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»Als wäre ein jeder … plötzlich Gott«

Vor 90 Jahren wurde Tschingis Aitmatow geboren. Er ist gegangen - und kommt uns entgegen

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 8 Min.

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Aus ferner Vergangenheit und aus der Zukunft zugleich kommt seine Stimme. Tschingis Aitmatow, am 12. Dezember 1928 in Scheker, einem Dorf im Nordwesten Kirgistans, geboren, hat eine Welt erlebt, die für uns längst untergegangen ist. Der Stamm, die Sippe bildeten eine Gemeinschaft, die noch keine Entfremdung kannte. Mit Wort-Magie bezauberten fahrende Sänger und Schamanen, die mit Naturmächten im Bunde waren. Deutsche Leser konnten einen Nachklang davon spüren, wenn Aitmatow vor ihnen auftrat.

»Ich habe Sehnsucht nach jenen Menschen, die mich in meiner Kindheit umgaben.« Das hat er schon in unserem ersten Gespräch 1977 gesagt. »Jetzt gibt es solche Menschen nicht mehr wie meine Großmutter und ihre Altersgenossen. Sie konnten nicht lesen und schreiben, aber sie waren edel, lebten nur dafür, anderen Gutes zu tun. Sie verstanden sowohl Freude als auch Leid des Lebens. Und sie waren mit ihrer Lebensweise zufrieden, forderten nichts anderes.« Von der Großmutter hörte der Junge die alten Märchen und Legenden, die er später in seinen Werken verarbeitete. Mit ihr zog er auf die Sommerweide in den Bergen. Als er sich dort mit einem russischen Tierarzt über den Tod eines Zuchthengstes verständigen konnte, spürte er zum ersten Mal jenes Herausgehobensein, das mit der Kenntnis der russischen Sprache verbunden war.

Wie doch alles miteinander zusammenhängt. Weil die Wassermühle des Großvaters abbrannte, verdingte dieser sich noch vor der Revolution beim Bau eines Eisenbahntunnels und brachte seinen Sohn Torekul in einer russischen Schule unter, der wiederum seine Kinder zweisprachig aufwachsen ließ. Torekul Aitmatow, hochgebildet, hatte in den 1920er/30er Jahren leitende Parteifunktionen in Kirgistan inne und nahm seine Familie nach Moskau mit, als er dort am renommierten Institut der Roten Professur studierte. Im Sommer 1937 konnte er sie noch in einen Zug nach Hause setzen; kurze Zeit später wurde er verhaftet.

Seine schöne Frau Nagima, von der man erst spät erfuhr, dass sie einer tatarischen Kaufmannsfamilie entstammte und muslimisch erzogen war, fand mit ihren vier Kindern bei den Verwandten in Scheker Zuflucht. Und Tschingis, der Älteste, wurde dort mit 14 Jahren Sekretär des Dorfsowjets. Als Sohn eines »Volksfeindes«? Lange hat er deshalb Ächtung erfahren. Doch damals war Krieg, und als Einziger im Dorf konnte er lesen und schreiben. Die Erfahrung der Kriegszeit, verbunden mit der Normalität harter Arbeit, hat sich in seine frühen Werke eingeschrieben: »Aug in Auge«, »Djamila« (beide 1958), »Goldspur der Garben« (1963), »Frühe Kraniche« (1975), realistisch packend und dabei so erhebend, machten den jungen Autor bereits über die Grenzen seines Landes bekannt.

Dass der Name Aitmatow einmal strahlend in die Welt kommen möge, das hatte er sich schon als Kind erträumt. Um seines Vaters Willen, von dem die Familie noch lange hoffte, dass er »bloß« in einem Lager in Sibirien sei. Sohnespflicht war die Quelle seines Ehrgeizes - und eine Liebe, so quälend, dass es in fast allen seinen Werken später Söhne gab, die sich nach dem Vater sehnen. In »Der weiße Dampfer« (1970) will sich ein kleiner Junge in seiner Not in einen Fisch verwandeln, um zum Vater zu schwimmen. Und in »Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft« (1977) opfert ein Vater sein Leben für den Sohn.

