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Wer sich entziehen will ...

Jerome Leroy erzählt spannend über eine Gesellschaft in der Krise

Wenn Jerome Leroy Frankreichs politischer Realität zu Leibe rückt und mögliche Ereignislinien einer nahen Zukunft entwirft, kommt spannende Literatur heraus. Schon im vergangenen Jahr erschien hierzulande pünktlich zur Präsidentschaftswahl in Frankreich »Der Block«, ein beachtlicher Roman über die französische Rechte, in dessen Zentrum eine Partei steht, die dem Front Nationale ähnelt und in einer Regierungskrise die Macht übernimmt. In seinem neuen Roman, »Die Verdunkelten«, schreibt der 1964 geborene Jerome Leroy, der auch Verfasser von Kinderbüchern und von Lyrik ist, über eine französische Gesellschaft zwischen islamistischen Attentaten, sich immer weiter ausdehnenden Streiks und radikalen politischen Kämpfen. Anhand von zwei Personen entwickelt er ein Panorama dieser tiefgehenden Krise, die sich im Lauf des Romans immer mehr verschärft - bis zur Havarie des Gesellschaftssystems.

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Jerome Leroy: Die Verdunkelten. Roman.
A. d. Franz. v. Cornelia Wend. Nautilus, 256 S., geb., 19,90 €.

Auf der einen Seite ist da der in die Jahre gekommene Kommunist Guillaume Trimbert. Der Mittfünziger ist halbwegs erfolgreicher Autor, der aber vor allem in seinen Erinnerungen lebt. Die sind angefüllt mit früheren Liebesbeziehungen und politischen Erlebnissen im Europa der 1970er Jahre zwischen der Nelkenrevolution in Portugal und den radikalen Kämpfen in den westlichen Großstädten. Sein Gegenüber ist die Geheimdienstmitarbeiterin Agnes Delvaux, die Trimbert überwacht, der wie viele andere Alt-Linke eine Gefährderakte bei der Polizei hat. Sie ist die Frau fürs Grobe, verprügelt politische Gegner in Geheimgefängnissen oder ermordet sie auch auf Geheiß von oben. Nur scheint Agnes Delvaux’ Obsession für ihr Observationsziel Trimbert, der in einer großen Pariser Wohnung lebt und regelmäßig Austausch mit anderen Intellektuellen hat, ausgeprägter, als man erwarten könnte ... Etwas scheint sie zusätzlich zu motivieren.

Menschen verschwinden im allgemeinen Chaos. Auch aus den höheren Kreisen von Politik und Wirtschaft setzen sich viele ab, um irgendwo in einem Fischerdorf zu leben oder anderswo neu zu beginnen. Unter anderem ist Agnes Delvaux damit betraut, solche Leute aus dem Weg zu räumen,. Als Trimbert mit einer alten Freundin Kontakt aufnimmt und Paris verlässt, folgt ihm Agnes Delvaux ...

Jerome Leroys Roman ist eine heftige Kritik an Frankreichs neuen Sicherheitsgesetzen. Der Ausnahmezustand wurde nach den Anschlägen 2015 immer wieder verlängert. Agnes Delvaux, die Dauerüberwachung, Geheimgefängnisse und Gefähderakten stehen für jene entgrenzte Polizeigewalt und Behördenwillkür, die seit Jahren beklagt wird. Gleichzeitig inszeniert Leroy den militanten Protest des schwarzen Blocks ebenso wie die Riots in den Vorstädten als Bestandteile eines permanenten Krisenszenarios der französischen Gesellschaft. Am Ende kommt es quasi zum Zusammenbruch, und es folgt als Ausblick auf die Zukunft fast im Stil eines Science-Fiction-Romans das im Grunde sympathische, wenn auch nicht immer einfache Chaos der Selbstorganisierung. Ein Roman, der über Frankreich hinausweist und brisante Aktualität besitzt.

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