Selbstoptimierung

Vom Recht auf Zielfreiheit

Selbstoptimierung ist zum Inbegriff der neoliberalen Diktatur geworden. Selbst Grundschüler werden mittlerweile dazu angehalten.

Von Guido Sprügel

Zu Beginn des neuen Schuljahres kam mein Sohn mit einem neuen Schulplaner nach Hause. Das Heft im DIN-A5-Format ist ein Teil der Corporate Identity der Schulen, ähnlich der Schulkleidung. In dem Schulplaner werden nicht nur die Hausaufgaben notiert und Klassenarbeiten vermerkt, sondern auf dem Titel prangt auch ein Schullogo. In diesem Jahr ist der Schulplaner meines Sohnes anders als sonst. Er ist nicht nur teurer geworden, sondern er hat ein ganz anderes Design und eine völlig neue Aufmachung erhalten. Und er enthält eine Neuerung: Alle Schüler von Klasse 5 bis 13 müssen sich jetzt für jede Woche selbst Ziele definieren. Am Ende der Woche wird dann evaluiert, ob diese Ziele erreicht wurden. Genau genommen müssen sich die Kinder in jeder Woche sogar zwei Ziele vornehmen: »In diesem Fach setze ich mir ein Ziel« und: »Ich nehme mir für diese Woche vor.« Bei der Auswertung kann dann angekreuzt werden, ob das Ziel erreicht, zum Teil erreicht oder nicht erreicht wurde. Eine Unterschrift des Schülers besiegelt das Prozedere und in der nächsten Woche geht das Spiel von vorne los. Laut Aussage der Klassenlehrerin sind die Lehrer dazu angehalten worden, mit den Schülern zusammen zu üben, smarte Ziele zu definieren.

Wenn man sich die Ziele meines Sohnes und seiner Freunde ansieht, erkennt man schnell, dass die Kinder das tun, was Kinder wahrscheinlich ganz automatisch tun: Sie denken sich Ziele aus, die ohne viel Aufwand erreicht werden können. Zum Beispiel: »Ich denke an mein Sportzeug« - wenn das Sportzeug eh in der Schule verbleibt. Doch das ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders - schließlich müssen Ziele erst erreicht werden. Durch Anstrengung, durch Arbeit, durch Fleiß. Aus diesem Grund sollen die Kinder ja auch lernen, sich smarte Ziele zu setzen. Das ist ganz in Sinne der neoliberalen Ideologie. Durch bereitwilligen Verzicht auf immer mehr Freiheiten, das Preisgeben der Privatsphäre und der freiwilligen Selbstoptimierung verwandelt sich unsere Gesellschaft; der zielfreie Raum wird dadurch immer kleiner.

Menschen handeln fast immer zielorientiert. Wir treffen jeden Tag Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Entscheidungen, ohne sie schriftlich zu fixieren. Trinken wir am Morgen einen Kaffee oder einen Tee? Gehen wir in die Kantine essen oder nicht? Ziehen wir die rote oder die blaue Unterhose an? Wahrscheinlich entscheidet die Gewohnheit. Die Frage, ob man man mit dem Rad oder dem Auto zur Arbeit fährt, entscheidet sich anhand des Fitnessgrades oder ist vom Wetter abhängig. Manchmal entsteht ungeplant etwas ganz Kreatives.

Und dann gibt es da auch noch ein »Recht auf Faulheit«; bereits 1880 hat dies Karl Marx’ Schwiegersohn Lafargue in seinem gleichnamigen Werk beschrieben. Lafargue kritisiert darin die »Arbeitssucht« und die Degradierung des Menschen zur »Maschine«. Seine Kritik reicht bis in die heutige Welt der neoliberalen Ziele. Denn eins sehen die Konzepte zur Zielfindung nicht vor: Mein Sohn kann schlicht und ergreifend nicht schreiben, dass er für die Woche keine Ziele hat. Das widerstrebt dem Grundgedanken der Optimierung und würde im Berufsleben zu massiven Schwierigkeiten führen. In der Schule würde man wahrscheinlich zum Direktor zitiert, wenn man häufiger hintereinander an keinem Ziel arbeitet. In einer Gesellschaft, die auf einer permanenten Optimierung aufbaut, sind Menschen eben optimierende Schrauben im System.

Die Schule nimmt diesen Drill vorweg, damit die Mitarbeiter von morgen schon frühzeitig lernen, was von ihnen verlangt wird. Ein leeres Blatt ist in diesem System undenkbar. Die Kinder mit ihren Schulplanern werden auf eine Welt vorbereitet, in der monatlich in Gesprächen mit Abteilungsleitern neue Ziele festgelegt werden, um Punkte für seinen jährlichen Bonus zu sammelt. Später darf man sich dann einreihen in die Schlange der Menschen, die unter Depressionen, Stress oder Burn-out leiden.