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Kofferpacken aus Zwang

In einer Welt von Arm und Reich sorgt die Klimakrise für Gewinner und Verlierer. Wegschauen gilt nicht, berichtet Lorenz Gösta Beutin von der UN-Klimakonferenz

  • Von Lorenz Gösta Beutin
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mitten in der Nacht steige ich in Katowice aus dem Zug. Auf der Fahrt von Berlin zur UN-Klimakonferenz liegen gleich nach der Überfahrt der Oder-Grenze unzählige Kohlebunker an den Gleisen. Vorbei an Industrieruinen und Produktionshallen mit ausgeschlagenen Fenstern mahnen einsame Schornsteine längst vergangener Zeiten.

Beim Aussteigen steigt sofort der süßlich-beissende Qualm der Kohleöfen in die Nase, in der Stadt wird geheizt, als gäbe es kein Morgen. Den Geruch kenne ich noch gut aus Kindertagen, als wir die Verwandtschaft im Osten, bei Dresden, besucht haben.

Es schneit leicht, die Jahrhundertwende-Steinfassaden der Altstadt sind vom sauren Regen schwarz geschmirgelt. Der Kohlequalm schlägt auf die Gesundheit. Wie beim Verkehr, wo Autos ihren Dreck auf Kinderwagenhöhe in die Gesichter der Fußgänger pusten, sorgt auch der Strom aus Kohle jedes Jahr weltweit für vorzeitige Todesfälle und Krankheiten in epedimischem Ausmaß.

Wie Deutschland ist Polen noch immer ein Kohleland. Der Wandel zu einer klimafreundlichen Wirtschaft wird nicht leicht, gerade hier nicht, wo noch massiver soziale Probleme und eine autoritäre Regierung aufeinander treffen, denke ich.

Nach vier Stunden Sekundenschlaf geht’s vom Hotel zu Fuß zum Konferenzgelände. In den Gängen und Konferenzräumen Frauen in Sari und Versace-Mini, Männer mit Turban und Kufiya, der arabischen Kopfbedeckung. In der Kantine sind Fisch und Fleisch helal, auch veganes Essen steht auf der Speisekarte, auf den Klimakonferenzen trifft sich die Welt.

Wer hier nach Polen gekommen ist, für den ist Reisen ein Privileg der Freiheit. Auf einer Veranstaltung über Klimaflucht und Klimakrise wird wieder einmal klar, dass für die meisten Menschen der Welt das Verlassen ihrer Heimat unfreiwillig ist. Man packt aus Zwang seine Koffer.

Millionen Umweltgeflüchtete zählen die Vereinten Nationen, jedes Jahr, im Cocktail aus Armut und Kapitalismus zerstört der Klimawandel zunehmend ganze Gesellschaften. Um Geld nach Hause schicken zu können, machen sich Millionen auf den langen Weg der Migration. Die meisten arbeiten in den Restaurants, Haushalten oder Baustellen ihrer Nachbarländer.

Die Wenigsten kommen bis nach Europa. Junge Frauen aus Tuvalu etwa wollen ihre Insel nicht verlassen müssen, wird den Konferenzteilnehmern berichtet. »Wir wollen keine Flüchtlinge in einem Auffanglanger irgendwo in Melbourne werden«, wird ihre drohende Zukunft an die Wand gemalt.

Wie wäre es, wenn diese Generation zu uns nach Deutschland kommen könnte, mit einem Klima-Reisepass »freien Eintritt« hätte. Schließlich haben wir in Deutschland seit Beginn von Dampfmaschine und Otto-Motor die Erdatmosphäre als kostenlose Mülldeponie in Anspruch genommen - nicht die Bewohner des vom Untergang bedrohten Tuvalu, Kiribati oder Fidschi.

Den Trumps dieser Welt sind solche historischen Feinheiten völlig schnuppe. Erst aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten, zieht die US-Administration auf der Klimakonferenz frech Lobbyevents zum vermeintlichen Segen von Kohle und Atomkraft durch. Zynischer geht dieser nationale Hochglanz-Egoismus eigentlich nicht mehr.

Wer auf den Rest der Welt keinen Penny gibt, dem bleibt nur noch das Sich-Einmauern hinter Stacheldraht und Grenzsoldaten. Kein Wunder also, dass Washington als auch Warschau, wo eine Regierung á la Trump und AfD am Ruder ist, gestern im marrokanischen Marrakesh gegen den UN-Migrationspakt gestimmt haben.

Und damit gegen die Stärkung der Notrechte all jener ihre Stimme erhoben haben, die heute die Folgen der Klimakrise ausbaden müssen. Auch ein AfD-Abgeordneter ist in Katowice vor Ort, für seine Parteifreunde und ihn ist der Klimawandel nicht menschengemacht und allein ein Trick der Elite, sich durch den Ausbau der Ökoenergien zu bereichern.

Das twittert er, während sein Kollege die AfD im Bundestag als »Partei der deutschen Braunkohle«, also Partei von RWE und Co, in den Himmel lobt. Derselbe übrigens, der sich schützend vor die deutsche Autoindustrie stellt und gerne am Auspuff eines deutschen Diesels schnüffeln möchte. Nie war der rechte Realitätsverlust so offensichtlich.

Lorenz Gösta Beutin ist vom 11. bis 14. Dezember als Klima- und Energiepolitiker der LINKEN im Bundestag auf der UN-Klimakonferenz in Katowice/Polen.

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