Montenegro

Im Faulbett der Identitätspolitik

Martin Leidenfrost beobachtete Feindseligkeiten im winzigen Vielvölkerstaat Montenegro

Von Martin Leidenfrost

Eines meiner Hobbys ist die Lektüre von Büchern über montenegrinische Identität. Ich verbrachte neulich einen Monat in Montenegro, und da in Montenegro mehrere Identitätskriege toben, wäre das ein gefundenes Fressen. Dennoch widerstrebt mir das Thema. Wie die Zeitung »Vijesti« feststellte: Solange einander die prowestliche Regierung und der proserbische Teil der Opposition mit Kulturkriegen befeuern, fragt praktischerweise niemand: Warum ist der Kühlschrank leer?

Natürlich verfolgte ich diese Debatten im jüngsten Mitgliedsland der NATO. Kulturkriege sind nun mal witzig. Witzig das Gesetzesprojekt der Regierung, das Strafen von bis zu 2000 Euro vorsieht, wenn jemand bei der Nationalhymne nicht aufsteht. Das trifft auch Ausländer mit gesunden Beinen. Witzig auch die Forderung der mitregierenden Bosniakischen Partei, das muslimische Fünftel der Bevölkerung anzuerkennen, indem man den Halbmond in das Staatswappen aufnimmt.

Witzig die Pläne der Regierung, die illegal errichtete Metallkirche auf dem Rumija-Berg zu schleifen, und die Proteste von Bischöfen, die empört fragen, wie viele Moscheen eigentlich Schwarzbauten seien. Witzig, wie der ewige Herrscher Milo Djukanovic die orthodoxe Kirche niedermacht für »russischen Imperialismus, großserbischen Nationalismus und aggressive Heiliger-Sava-Tümelei«.

Witzig der Belgrader Intellektuelle, der auf ein Symposium zum 100-Jahr-Jubiläum der Vereinigung Serbiens und Montenegros eingeladen war und mit Einreiseverbot belegt wurde: »Dass ein einziger Dichter die Sicherheit eines NATO-Mitglieds bedroht!« Besonders witzig seine Nachfrage, ob sich das Einreiseverbot auch auf seinen Leichnam beziehe. Er habe nämlich vor, dereinst »als Toter in Montenegro zu leben«.

Witzig auch der Beitrag Donald Trumps. Gefragt, warum US-Soldaten ein kleines Land wie Montenegro verteidigen sollten, antwortete er: »Ich habe mir die gleiche Frage gestellt. Montenegro ist ein kleines Land mit sehr starken Menschen. Sie sind sehr aggressive Menschen, sie könnten aggressiv werden, und - Gratulation! - man ist im Dritten Weltkrieg.«

Trumps Montenegro-These widerspricht wiederum dem witzigen Selbstbild der Montenegriner. Diese spielen auf allerlei Souvenir-Artikeln mit dem Klischee ihrer Faulheit. Die »Zehn montenegrinischen Gebote« enden so: »Wenn Du Leute beim Essen und Trinken siehst, tritt näher! Wenn Du sie arbeiten siehst, dann geh weiter, um nicht zu stören!«

Mir wurde das alles zu witzig. Viele montenegrinische Parteien haben das Wort »sozialistisch« im Namen; einen Wettstreit um die beste Sozial- und Wirtschaftspolitik ersparen sie sich aber. Stattdessen Identitätskriege am Rande der Prügelei. Obwohl ich diese Themen mit niemandem diskutierte, gab auch ich allein mit der Wahl meines montenegrinischen Ferienorts ein Identitäts-Statement ab: Herceg Novi ist die weltweit einzige Stadt am Meer mit mehrheitlich serbischer Identität. Ich profitierte dort von unwillkürlich ausgesandten Signalen: Man ließ mich ewig in einer leeren Bar sitzen, weil ich ein russisches Buch las, und man spendierte mir einen Extra-Birnenschnaps, weil ich nach einem serbisch-orthodoxen Feiertag fragte.

Dieser Zwergstaat, und dafür mag ich ihn, ist ein Jugoslawien im Kleinen. Es gibt muslimische, bosniakische, albanische und sogar kroatische Landstreifen, im Žabljak-Tal ist es stets um zehn Grad kälter, und die Unterscheidung zwischen den größten Volksgruppen - »Montenegriner« und »Serben« - ist ausschließlich eine Sache des Gefühls. Um Identitätskriege immer noch witzig zu finden, mag ich das Land wohl zu sehr.