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KiK vor Gericht

Unternehmen soll Verantwortung für Brandkatastrophe übernehmen

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.

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Saeeda Khatoon stockt immer wieder die Stimme, als sie bei einer Pressekonferenz am Mittwoch von den Ereignissen am 11. September 2012 berichtet. An diesem Tag brach in der pakistanischen Textilfabrik Ali Enterprises ein Brand aus, am Abend waren 258 Tote zu beklagen. Einer von ihnen war ihr Sohn. »Es ist keine Hilfe gekommen«, sagt Khatoon und bricht in Tränen aus. Nach einigen Sekunden spricht sie weiter: »Am nächsten Tag habe ich die Leiche von meinem Sohn gesehen.«

18 Jahre alt war M. Ejaz Ahmed, der schon vier Jahre lang bei Ali En-terprises in Karatschi gearbeitet hatte. 12 000 Rupien verdiente er im Monat - umgerechnet ungefähr 100 Euro. Er war der Einzige, der in der Familie Geld verdiente. Saeeda Khatoon berichtet auch von der Zeit nach dem Unglück. Sie fühlte sich elend, hatte nicht einmal die Motivation für ganz alltägliche Dinge. Finanzielle Hilfe gab es nicht. »Ein Jahr sind wir zu jedem Amt gelaufen, keiner hat geholfen.«

Mit anderen Angehörigen und Überlebenden des Brandes gründete sie die Ali Enterprises Factory Fire Affectees Association, eine Selbsthilfeorganisation der Betroffenen. Der Textildiscounter KiK mit Sitz in Bönen in Nordrhein-Westfalen, der einer der Hauptkunden der Textilfabrik war, bot nach zähen Verhandlungen an, umgerechnet 1000 Euro pro Betroffenen zu zahlen. Diese lehnten ab. Bei einem Treffen im Februar 2015 beschlossen sie, in Deutschland auf Schadenersatz zu klagen. Drei Hinterbliebene und ein betroffener Überlebender klagten stellvertretend - eine von ihnen ist Saeeda Khatoon. Sie fordern 30 000 Euro Schmerzensgeld pro Betroffenen und die Anerkennung der Mitverantwortung von KiK für den Brand. Im Frühjahr 2015 wurde die Klage vor dem Landgericht Dortmund eingereicht.

Deren Annahme zog sich bis zum Sommer 2016 hin. Parallel verhandelten die Betroffenen mit KiK, moderiert von der Internationalen Arbeitsorganisation. Das Ergebnis: eine Entschädigungszahlung in Höhe von knapp sechs Millionen Euro. Die Betroffenen hielten allerdings an ihren Forderungen fest - an diesem Donnerstag beginnt der Prozess vor dem Landgericht Dortmund.

Ihren Sohn könne ihr niemand wiederbringen, aber KiK solle »Verantwortung« übernehmen, meint Saeeda Khatoon. »Arbeiter sind in Pakistan keine Menschen.«

Dies bestätigt auch Nasir Mansoor, stellvertretender Generalsekretär der National Trade Union Federation. »Arbeiter haben in Pakistan keine Rechte und keinen Schutz«, sagt der Gewerkschaftsaktivist. Unfälle in den Fabriken gebe es weiterhin, die Sicherheitsvorschriften hätten sich seit dem Brand bei Ali Enterprises nicht verändert. »Es gibt jeden Tag Unfälle in den Fabriken, in denen für große Marken produziert wird, und es wird versucht, diese zu verheimlichen«, ist sich Mansoor sicher. Es sei gut, dass nun Menschen aus Deutschland und Pakistan gemeinsam auf die Situation in den Fabriken von großen Herstellern aus dem Westen aufmerksam machten. Mansoors Botschaft an die Menschen in Deutschland ist eindeutig: »Was Sie tragen, wird unter unmenschlichen Bedingungen produziert, dagegen können Sie etwas tun.«

Thomas Seibert von der Nichtregierungsorganisation Medico International sagt Ähnliches. Was sich aber seit dem Brand 2012 verändert habe, sei die Aufmerksamkeit. »Was unsichtbar war, tritt jetzt an die Öffentlichkeit«, so Seibert.

Ähnlich sieht es auch Miriam Saage-Maaß. Die Rechtsanwältin hat für das European Center for Constitutional and Human Rights die Klage begleitet. Die Nichtregierungsorganisation setzt sich für die Durchsetzung von Menschenrechten mit juristischen Mitteln ein. »Klagen zeigen der Textilbranche, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden kann.« Selbstverpflichtungen der Hersteller seien nicht erfolgreich. Die Politik könne regelnd eingreifen. So gebe es in Frankreich ein Gesetz, das Unternehmen bestraft, in deren Lieferkette Menschenrechte verletzt werden.

Saeeda Khatoon hofft nur auf »Gerechtigkeit«, KiK solle ihren Schmerz anerkennen. Möglicherweise wird sie enttäuscht. Der Textildiscounter pocht darauf, dass die Schäden des Brandes verjährt seien. Ein Gutachten gibt dem Unternehmen recht.

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