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Geist und Gespenst

Slavoj Žižek will Wladimir I. Lenin in die Gegenwart holen - blendet aber vieles aus

  • Von Michael Brie
  • Lesedauer: 4 Min.

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Er hat Recht, wenn er immer wieder auf Lenin zurückkommt. Wer über notwendige emanzipatorische Durchbrüche im 21. Jahrhundert nachdenkt, kommt nicht an jenem vorbei, der mit eisernem Willem und beispiellosem strategischen Vermögen einen solchen Durchbruch am Beginn des 20. Jahrhunderts angeführt hat. Die Linke kann sich weder Lenins noch Mao Zedongs durch Verdrängen erledigen. Insofern ist auch der Verweis von Slavoj Žižek auf Sigmund Freuds kleine Schrift von 1913 »Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten« berechtigt. Den Widerständen gegenüber dem Erinnern an Lenin muss mit Geduld und fortgesetzter Anstrengung begegnet werden. Žižek nutzt die Provokation, die mit jedem Bezug auf Lenin verbunden ist. Die liberale Hegemonie wird direkt herausgefordert. Besteht doch die Illusion, dass mit dem Ende der Sowjetunion die kommunistische Herausforderung für immer besiegt ist und zumindest insofern die Geschichte ihren Abschluss gefunden habe.

Richtig ist es auch, sich dem Teil des Werks und Wirkens Lenins zuzuwenden, der der Zeit nach dem Sieg im Bürgerkrieg angehört, den kaum mehr als zwei Jahren, die Lenin verblieben waren, bevor er buchstäblich verstummte. Es war dies der Beginn eines neuen strategischen Suchprozesses, intensiviert immer dann, wenn Lenin durch seine Krankheit geschwächt, sich aus der unmittelbaren Administration zurückziehen musste und die Möglichkeit erneuter Reflexion nutzte. Die Schriften und Briefe dieser Zeit gehören zu dem unabgegoltenen Erbe.

Es wäre allerdings gut gewesen, hätte Žižek Lenins Rat aus der von ihm im Buch abgedruckten Schrift »Lieber weniger, aber besser« berücksichtigt. Zudem bleibt der slowenische Philosoph bei seiner eigenen Erinnerungsarbeit dort stehen, wo Freud nur eine Zwischenstation sah - nämlich direkt vor der eigentlichen Aufgabe, dem wirklichen Durcharbeiten. Žižek erinnert und wiederholt bloß. Und dies sehr leichtfertig. Die transformatorische Aufgabe, sich durch das Erinnern und Wiederholen auf die Gegenwart einzustellen und zu selbstbestimmten Handeln wieder fähig zu werden, bleibt aus.

In Žižeks Einführung zu Lenins Texten von 1921 bis 1923 wird über viel zu vieles geredet - die chinesische Kulturrevolution und den Hunger in der Ukraine zu Beginn der frühen 1930er Jahre, über Chrustschow und Deng Xiaoping, über den Kampf von Minderheiten gegen den Faschismus, die englische wie die französische Revolution usw. usf. Belesen wie Žižek ist, ruft er viele linke Intellektuelle an, vor allem den französischen Philosophen und Ex-Maoisten Alain Badiou. Es wird der Gestus von härtester Kritik und verbrämter Apologie des Stalinismus und des Terrors zelebriert. Dieses Zusammenfallen macht die Provokation vieler Arbeiten Žižeks aus. Fast nebenbei wird behauptet, dass »unsere Aufgabe doch heute gerade darin« bestehe, »den emanzipatorischen Terror neu zu erfinden«. Angesichts der Schwäche der sozialen Bewegungen von unten wird auf das »Wunder eines neuen Herren« gehofft. Das Buch endet mit dem Satz: »Was ist, wenn wir das Paar Lenin und Trotzki als Wiederholung des Paars Robespierre und Saint-Just deuten - wer sind oder wer könnten die Lenin und Trotzki von heute sein?« Absurder kann das offene Problem des Verhältnisses von emanzipatorischen Bewegungen, Organisationen und Führung nicht angesprochen werden.

Žižek schreibt Gegengeschichte zum liberalen Herrschaftsdiskurs. Aber er ist im einfachen Gegensatz verhaftet. Daraus kann keine strategische Anregung erwachsen. Dies spiegelt die Tatsache, dass auch Lenins Diskurs vor allem antiliberal war und nicht fähig, das progressive Erbe des Liberalismus in sich aufzunehmen. Solch eine Linke hat eine teils tragische, teils verbrecherische Vergangenheit, aber bestimmt keine Zukunft. Deshalb der entsetzte Aufschrei Luxemburgs aus dem deutschen Gefängnis: »Der Grundfehler der Lenin-Trotzkischen Theorie ist eben der, dass sie die Diktatur, genau wie Kautsky, der Demokratie entgegenstellen. ›Diktatur oder Demokratie‹ heißt die Fragestellung bei den Bolschewiki wie bei Kautsky.« Letzterer würde die bürgerliche Demokratie wählen, die Bolschewiki die bürgerliche Diktatur der Wenigen über die vielen im Namen des Sozialismus.

Damit wird die Hauptschwäche des einführenden Essays und der Schlussbemerkungen Žižeks deutlich. Es erfolgt keine ernsthafte historisch konkrete wie systematische Einordnung der Leninschen Arbeiten. Der wirkliche Reichtum des durch Lenin begonnenen Suchprozesses, nachdem die Sowjetunion 1921 in einer tiefen Krise war, wird nicht ausgeschöpft. Die Gegenbewegungen der aufständischen Matrosen von Kronstadt, der Arbeiterinnen und Arbeiter von Petrograd, der Bauern in den Kerngebieten Russlands und der Intellektuellen, aber auch aus der Kommunistischen Partei Russlands bleiben völlig ausgespart. Es ist dann doch nur eine Herrschaftserzählung.

Slavoj Žižek wiederholt Geschichte, ohne sie wirklich erinnert zu haben. Die durch die bürgerliche wie bolschewistische Geschichtsschreibungen gleichermaßen unterdrückten Alternativen unterdrückt auch er. Eine emanzipatorische Durcharbeitung bleibt völlig aus. Aus Lenins offenem Geist wird ein antiliberales Schreckgespenst, von dem die Linke nun wirklich gar nichts lernen kann. Und dies hat Lenin wirklich nicht verdient, und die heutige Linke noch weniger.

Slavoj Žižek: Lenin heute. Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. WBG, 268 S., geb., 24,95 €.

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