Claus Peymann sprach über »Mord und Totschlag« – nämlich Stationen seines Theaterlebens.
Claus Peymann

König ohne Königreich

Nach 40 Jahren als Intendant ist Claus Peymann mittlerweile freier Theaterregisseur. An der Universität Koblenz-Landau gab er ein Seminar als Poetik-Dozent.

Von Helen Roth

Dunkel ist es im Raum, die Fenster sowie Teile der Wände sind mit dickem Moltonstoff verhangen. Über den Köpfen der Studierenden hängen Scheinwerfer, Kabel-Lianen ziehen sich durch die Metallverstrebungen. Der Probenraum des Studienfachs Darstellendes Spiel bietet in seiner schmucklosen Zweckmäßigkeit den passenden Rahmen für Claus Peymann, den ehemaligen Schauspieldirektor und Theaterregisseur. Er erinnert an sein einstiges Königreich: den Theatersaal in nüchterner Probensituation.

Mehr als 40 Jahre war Peymann Intendant. Seine größten Erfolge feierte er in den 70er Jahren in Stuttgart. Dort produzierte er auch seine größten Skandale. Zu Beginn seiner Laufbahn gelang es ihm mehr als einmal, das Theater zur Waffe gegen die Herrschenden zu machen, politische Impulse zu setzen. Die letzten 18 Jahre verbrachte er als Intendant des Berliner Ensembles. Erst im Juli 2017, er war gerade 80 Jahre alt geworden, feierte er groß seinen Abschied.

Die Reihen des Proberaums der Universität Koblenz-Landau sind dicht gefüllt. Nur der Stuhl am Kopf leer. Peymann, der hier sein Theaterseminar »Mord und Totschlag - kann Theater die Welt verbessern?« halten soll, lässt auf sich warten. Die 2010 ins Leben gerufene Poetik-Dozentur versteht sich als Forum der kulturellen Begegnung mit dem Ziel, Literatur und Kultur lebendig werden zu lassen. An der Universität Koblenz-Landau werden hauptsächlich Lehrer ausgebildet. Am Zentrum für Kultur- und Wissensdialog können Studierende das Ergänzungsfach Darstellendes Spiel wählen.

Gefürchtet und geschmäht

Zwei Studentinnen stecken die Köpfe zu zusammen. Die eine murmelt: »Ich habe gehört, der soll sehr jähzornig und sprunghaft sein. Vielleicht hat er es sich ja anders überlegt.« - »Ach krass, du kennst den näher?«, erwidert die andere darauf. »Ich habe mich gar nicht auf die heutige Sitzung vorbereitet. Na dann könnte es ja echt spannend werden.«

In dieser flüchtigen Unterhaltung liegt in gewisser Weise Peymanns gegenwärtiges Dilemma. Seit er seine Intendanz in Berlin abgegeben hat, ist er ein König ohne Königreich. Denn Peymann arbeitet weiter - nunmehr als freier Regisseur an verschiedenen Theatern. Sein Ruf ist ihm dabei gelegentlich im Weg, wie er später im Gespräch mit den Studierenden einräumt. Die einen, besonders die männlichen jungen Schauspieler, fürchteten ihn, die anderen sähen in ihm nur ein prähistorisches Theatertier, ein Mammut, wie er sich selbst gerne nennt, aus einer längst vergangenen Zeit.

Peymann kommt schließlich ganz in schwarz gekleidet unprätentiös in den Raum. Den Applaus zur Begrüßung winkt er ab. Er verbrauche an dieser Stelle nur unnötig Energie, so Peymann lapidar. Die Studierenden reagieren irritiert. »Das war doch nur höflich gemeint«, meint eine der oben erwähnten Studentinnen. Die andere darauf: »Naja, der kommt halt vom Theater. Die Künstlertypen sind ja meist etwas spezieller.«