Vom Vater war Aitmatow im Sinne kommunistischer Ideale erzogen, und er erlebte ja auch, welche Entwicklungen in Kirgistan durch die Zugehörigkeit zur Sowjetunion möglich wurden. Glaube und Hoffnung wurden indes immer wieder mit Enttäuschung bezahlt. Nach Stalins Tod 1953 währte Chrustschows »Tauwetter-Periode« nur bis 1964. Bestrebungen zur Liberalisierung scheiterten dabei immer wieder an den Realitäten des Kalten Krieges. Bis heute zeigt sich ja der Denkfehler selbst gut gemeinter westlicher Politik, Fortschritte im Sinne von Meinungsfreiheit durch Druck zu erreichen. Doch wenn ein Machtsystem sich wehren muss, geschieht meist das Gegenteil.

»Was für Träume hatten wir. Und wie haben wir für die Erfüllung dieser Träume gekämpft! … Und heute?« Dennoch fasst der Hirt Tanabai aus »Abschied von Gülsary« (1967) neben seinem sterbenden Pferd einen Entschluss: Er wird wieder in die Partei eintreten, wird seine Kraft einbringen für das, was er für richtig hält. In diesem Sinne hat sich auch der Autor dieses Buches für sein Land engagiert - nicht als sein Diener, sondern als einer, der die Verhältnisse zum Besseren ändern wollte.

Stark sind die Gestalten in Aitmatows Werken, selbstbewusst folgen sie ihrem Gewissen. Die meisten von ihnen sind keine Intellektuellen, sie leben von der Tatkraft ihrer Hände. So wie der Eisenbahnarbeiter Edige aus »Der Tag zieht den Jahrhundertweg« (1981), dem für mich bedeutendsten Roman Aitmatows (indes, alle liegen mir am Herzen). Aus dem Unionsverlag Zürich ist er - auch in der Übersetzung von Charlotte Kossuth - unter dem Titel »Ein Tag länger als ein Leben« lieferbar.

An Edige musste ich denken, als ich im Oktober dieses Jahres durch kirgisische Landschaften fuhr. Eine weite karge Steppe wird begrenzt durch steil aufragende Berge. Da herrscht kein Reichtum, und es gibt, so schien mir, für einen Menschen nur zwei Möglichkeiten: sich nichtig zu fühlen oder riesengroß. Edige arbeitet in Schneesturm-Boranly, einer Ausweichstelle der Eisenbahn in der kasachischen Steppe. Der Roman beginnt mit dem Tod seines Freundes Kasangap und endet mit dessen Begräbnis, das irgendwo in der Wüste stattfinden muss, denn der alte Stammesfriedhof liegt auf dem Gelände des Kosmodroms, wo in Abstimmung zwischen UdSSR und USA bald Kampfroboter aufsteigen, damit die fortschrittliche Zivilisation auf dem Planeten »Waldesbrust« die globalen Kräfteverhältnisse nicht durcheinanderbringt.

Als Edige seinen Freund in die Erde bettet, ergänzt er das muslimische Gebet mit eigenen Worten. »Und wenn ich mich an dich wende …, dann wende ich mich tatsächlich über dich an mich selbst; und in so einer Stunde ist es mir gegeben zu denken, als würdest du selbst denken, o Schöpfer.« Wenn es für die Menschen keinen Weg mehr gäbe, sich in Gedanken emporzuschwingen, »als wäre ein jeder von ihnen plötzlich Gott«, der »für alle so eintritt, wie du für die Menschen eintreten müsstest, dann wird es auch dich, o Gott, nicht mehr geben«. Ein muslimischer Gott - aber es könnte es auch ein christlicher sein oder Tengri, der »Herr des blauen Himmels«, den alle alten Nomadenvölker verehren.

