Juli Zeh im Oktober 2018 während der Frankfurter Buchmesse
Juli Zeh

Am Anfang war das Recht

Die Schriftstellerin Juli Zeh soll in Brandenburg Verfassungsrichterin werden.

Von Andreas Fritsche

Juli Zeh steht im Leipziger Studentenclub »Moritzbastei« am Pult. Sie stützt sich auf ihren linken Arm. Sie hat ihn so weit eingedreht, dass die ausgestreckten Finger in ihre Richtung zeigen. Sie liest vor. Der Text »Besuch« handelt davon, wie plötzlich ein Unbekannter vor der Tür steht und sich vier Wochen lang in der Wohnung einer Frau einnistet, die ihre Ruhe haben möchte, aber Gewissensbisse hat, ihn hinauszuwerfen. Ein Leser würde sich fragen, ob dieser Text witzig ist oder zum Weinen oder beides zugleich. Bei einem Zuhörer kommt es darauf an, wie die zwei Seiten vorgetragen werden. Juli Zehn zieht das Publikum magisch in ihren Bann. Sie lächelt schelmisch. Das Publikum feixt, aber es bleibt auch Raum für Nachdenklichkeit.

Juli Zeh ist Schriftstellerin - heute, schon seit Jahren. Aber damals in der »Moritzbastei« - 1997 ist das gewesen -, da war sie noch keine Autorin. Da studierte sie in Leipzig Jura und nebenbei am hiesigen Literaturinstitut. Die Kombination und das Pensum, das sie dabei bewältigte, sprachen für ihre Fähigkeiten. In der DDR war das kleine, aber feine Literaturinstitut, aus dem bekannte Autoren hervorgingen, eine Legende. In den 1990er Jahren war es immer noch begehrt, aber nicht mehr so erfolgreich. Es kursierte sogar die Einschätzung, dass die Versuche der Studenten einander zum Verwechseln ähneln, dass dort ein uniformer Schreibstil herangezogen werde. Die sympathische, bescheidene Juli Zeh schien da nicht herauszustechen, nicht einmal mit »Besuch«, obwohl es ein hübsches Stückchen Literatur ist. Es erschien 1997 in einer Auflage von 500 Exemplaren in einer schmalen Anthologie mit Texten vorwiegend junger Männer und Frauen, unter denen Juli Zeh zu den Jüngsten gehörte. Sie hatte bis dahin noch keine Veröffentlichung vorzuweisen.

Doch als sie in der »Moritzbastei« vortrug, da wurde dem Herausgeber des Bändchens, einem nur zwei Jahre älteren Germanistikstudenten schlagartig klar, dass Juli Zehs Talent die Begabung der anderen weit überragt. Wenn jemand als Schriftstellerin den Durchbruch schaffen würde, dann sie, dachte dieser Mann, der bald seine Finger von der Literatur lassen und Ende 1998 Lokaljournalist werden würde - und der nun diese Zeilen hier verfasst. Bereits 2001 erschien Juli Zehs Debütroman »Adler und Engel«, ein Meisterwerk, das in 35 Sprachen übersetzt wurde. Dabei war zunächst nicht ausgemacht, dass sie wirklich eine berühmte Schriftstellerin wird. Sie hätte als ausgezeichnete Juristin genauso gut auch in der Rechtswissenschaft oder im Rechtswesen Karriere machen können.

Nun wird sie aller Voraussicht nach, quasi in Nebentätigkeit, Landesverfassungsrichterin in Brandenburg. Sie und weitere Verfassungsrichter sollen am kommenden Mittwoch im Landtag gewählt werden. Es gibt in der Funktion neben den sogenannten berufserfahrenen Kollegen auch Laienrichter wie zum Beispiel den juristisch unbeleckten Filmregisseur Andreas Dresen. Juli Zeh passt in beide Kategorien. Sie ist Künstlerin und kehrt nun als Verfassungsrichterin auch zu ihren Wurzeln als Juristin zurück, wie sie es selbst beschrieben hat. Darum hat sie sofort zugesagt, als SPD-Fraktionschef Mike Bischoff anrief. Bischoff hatte seine Frage, ob sie das machen würde, noch gar nicht zu Ende formuliert, als sie begeistert zustimmte, verriet die Fraktion auf Nachfrage.

2017, während des anfänglichen Hypes um den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, ist Zeh in dessen Partei eingetreten. Ihre Essays verraten einen politisch denkenden Menschen. Ihre politische Einstellung ist trotzdem nicht so leicht definierbar. Ihr literarisches Werk gibt dazu keine eindeutigen Antworten. »Stille ist ein Geräusch« beispielsweise macht ratlos. Was sollen nun die Ursachen des Bosnienkriegs gewesen sein, wenn es keine ethnische Auseinandersetzung war? Sie gibt die verblüffende Auskunft weiter, es sei ein Kampf der Dörfer gegen die Städte gewesen.

Als sich die Richterkandidatin im Landtag vorstellte, kam sie auch in die Linksfraktion. Dort machte sie bei dem Abgeordneten Volkmar Schöneburg einen »sehr guten Eindruck«. Er hat sie angesichts des Streits um eine geplante Verschärfung des brandenburgischen Polizeigesetzes gefragt, wie sie das sehe. Sie werde sich nicht der Gefahr aussetzen, wegen einer Äußerung als befangen zu gelten, habe sie geantwortet, sich allerdings klar für die Bürgerrechte ausgesprochen, sagt Schöneburg. Ihm gefiel das, obwohl es ihn nicht überraschte. Denn bei ihm im Bücherregal steht ihr gemeinsam mit Ilija Trojanow verfasstes Sachbuch »Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte«. Schöneburg hat es gelesen. Es hat ihm imponiert. Er ist Jurist und war von 2006 bis 2009 selbst Verfassungsrichter. So ein Richter bewege sich im Grenzbereich zwischen Recht und Politik, erklärt er. Es werde bei den Verfahren zwar immer juristisch argumentiert, doch die Politik sei im Hinterkopf. Entscheidend sei die politische Einstellung bei der Urteilsfindung nicht, doch gebe es Auslegungsspielräume, wenn es beispielsweise um das Recht auf Wohnen gehe. Schöneburg erwähnt noch, dass Richter nicht in einem Vakuum leben, dass sie durch ihre soziale Herkunft und ihre Hochschulausbildung geprägt seien. Daher komme Karl Liebknechts Begriff »Klassenjustiz«. Der 1919 ermordete Rechtsanwalt und Revolutionär habe damit keineswegs eine absichtliche Rechtsbeugung im Sinne gehabt, sondern Erfahrung, die sich nicht ausblenden lasse.

Die bürgerliche Herkunft der aus Bonn gebürtigen Juli Zeh ist jetzt nicht mehr zu übersehen. Doch auch wenn sie inzwischen in Fernsehdiskussionen auf hohem intellektuellen Niveau mitdiskutiert, als hätte sie nie etwas anderes getan, so bleibt doch ungetrübt der Eindruck von der Studentin Juli Zeh, die in einem klapperigen Kleinbus über Leipzigs Kopfsteinpflasterstraßen rumpelt, die ihrem Hund »Othello« das Fell krault, die gut zuhören und genau beobachten kann, und die so gar nichts an sich hat von dem seinerzeit allgegenwärtigen Besserwessi.