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Zarte Stimmen, die nachdrücklich aus Gedichten sprechen

Ein moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti offenbart, was vielen verborgen bleibt

Von Lilian-Astrid Geese

»Zwischen den Welten/ teilt es sich/ ist weder Ich noch Ich«, dichtet Marianne Rosenberg. Sie ist Romnja, was viele nicht wissen. Auch Yul Brynner und Charles Chaplin gehörten dem Volk der Roma an. Es gibt vieles, was den »Gadje« (Nicht-Roma) unbekannt ist - über Sinti und Roma, Travellers und Jenische. Auch ein Großteil ihrer Kulturproduktion blieb den Mehrheitsgesellschaften verborgen. Weil wir, die anderen, kein Romanes sprechen, weil die Kultur der Minderheiten bestenfalls zum Zweck der Spiegelung des eigenen Ego interessiert, weil die Roma - wie andere unerwünschte, verhasste Menschengruppen - jahrhundertelang diskriminiert, ermordet wurden und gelernt haben, wie einst meine jüdischen Großeltern, im Verborgenen zu überleben.

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Die Morgendämmerung der Worte: Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti.
Gedichte aus aller Welt. Hg. v. Wilfried Ihrig u. Ulrich Janetzki.
Die Andere Bibliothek, 396 S., geb., 42 €.

Für einen »Modernen Poesieatlas der Sinti und Roma« trugen die beiden Nicht-Roma Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki zahlreiche Gedichte aus aller Welt zusammen, teils in eigens gefertigten Übersetzungen. Sie reflektieren die Vielfalt einer originär oralen Literatur.

Die Sammlung enthält klagende Poeme, wie von Samuel Mágos: »und auch nach siebzig jahren noch/... schreien sie in unser antlitz/ ... sie schreien, als wollten sie uns noch einmal auslöschen/ und jetzt nach siebzig jahren/ schreien sie wieder/ in unser antlitz./ und meine ahnen würden/sich im grab drehen/ wenn sie eins hätten/ in auschwitz.« Selbstbewusstes Sich-Behaupten, wie bei Olimpio Cari: »Ich komme aus dem Orient,/ meine Mutter hatte schwarze Augen,/ stolz und stark war mein Vater,/ und Großmutter lehrte mich unsere Bräuche./ Meine Haut ist dunkel,/die Augen wie Kohle./ Nach tausend Jahren der Wanderschaft/ sehe ich über die Wirklichkeit hinaus.« Oder Trotz, wie bei Philomena Franz: »Als ich ein Kind war, sah ich die Steine als Blumen .../ Um meine Schultern den Mantel der Farben,/ weiss ich heute, dass es ein Traum war,/ein Traum, der mich zum Leben zwang.«

»Die Künste präsentieren eine eigene Logik und Ästhetik, die uns die Welt plausibel erscheinen lassen und an denen die Rezipienten Vergnügen haben, auch dann noch, wenn es ein Vergnügen am Leiden, der Beschämung und der Erniedrigung ist«, schreibt der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal im Nachwort zu den zarten Stimmen, die so nachdrücklich aus den Gedichten sprechen. Mit seiner informativen Faktenfülle bietet sein Text einen spannenden Kontrapunkt zur Emotionalität der Poesie. Er verweist auf die Geschichte der Roma-Völker, die sich um 1400 in Europa niederließen, ohne nationale oder territoriale Ansprüche zu stellen. Gleichwohl nahm man sie als Bedrohung wahr und konstruierte sie als Feinde.

»Zigeuner« hießen sie fortan in Mittel- und Südosteuropa, »Tartare« in Skandinavien, »Heidene« in den Niederlanden und »Gypsies« in England. Es erfordert Mut, »sich aus eigener Kraft von stummen, überwältigten Opfern zu einem selbstbestimmten Subjekt zu erheben«, so Bogdal. Wenn die Mehrheitsgesellschaft dich als Gauner, Gesindel, Bettler sieht und du zwischen Verfolgung, Vertreibung und Zwangsansiedlung immer wieder auf der Flucht bist - das prägt Menschen, Familien, Kulturen. Olimpio Caris: »Mit dem Klang meiner Geige/ erweichte ich die Herzen,/ das Misstrauen verschwand.«