Nun ließe sich argumentieren, die Studierenden könnten doch froh über die guten Jobs sein, nicht für jeden gebe es wissenschaftliche Hilfskraftstellen, und das sei doch schließlich besser als Callcenter oder Pizza ausliefern. Stimmt alles. Rechtfertigt aber die Tarifflucht nicht. Die HU hat die Verträge mittlerweile doch verlängert, wenn auch zum Studierendentarif. Bleibt zu hoffen, dass auch hier die Uni Regensburg mindestens nachzieht.