Zu Beginn des Seminars, das in vielen Momenten einer Vorlesung gleicht, fällt es Peymann schwer, eine Brücke zu den mindestens fünfzig Jahre jüngeren Studierenden zu schlagen. Spürbar wird dies zum Beispiel bei den Schilderungen seiner frühen Inszenierungen. Peymann war der erste, der ein nacktes Gretchen bei Goethes Faust auf der Bühne präsentierte. Eindrücklich versucht der gealterte Regisseur den jungen Menschen zu erklären, welche Sprengkraft darin steckte. Doch nichts, rund 40 Augenpaare schauen ihn unbekümmert an. Der Lehramtsstudent Tobias Näthke bringt es auf den Punkt: »Nacktheit in Zeiten des allgegenwärtigen Pornos scheint wirkungslos geworden zu sein.«

Doch dann gibt es da auch Aussagen, die alle aufhorchen lassen: Es gebe kein Verbot, das es nicht gelte anzuzweifeln. Peymann erzählt hierzu eine Anekdote, die sich jüngst, genauer gesagt am Abend zuvor, beim öffentlichen Auftritt in der Landauer Jugendstilhalle zugetragen habe. Peymann wollte, dass bei seinem Vortrag über die Funktion des Theaters der eiserne Vorhang geöffnet wird, damit das Publikum in das Innere des Theaters - sein Herz - schauen könne. Dies ginge nicht aus Brandschutzgründen, so die kurze Antwort des Technikers. Was folgte, war der berühmte Peymann’sche Wutausbruch. »Ausgekochter Schwachsinn«, so der Theatermann. Fast hätte er die Spielstätte verlassen, ohne seinen Vortrag zu halten. Dann gab er sich aber doch geschlagen, um sein Vortragspublikum nicht zu enttäuschen.

Peymann erzählt die Anekdote nicht ohne Stolz. Und sie zeigt Wirkung auf seine Zuhörer. Nicht nur sein Studium, auch sein Alltag als Lehrer werde später von Regeln, Plänen und Verboten bestimmt sein, sagt Selim Lohr, der ergänzend zum Lehramt Darstellendes Spiel studiert. »Da tut es gut zu hören, dass die nicht in Stein gemeißelt sind, sondern angezweifelt und verändert werden können, vielleicht sogar müssen.« Peymann ist da ganz Ohr: »Ja, gerade in der Schule beziehungsweise in Sachen Bildung muss in Deutschland viel überdacht werden!«

Weil Bohren ohne Betäubung schmerzhaft ist

Auch das Theater der Gegenwart, davon ist Peymann überzeugt, sei reformwürdig. »Das Theater von heute ist in eine Erwartungsstarre verfallen«, poltert er los. Die zündende Sprengkraft von einst, Peymann erinnert hier an seinen ersten großen Erfolg, den er mit der Uraufführung von Peter Handkes Sprechstück »Publikumsbeschimpfung« erzielte, sei erloschen. Im Theater am Turm in Frankfurt am Main gelang es ihm 1966, die beginnende Studentenrevolte ins damals noch ehrwürdige Theater zu holen. Noch politischer wurde es, als er während seiner Intendanz am Staatstheater Stuttgart bundesweit in die Schlagzeilen geriet, weil er Geld für eine Zahnbehandlung für das inhaftierte RAF-Mitglied Gudrun Ensslin sammelte.

Auch darüber spricht Peymann in seiner Poetik-Dozentur. Die Frage einer Studentin, warum er das Geld sammelte, beantwortet er unbekümmert: Weil er sich gut vorstellen könne, wie schmerzhaft es sei, das Bohren ohne Betäubung ertragen zu müssen.

Das scheint in seiner entwaffnenden Einfachheit einzuleuchten. Weniger ersichtlich ist dagegen für die Studierenden, warum das Theater heute nicht mehr zünde oder es nicht mehr wirklich versuche, wie Peymann zuvor behauptet hatte. Peymann holt aus und referiert darüber, dass das Böse sich heute so geschickt maskiere, dass man es gar nicht mehr erkenne. Die Politik von Kanzlerin Angela Merkel sei schließlich nicht durchgehend gut, aber als böse könne man die Frau in den Hosenanzügen nun auch nicht gerade bezeichnen. Damit biete sie keine klare Angriffsfläche. Anders sähe es dagegen in den USA aus. »Trump gibt uns die Chance, wieder einen fetten Bösewicht zu haben. Auch Erdogan ist so ein Kaliber.« Das seien somit zwei »Diktatoren«, an denen sich das Theater abarbeiten könne.

