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Findet doch selber ein Zuhause

Eine Wohnungsberatungsstelle für Geflüchtete wurde vom Bezirk Berlin-Mitte gekündigt

  • Von Marion Bergermann
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ab Freitag gibt es in Berlin ein finanziertes Projekt weniger, das Geflüchteten hilft, eine eigene Bleibe zu finden. Die Wohnungsberatungsstelle des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) muss seine Arbeit beenden, weil das Bezirksamt Mitte den Kooperationsvertrag zum 30. November gekündigt hat. Was der Grund dafür ist, darüber informierte das Bezirksamt den Träger nicht. Auf Verhandlungen ließ sich die Behörde nicht ein.

»Wir müssen die Entscheidung des Bezirksamtes akzeptieren. Auf unsere intensiven Bemühungen um Fortsetzung der Arbeit, unter anderem mit entsprechenden Änderungsvorschlägen der Vertragssituation, hat der Bezirk leider nicht reagiert«, sagt Andreas Eckhoff, Vorstandsvorsitzender des EJF.

Auf Nachfrage des »nd« erklärte der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Mitte, Ephraim Gothe (SPD), zuständig für Soziales, »das ist das normale Auslaufen des Vertrags, der schon einmal verlängert worden ist. Wir machen eine Ausschreibung, auf die das EJF sich bewerben kann.« Eine weitere Verlängerung des Vertrags sei aus vergaberechtlichen Gründen nicht möglich gewesen. Die Chancen, dass das EJF wieder den Zuschlag erhält, hielt er für »relativ hoch«.

Die Beratungsstelle in der Turmstraße sucht für anerkannte Flüchtlinge auf dem freien Markt nach Wohnungen, ohne dabei auf die Kontingente städtischer Wohnungsbaugesellschaften zurückgreifen zu können. Sie berät vor und während der Wohnungssuche und bleibt Ansprechpartnerin, wenn jemand das neue Zuhause bezogen hat. Momentan ist die Stelle laut Eigenangaben für 814 Haushalte (2643 Personen) im Bezirk zuständig, 119 davon werden engmaschig, das heißt im aktiven Vermittlungsprozess begleitet.

Dass das Projekt nicht gut lief, kann kein Grund für die Kündigung sein. Denn die Vorgaben, wie viele Wohnungen es zu finden hat, übertrifft es. Dieses Jahr vermittelte die Stelle 55 Wohnungen sowie zusätzlich fünf in laufendem Prozess, und somit mehr als die ihnen gesetzten Vorgaben von 48 Wohnungen. Seit Beginn ihrer Arbeit im Februar 2014 beriet die Stelle außerdem 1210 Haushalte (3905 Einzelpersonen). »Aus Sicht der Beratungsstelle ist die Arbeit erfolgreich gewesen«, heißt es in einer Pressemitteilung des EJF.

Ohnehin gibt es nicht viele Stellen in Berlin, die Geflüchteten Unterstützung bei der Wohnungssuche anbieten. Die ehrenamtliche Gruppe »Wohnen statt Lager« des Vereins Multitude gab ihre Tätigkeit 2016 auf, weil die Vermittlung zu schwierig und zeitintensiv für Ehrenamtliche war. Andere Initiativen wie Gruppen beim »Bündnis Neukölln« oder »Visioneers« helfen zwar bei der Wohnraumsuche und dem Einreichen von Unterlagen, können aber den großen Bedarf nicht abdecken. Ansonsten gibt es den Internationalen Bund, der direkt mit einer großen Wohnungsbaugesellschaft zusammenarbeitet und bei der Wohnungssuche unterstützt.

Auf dem Wohnungsmarkt, auf dem mittlerweile viele Bevölkerungsgruppen bis hin zu Gutverdienenden Schwierigkeiten haben, eine Bleibe zu finden, trifft die Entscheidung des Bezirks eine besonders verletzliche Gruppe. Schließlich ist es für Geflüchtete wegen Sprachbarrieren, Vorgaben des Sozialamts, und Vorurteilen von Vermieter*innen oft besonders schwer, eine Wohnung zu finden. »Wir sehen trotz veränderter Flüchtlingszahlen einen weiterhin hohen Bedarf an Beratung von Menschen mit Fluchterfahrungen bei der Wohnraumsuche«, sagt Eckhoff. »Eigener Wohnraum ist ein zentraler Faktor bei der Integration.«, fügt er hinzu.

Momentan leben rund 22 000 geflüchtete Menschen in Berliner Gemeinschaftsunterkünften. Darunter sind nicht nur neu Angekommene, sondern auch solche, die bereits anerkannt sind und kein Zuhause zum Mieten finden.

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