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  • Gewalt in Argentinien

Ausnahmezustand in Buenos Aires

Das Finale zwischen River Plate und Boca Juniors steht aus und der G20-Gipfel bevor

  • Von Martin Ling
  • Lesedauer: 4 Min.

Politisch liegt Argentiniens Präsident Mauricio Macri mit seinen Prognosen regelmäßig daneben: Im März verkündete er, »das Schwerste haben wir hinter uns« - kurz bevor der Sturzflug der argentinischen Wirtschaft gewaltig an Fahrt aufnahm, ein Nothilfekredit beim Internationalen Währungsfonds aufgenommen werden musste, weil selbst die Erhöhung der Leitzinsen auf 60 Prozent durch die Zentralbank den Währungsverfall nicht eindämmen konnte.

Im Fußball gelingen dem langjährige Präsidenten der Boca Juniors (1995 bis 2007), der damit seine politische Karriere als Bürgermeister von Buenos Aires (2007 bis 2015) lancierte und inzwischen im höchsten Staatsamt gelandet ist, hin und wieder zutreffende Aussagen: »Wir sind für ein Finale zwischen River Plate und Boca Juniors nicht vorbereitet«, sagte er während der Halbfinals und bekundete eine Präferenz für eine der beiden brasilianischen Mannschaften im Endspiel, um Buenos Aires vor dem Ausnahmezustand zu bewahren. Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung: Zum ersten Mal in der Geschichte der Copa Libertadores, quasi die südamerikanische Champions League, qualifizierten sich die beiden Klubs mit der größten Anhängerschaft des Landes für das Finale: River Plate und Boca Juniors, beide aus Buenos Aires, beide von italienischen Einwanderern im Hafenviertel La Boca gegründet, wo Boca im legendären Stadion Bombonera (Pralinenschachtel) immer noch spielt, während River längst in den reichen Norden ins Monumental umgezogen ist.

Am vergangenen Samstag sollte das Finalrückspiel im Monumental stattfinden. Es wurde auf Sonntag verschoben, nur dass es keine natürliche Ursache gab, wie beim Hinspiel in der Bombonera, als sintflutartige Regenfälle eine Verschiebung auf Sonntag erfordert hatten. Das Spiel endete schiedlich friedlich 2:2, die versuchte Vorab-Stadionbesetzung durch Boca-Fans ohne Eintrittskarten konnte verhindert werden - Auswärtsfans dürfen in Argentinien seit 2013 ohnehin nicht mehr ins Stadion, um die Gewalt zwischen rivalisierenden Fans wenigstens in den Arenen zu unterbinden. 100 Tote in den vergangenen zehn Jahren werden dem Fußball zugerechnet, die grenzenlose argentinische Leidenschaft für diesen Sport schlägt nicht selten in tumbe Gewalt um.

Das jüngste Beispiel: Gewalttätige Anhänger von River, Barras Bravas (Wilde Horden) genannt, bewarfen bei der Ankunft Bocas Mannschaftsbus mit Steinen und Flaschen. Scheiben zersprangen, die Polizei setzte Tränengas und Pfefferspray ein, das die Spieler im Bus jedoch stärker in Mitleidenschaft zog als die Randalierer. Bocas Kapitän und zentraler Mittelfeldspieler Pablo Pérez wurde am Auge verletzt, musste ins Krankenhaus, mehrere Spieler klagten über Augenreizungen und mussten sich übergeben.

Der südamerikanische Fußballverband CONMEBOL und dem Vernehmen nach auch die FIFA, die die Klubweltmeisterschaft ab 12. Dezember organisiert, bei der der Copa-Sieger fest eingeplant ist, drängten dennoch zunächst auf eine Durchführung des Spiels, ließen sich nach der Weigerung der Boca Juniors anzutreten dann zu einer Verschiebung auf Sonntag breitschlagen. Doch auch einen Tag später gab es keine Grundlage, die Begegnung stattfinden zu lassen. Boca-Kapitän Pérez fand klare Worte: »Es ist eine Schande, was passiert ist«, sagte er südamerikanischen Medien. »Die Leute waren verrückt. Stellen Sie sich vor, wir hätten sie in ihrem Stadion besiegt, sie hätten mich umgebracht. Ich werde nicht in einem Stadion spielen, in dem ich sterben kann.«

Schließlich musste der Paraguayer Alejandro Dominguez, der die Fußballverbände Südamerikas führt, eine der größten Niederlagen des südamerikanischen Fußballs eingestehen, das Finalrückspiel absagen und auf unbestimmte Zeit verschieben. Millionen von Fans hatten dem »Superclásico«, wie das Duell zwischen River und Boca angesichts unzähliger anderer Derbys und Klassiker in der »Welthauptstadt des Fußballs« genannt wird, entgegengefiebert. In Argentiniens Presse war nach der Absage nun aber nur noch von der »Superschande« die Rede.

Das Monumental war Austragungsort des WM-Finales von 1978, als Argentinien während der Militärdiktatur (1976-1983) zum ersten Mal Weltmeister wurde, der linke Nationaltrainer Luis César Menotti danach Diktator Jorge Videla den Handschlag verweigerte und seine Systemkritik in Fußballsprache ummünzte: »Meine Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt.« Der gerade 80 Jahre alt gewordene Menotti beklagt schon länger den Verfall des argentinischen Fußballs, was er als Folge des gesellschaftlichen Verfalls begreift.

Buenos Aires und Präsident Mauricio Macri sind am Wochenende Gastgeber des G20-Gipfels. Damit ist sicher, dass der Ausnahmezustand anhält, unbenommen davon, ob, wann und wo das Rückspiel stattfindet.

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