Der einzelne Mensch als Erdenbürger, der für alles Verantwortung trägt - das ist der Kern von Aitmatows Weltsicht, die immer auch von einem Feuer der Liebe durchglüht war, umhüllt auch von einer Aura der Sorge und des Tragischen. Denn Menschen, die ein Gottesgebot als Gewissen in sich tragen, stoßen auf Widerstände: Egoismus, Selbstsucht, bürokratische Kälte. Der Priesterschüler Awdi aus dem Roman »Die Richtstatt« in der Übersetzung von Charlotte Kossuth bei Volk und Welt (»Der Richtplatz« in der Fassung von Friedrich Hitzer im Unionsverlag, beide 1986) wird gleichsam gekreuzigt in der Steppe, weil er sich einer mörderischen Jagd auf Antilopen entgegenstellt. Und der Journalist Arsen Samantschin aus Aitmatows letztem Roman »Der Schneeleopard« (2006) liegt sterbend neben dem verblutenden Tier, während sein einstiger Schulkamerad Taschtanbek seinen »Anteil an der Globalisierung« durch eine brutale Geiselnahme zu erlangen hofft.

Im Trubel der Vorweihnachtszeit mag hierzulande kaum sichtbar werden, wie viele Veranstaltungen weltweit in den letzten Monaten Aitmatow gewidmet waren: von Tokio bis Wien, von Ankara bis Moskau, wo eine Aitmatow-Konferenz vor allem der Verständigung mit Vertretern islamischer Staaten galt, und vielerorts auf dem riesigen Gebiet, das einst Sowjetunion hieß. An einigen habe ich teilgenommen. Das 3. Issyk-Kul-Forum »Tschingis Aitmatow und die Herausforderungen unserer Zeit« brachte in Kirgistan Intellektuelle aus 25 Ländern an einen Tisch. Zur Beratung standen globale Probleme: Gewalt und Kriege in der Welt, genährt von geopolitischen Interessen, aber auch von gegenseitigem Misstrauen und religiösen Differenzen, die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich, materielle und geistige Verelendung als Nährboden für Terrorismus, der drohende Verlust nationaler humanistischer Traditionen, die Droge Massenkultur und nicht zuletzt die Gefahren, die mit einer gewissenlosen Ausbeutung der natürlichen Umwelt einhergehen. Über all dies hat Tschingis Aitmatow geschrieben und gesprochen, verbunden immer mit einem moralischen Imperativ, an die Politik wie an den einzelnen Menschen gerichtet. Er begriff, empfand die Welt als Ganzes - darin ist er den meisten von uns voraus.

Sein Werk ist für mich wie ein riesiges Gebirge. Dorthin haben Literaturwissenschaftler schon Straßen gebaut mit Wegweisern und Rastplätzen. Doch das tiefste Erlebnis verspricht immer wieder ein Aufstieg auf ganz eigene Weise. Man wird dabei in Abgründe gesellschaftlicher Konflikte und tragischer Verwicklungen blicken und dann wieder in lichter Höhe zwischen Himmel und Erde eine Weite in sich spüren, die einen bestärkt und erhöht.

Tschingis Aitmatow: In über 100 Millionen Exemplaren in 176 Sprachen ist sein Werk verbreitet. Ein Schriftsteller von Weltgeltung, der in seinem Leben mehrere Epochen der Menschheitsgeschichte verband. Er sprach und schrieb in einfachen Worten, die einem bekannt vorkommen. Ihre tiefe Bedeutung zu erfassen, heißt indes, sich auf einen Weg zu begeben. Am 10. Juni 2008, noch vor seinem 80. Geburtstag, ist Aitmatow aus dieser Welt gegangen. Doch, wie es heute scheint, kommt er uns entgegen.

Irmtraud Gutschke veröffentlichte 2018 im Mitteldeutschen Verlag den Band »Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt« (198 S., br., 16 €). Bestellungen auch über den nd-Shop: 030/2978-1777

Eine Feier zum 90. Geburtstag wird diesen Mittwoch um 18 Uhr von der Botschaft der Republik Kirgistan gemeinsam mit dem Yunus-Emre-Institut, Kronenstraße 1, 10117 Berlin, veranstaltet.

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