»Soll das heißen, Sie würden dem Theater in Deutschland auch so einen Despoten wünschen?«, fragt Studentin Mia Schmitt verunsichert. »Nein, aber das Theater muss wieder lernen genauer hinzuschauen, Feinde entlarven.« Doch dazu, Peymann redet sich hier beinahe in Rage, müssten die Mitarbeiter am Theater sich wieder richtig hingeben. »Dieses Work-Life-Balance-Gefasel, das ist doch alles neumodischer Tand. Da bewirkt man doch nix! Wenn ich das schon höre, die Techniker brauchen eine Pause! Was ein Quatsch, manchmal muss man einfach dran bleiben, da darf nichts die Konzentration stören. Nur so erreicht man was mit Sprengkraft!« Doch, räumt er mit einer Mischung aus Reue und Wehmut ein, sei er dafür zu alt. »Aber die jungen Schauspieler«, bäumt er sich gleich darauf wieder auf, »die müssen endlich wieder ihre Einstellung zum Beruf ändern! Das ist eben kein Beruf, den man nach der Arbeit ablegt wie einen ollen Mantel, das ist eine Berufung. Da hat man eben keine Zeit für ein Familienleben außerhalb des Theaters.«

Da ist es wieder, das Theatermammut Peymann. Er stammt aus einer Generation von Kulturschaffenden, die zwischen Privatleben und Beruf nicht unterschieden, weil sie sich aus voller Überzeugung für eine meist politische Sache engagierten. Beispiele für die Gattung gibt es auch jenseits der 68er, zu denen Peymann sich zählt - man denke etwa an den verstorbenen Aktionskünstler Christoph Schlingensief - aber sie sind seltener geworden.

Einen Erklärungsansatz bietet hierfür der angehende Pädagoge Lohr: »Naja, Menschen meiner Generation, zumindest wenn sie in Deutschland aufgewachsen sind, kennen im Normalfall kein echtes Leid und sind deshalb vielleicht bequemer. Zwar stimmt es schon, es läuft gerade viel schief - AfD und so. Aber wir haben eben alles, was man braucht: Ein Dach über dem Kopf, immer was zu essen, und ich als angehender Lehrer eine relativ sichere Aussicht auf ’nen Job. Da ist es doch eigentlich klar, dass wir uns nicht so sehr engagieren. Auch wenn wir es wohl sollten.«

Theater als Familienersatz

Die Lehramtsstudentin Marie Würth bohrt dann trotzdem noch einmal nach: »Herr Peymann, sie haben also keine Familie.« Peymann stutzt: »Doch schon, das Theater ist meine Familie, war es immer.« Peymann umgab sich auch bei seiner jüngsten Inszenierung von Shakespeares »King Lear« mit Getreuen. So folgten ihm unter anderem seine langjährigen Dramaturgen Jutta Ferbers und Jan Hein sowie der Schauspieler Martin Schwab ans Stuttgarter Theater. »Aber falls Sie meinen, ob ich ein gewöhnliches Familienleben hatte, dann muss ich passen. Als Vater habe ich versagt und bin froh und stolz, dass trotzdem etwas aus meinem Sohn geworden ist«, fügt Peymann leise hinzu.

In solchen beinahe wehmütigen Momenten, die es neben dem Getöse auch immer wieder bei der Poetik-Dozentur von Peymann gibt, kommt der große Regisseur seinen jungen Zuhörern ganz nah. Für Lehramtsstudent Simeon Wallrath steht im Anschluss fest: »Gerade diese persönlichen Geständnisse von Peymann waren neben dem ungeheuren Theaterwissen für mich besonders beeindruckend.« Und so präsentierte Peymann als Poetik-Dozent nicht nur sein großes Wissen über das Theater, sondern gewährte den Studierenden auch tiefe Einblicke in seine vielschichtige Persönlichkeit. Am Ende verabschiedete er sich mit einem Lächeln und ließ den Schlussapplaus dann gerne zu.