Soziale Eliten

Golf spielt keine große Rolle

Michael Hartmann über politische Agenden und kulturelle Codes der sozialen Eliten

Von Thomas Gesterkamp

Wer agiert in Deutschland besonders abgehoben? Eher die politischen oder eher die wirtschaftlichen Eliten?

Die wirtschaftliche Elite war immer die abgehobenste, weil sie in puncto Einkommen und Vermögen am weitesten vom Durchschnitt entfernt war. Das hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten erheblich verstärkt. Wenn das Vorstandsmitglied eines DAX-Konzerns heute das 50- bis 70-fache dessen verdient, was seine Beschäftigten bekommen, so ist die Kluft vier- bis fünfmal so groß wie bis Mitte der 1990er Jahre, als die Differenz »nur« das 14-fache betrug. Eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so krasse Entwicklung lässt sich bei den Geschäftsführern privater und öffentlicher Unternehmen beobachten, bei den Vorsitzenden von Ärztekammern und Krankenkassen oder bei den Intendanten und Chefredakteuren der großen Medien. Sie alle liegen mit ihren Verdiensten heute zwischen 200.000 und über einer Million Euro. Die politische Elite kommt zwar auch auf monatliche Einkommen von mindestens 10.000 Euro, liegt damit aber deutlich unter den Einkommen in der Wirtschaft.

Sie betonen immer wieder die Bedeutung der eigenen Herkunft. Warum ist die so wichtig?

Die Herkunft prägt die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wissenschaftlich belegen lässt sich das durch eine Studie, die wir 2012 durchgeführt haben. Wir haben die Personen befragt, die die 1000 wichtigsten Machtpositionen in Deutschland besetzen. Das Resultat war eindeutig. Die wenigen Arbeiterkinder hatten eine erheblich größere Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit als die Bürgerkinder. Je reicher und wohlhabender jemand aufgewachsen war, umso weniger empfand er soziale Ungleichheit als Problem. Am deutlichsten waren die Unterschiede, wenn es um höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen ging. Während selbst Arbeiterkinder unter den Topmanagern mehrheitlich dafür waren, waren die Elitenangehörigen, die in reichen Familien groß geworden waren, mit riesiger Mehrheit dagegen. Vor diesem Hintergrund ist die Annahme berechtigt, dass die Zusammensetzung der politischen Elite Einfluss hat auf das politische Handeln: In den allermeisten Fällen machen Upper-Class-Politiker Politik für die Upper Class.

Auf Ihrem Buchtitel prangt ein Golf spielender Mann. Wie bedeutsam sind kulturelle Codes?

Golf selbst spielt keine so große Rolle, nur ungefähr zehn Prozent der Spitzenmanager betreiben diesen Sport. Der Habitus ist ausschlaggebend, vor allem in der Wirtschaft, wo ein kleiner Kreis entscheidet, wer dazugehört und wer nicht. Im Kern geht es um Ähnlichkeit. Wenn Sie zur Elite gehören wollen, müssen Sie denen, die schon dort sitzen, vermitteln, dass Sie zu ihnen passen. Am leichtesten fällt das, wenn man aus dem gleichen Milieu kommt: Wer aus einem einflussreichen Elternhaus stammt, bewegt sich ganz selbstverständlich auf diesem Parkett. Selbst wenn soziale Aufsteiger einen erstklassigen Studienabschluss haben, fehlen ihnen subtile Verhaltensmerkmale, die man kaum nachträglich lernen kann.

Inwiefern gefährden abgehobene Eliten die Demokratie? Sehen Sie direkte Verbindungen zum Erstarken des Rechtspopulismus?

Der Rechtspopulismus verdankt seinen Aufschwung eindeutig der neoliberalen Politik, die von den Eliten in den letzten Jahrzehnten betrieben worden ist. Vor allem die Einkommensverluste in der unteren Hälfte der Bevölkerung bei gleichzeitig massivem Einkommenszuwachs am oberen Ende haben den Boden für seine Ausweitung bereitet. In den USA liegt das mittlere Realeinkommen heute unterhalb dessen, was schon in den 1970er Jahren erreicht worden war. In Deutschland haben die unteren 40 Prozent seit Ende der 1990er real an Einkommen verloren, das untere Zehntel um 14 Prozent. Das obere Zehntel hat in der gleichen Zeit 17 Prozent dazu gewonnen. Das schürt Wut und Angst. Da die Parteien links der Mitte, kaum an der Regierung, die neoliberale Politik ihrer konservativen Vorgängerregierungen fortgesetzt oder, wie in Deutschland unter Gerhard Schröder, erst wirklich durchgesetzt haben, sind viele ihrer traditionellen Wähler nach rechts gewandert.

Donald Trump präsentiert sich als Anwalt der einfachen Leute, ist aber Milliardär. Warum funktioniert das?

Weil er sich als Gegner des Establishments präsentieren kann. Er ist unter seinesgleichen ein Außenseiter, er spricht nicht wie sie und verhält sich auch nicht so. Das macht ihn populär, obwohl seine Politik vorwiegend zugunsten der Reichen ausfällt. Das interessiert Protestwähler aber erst einmal nicht. Sie wollen den Etablierten einen Denkzettel verpassen.

Inwieweit gilt Ihre Kritik an der Abgehobenheit des Führungspersonals auch für linke und linksliberale Parteien?

Für die meisten dieser Parteien gilt das. Der Sozialist François Hollande zum Beispiel war ein typischer Vertreter der französischen Elitebildung, auch die Mehrheit der Spitzenpolitiker unter Tony Blair, Bill Clinton oder Barack Obama war bürgerlicher Herkunft und zählte zu den Wohlhabenden oder gar Reichen. Bei der SPD stammen aktuell drei ihrer vier Ministerpräsidenten im Westen und drei ihrer sechs Kabinettsmitglieder im Bund aus Akademiker- oder Unternehmerfamilien. Nur der Bremer Bürgermeister kommt noch aus der Arbeiterschaft.

Wie könnte sich das ändern? Was schlagen Sie für Lösungen vor?

Lösungen gehen nur über die Politik, wo die breite Bevölkerung noch am meisten Einfluss nehmen kann. Der Schulz-Hype Anfang 2017 hat gezeigt, wie schnell sich Menschen erreichen lassen, wenn wirklicher Wandel winkt. Leider hat sich das als Luftblase erwiesen und die Enttäuschung ist nun umso größer, wie der rapide Niedergang der SPD zeigt. Eine Partei, die wie Labour in Großbritannien ernsthaft bereit ist, das neoliberale Konzept über Bord zu werfen, kann relativ schnell Erfolge erzielen. Es bedarf nur des klaren Signals einer grundlegenden Veränderung und gleichzeitig einer anderen Rekrutierung der Spitzenpolitiker: Im Schattenkabinett von Jeremy Corbyn kommt jeder zweite aus der Arbeiterklasse und nur noch ein Fünftel aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung. Auf einer Privatschule war nur ein einziger von 25, alle anderen sind auf öffentliche Schulen gegangen. Das ist ein radikaler Bruch mit der Tradition der letzten vier Jahrzehnte. So lassen sich Menschen gewinnen und begeistern, vor allem die jüngeren.

Michael Hartmann: Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden. Campus Verlag, 280 Seiten, Hardcover, 19,95 €.