Helden

Leo Fischer über die Tristesse der neudeutschen Servicegesellschaft

Von Leo Fischer

Es gibt sie wieder: deutsche Helden! Meinte man noch in den 80ern zeitweise, den historischen Bedarf an deutschen Helden für alle Zeiten gedeckt zu wissen, kommen sie jetzt wieder zurück - zwar nicht in Eichenlaub, dafür aber in zahlreichen Marketing-Kampagnen, die uns die Tristesse der neudeutschen Servicegesellschaft als von übermenschlichen Heroen durchwirkt darstellen wollen.

Dabei scheinen sich zwei Varianten zu etablieren: Einerseits geben sich immer mehr kleine Geschäfte Namen, die auf »-helden« enden, Konditoreien, Nachhilfeinstitute, auch private Pflegedienste. Hier klingen die »Helden« nach kalifornischen Kleinunternehmen, nach mühsam zusammengekratztem Startkapital, nach ein paar guten Kumpels, die den berühmten »gemeinsamen Traum« hatten; die chronisch gute Laune von Jugendbanden und Wohngemeinschaften wird evoziert. Dass man sich dafür Heldenmut draufschaffen muss, ist schon das kleine Eingeständnis, dass hinter den Pastellfarben dieselbe Plackerei herrscht wie überall sonst: unbezahlte Überstunden, befristete Stellen, ungewisse Zukunftsaussichten. Hinzu kommen die unausgesprochenen Zwänge, die speziell dem deutschen Familienbetrieb eignen, ganz egal, wie entspannt er sich gibt: patriarchale Strukturen, Ökonomisierung des Zwischenmenschlichen, Verknüpfung von Leistung mit persönlicher Schuld. In diesen Verhältnissen sind diejenigen die »Helden«, die sich nichts anmerken lassen, die den Start-up-Vibe auch im Angesicht wirtschaftlichen wie menschlichen Ruins nach außen tragen.

Die andere Variante begibt sich gleich ganz des Anscheins, irgendeine familiär grundierte Freundschaft oder Solidarität zu pflegen, und erhebt das Prinzip »alle gegen alle« zu einem heldenhaften Ethos. Kurierdienste, die sich »Bringhelden« oder ähnlich nennen, lassen prekarisierte Scheinselbstständige immer wieder neu per App um Aufträge buhlen, sich selbst und einander ausbeutend, auf Gewerkschaft und Klasseninteresse pfeifend, während sie sich für den Anbieter die Gelenke kaputtstrampeln. Wer sich so einen »Helden« kommen lässt, tut das vielleicht im naiven Gefühl, einen Kleinunternehmer zu unterstützen; wer per App zum Helden wird, glaubt sich als Herr über die eigene Arbeitszeit, die doch nur anders beherrscht wird als zur Zeit der Eisengießereien.

Beiden Varianten gemein ist, dass das Wort »Helden« hier eigentlich das Gegenteil dessen aussagt, was einmal mit dem Begriff positiv assoziiert hätte sein können: nicht gegen Fährnis und Bedrängung aufzustehen, sich selbstlos gegen das Unrecht zu stellen, sondern gerade das Unrecht hinzunehmen, gerade inmitten des Unerträglichen sturheil weiterzumachen, zähnefletschend und schulterzuckend zu funktionieren in Zusammenhängen, die eigentlich nicht funktionieren dürften.

Zugleich ruft das Werben mit den Helden auch die Sprache der militärischen Propaganda wieder auf. Und tatsächlich: Die aktuellen Plakatkampagnen der Bundeswehr nutzen dasselbe Vokabular - individualisierte Heldinnen und Helden, die wie im Videospiel »das Richtige tun« bzw. »alles geben«: die einen nur eben im Kurierdienst, die andere bei den Grausamkeiten, die überall da begangen werden, wo Deutsche sich als Retter aufspielen.

Unhinterfragt bleibt die Notwendigkeit all dieser immer schon als gegeben hingenommen »Jobs«, deren Zwängen man sich heldenhaft unterwirft, unhinterfragt bleibt, warum man sich eigentlich überhaupt noch mittun soll in Verhältnissen, die immer direkter gegen die eigene Existenz gerichtet sind. Heldenhafte Anerkennung all jenen, die sich dem irgendwie entziehen! Lorbeerkränze den Heroen des Nichtstuns!