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  • Berlin
  • «Integration durch Normalität»

Integration als Standard

Ein Konzept für Politik und Verwaltung soll das Zusammenleben in Berlin-Neukölln verbessern

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 3 Min.

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Beim Thema Integration richtet sich der Blick automatisch nach Berlin-Neukölln: Menschen aus über 150 Nationen leben hier, fast 50 Prozent der rund 329 000 Einwohner*innen haben einen Migrationshintergrund, 83 000 davon sind ohne deutschen Pass. «Für uns ist es ganz normal, dass Menschen einen Migrationshintergrund haben, das sind alles Neuköllner», sagt Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (SPD). Er stellte am Mittwoch das Integrationskonzept des Bezirks im Frauenverein «TIO» vor. «Integration ist bei uns nichts besonderes, sondern Normalität.»

Kein anderer Bezirk richte sein Handeln derart darauf aus, dieser Vielfalt an Menschen ein gutes Miteinander zu ermöglichen, so Hikel. Integration bedeute vor allem die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft für alle Menschen, egal wo sie herkommen. «Bildung und finanzielle Unabhängigkeit sind dafür die Voraussetzung», so Hikel. Um das zu fördern, hat das Bezirksamt mehrere pragmatische Ansätze entwickelt. Lange Zeit sei dieses Thema vernachlässigt worden, vor den damit verbunden Problemen stünde man heute, so der ehemalige Lehrer Hikel. «Der Schlüssel für diese Probleme ist die Bildung.»

Der erste Grundsatz des Konzepts ist daher die Förderung von Bildungsgerechtigkeit. «Es muss uns gelingen, Bildungsgerechtigkeit durchzusetzen und Bildungserfolg unabhängig von sozialer Herkunft zu gewährleisten», heißt es in dem Papier. Hikel erinnert in diesem Zusammenhang an die Rütli-Schule, die als Brennpunktschule 2006 bundesweit zum Symbol für gescheiterte Bildungspolitik wurde. Von den

267 Schüler*innen habe damals kein*e einzige*r einen Ausbildungsplatz bekommen. «Diese Menschen dürfen nicht verloren gehen», so Hikel. Deswegen sei es wichtig, Arbeit in die Schulen zu stecken, damit die Schüler*innen wieder gerne dorthin gehen und Spaß am Lernen haben. Dazu gehöre aber auch die konsequente Ahndung beispielsweise des Schuleschwänzens, das mit Bußgeldern belegt werden soll.

Mittlerweile gilt der Campus Rütli als Vorzeigeprojekt. In der Gemeinschaftsschule mit über 900 Schüler*innen kann seit einigen Jahren sogar das Abitur abgelegt werden. «Die besten Schulen müssen in den härtesten Kiezen sein, nur so können wir Chancengleichheit erreichen», glaubt Hikel.

Als «großes Erfolgsprojekt», das die Menschen niedrigschwellig erreicht, lobt Hikel die Arbeit der Stadtteilmütter. Miryam Tan war Projektleiterin der Stadtteilmütter, bevor sie vor einigen Monaten Europabeauftragte in Neukölln wurde. «Manche Menschen können durch die Behörden nur schwer erreicht werden, hier leisten die Stadtteilmütter hervorragende Arbeit», erklärt sie.

Seit 14 Jahren gibt es das Projekt, bei dem Familien sich beraten lassen können, «von Frau zu Frau und auf Augenhöhe». Zurzeit kämpfe der Bezirk um eine berlinweite Regelfinanzierung des Projekts, dessen Finanzierung durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung 2020 ausläuft. Die 65 Frauen, die zurzeit als Stadtteilmütter arbeiten, sollen dann möglichst feste Stellen bekommen.

Ein weiter Grundsatz des Integrationsprogrammes ist ein ganzheitliches Vorgehen. «Für mich ist es wichtig, nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen, sondern alle Neuköllner», so der Integrationsbeauftragte des Bezirks, Jens Rockstedt. Dafür soll behördenübergreifend zusammengearbeitet und die Zugänge zu Angeboten erleichtert werden. Auch soll die Verwaltung stärker interkulturell aufgestellt werden.

Insgesamt fünf Grundsätze beinhaltet das neue Integrationsprogramm. Neben der Bildungsgerechtigkeit und einem ganzheitlichen Vorgehen will der Bezirk die Menschen befähigen, statt nur versorgen, demokratische Werte und Regeln durchsetzen und pragmatisch und transparent handeln. Probleme sollen offen angesprochen und menschenfeindliche Positionen konsequent bekämpft werden. «Es darf kein Standard sein, dass ›Du Jude‹ auf den Schulhöfen als Schimpfwort benutzt wird», so Hikel. Auch würden arabischstämmige Menschen oft mit Kriminellen in einen Topf geworfen. Hikel solidarisiert sich mit diesen Menschen stellt aber klar: Wir werden kriminelle Strukturen konsequent bekämpfen, egal wer sie begeht.«

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