RAF

Auf dem Sprung

Christian Geisslers »kamalatta« ist ein Roman aus der Zeit, als es die RAF noch gab.

Von Christof Meueler

Der sogenannte bewaffnete Kampf in der Bundesrepublik war ebenso blutig wie trostlos. Die Gruppen, die ihn führten, erreichten keine politische Mobilisierung und lösten sich alle wieder auf, als letzte die Rote Armee Fraktion (RAF) 1998 nach vielen Toten. Gegründet 1970 als Experiment, ob hierzulande nach lateinamerikanischem Vorbild eine »Stadtguerilla« organisierbar sein könnte, wurde die RAF in den Worten ihres früheren Mitglieds Karl-Heinz Dellwo zu einer »Attentatsorganisation«, die insbesondere mit ihrer fatalen »Offensive« 1977 »dem Staat mehr oder weniger die ganze Gesellschaft zugetrieben« hat.

Gleichwohl wähnte sich die RAF in Erklärungen im »Sprung« gegen »die Bestie« aus Kapital und Militär. Das war weniger eine politische denn eine ästhetische Formulierung, wie auch der Sound der Knast-Kassiber, die sich die RAF-Gefangenen bis zur Todesnacht in Stammheim 1977 schrieben, eher an expressionistische Literatur als an marxistische Diskussionen erinnerte.

Als ästhetisches Symbol der maximalen Systemfeindschaft funktionierte die RAF vor allem bei Punkbands. »Sie sind nur eine Handvoll und sie wissen wohin/ da hätte selbst ein James Bond wenig Sinn«, sangen Mittagspause 1979, »Viel Feind, viel Ehr« behaupteten S.Y.P.H. auf ihrer ersten Single im selben Jahr und bildeten auf der Rückseite den damals noch gesuchten Christian Klar ab.

Nach ihrer Auflösung verlor die RAF den Reiz des Verbotenen und wurde Anfang der Nuller-Jahre zum austauschbaren Zeichen im Popgeschäft. Es gab »Prada Meinhof«-T-Shirts zu kaufen, den flotten, aber frei erfundenen Rebellenfilm »Baader« von Christopher Roth zu schauen und die wiedervereinigten Ex-Punks DAF zu hören, die über ihr »Kinderzimmer« sangen: »Die RAF war für mich ein echtes Superheldenteam mit Overath, Cassius Clay, Che Guevara und Bruce Lee.« Die RAF war abgehakt, auch wenn mit Birgit Hogefeld ihr letztes inhaftiertes Mitglied erst 2011 aus dem Gefängnis entlassen wurde, was kaum noch jemand mitbekam. Nach 18 Jahren Haft - eine Amnestie hat es nie gegeben.

Wer ernsthaft über »bewaffnete Politik« 20 Jahre nach der Auflösung der RAF nachdenken möchte, sollte den Roman »kamalatta« von Christian Geissler lesen, den der Verbrecher Verlag wieder aufgelegt hat - in der Werkausgabe dieses einzigartigen Schriftstellers, der vor zehn Jahren starb. Die Originalausgabe des Romans erschien 1988 bei Rotbuch. »kamalatta« ist Geisslers Hauptwerk. Achtung: Es ist so anstrengend wie »Die Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss, doch nur halb so dick.

Geschrieben in der RAF-typischen Kleinschrift, handelt es von einer illegalen Gruppe, die nicht explizit als RAF bezeichnet wird, und von einem ihrer Unterstützer, einem Fernsehjournalisten namens Proff. Die Gruppe plant einen Anschlag auf eine NATO-Tagung in Bad Tölz. Proff gab den Tipp, gilt aber als unsicherer Kantonist. Als sein Sohn noch klein war, malte er ein Bild von einem bunten Drachen und schrieb darauf: »die genosen der roten arme dürfen nie sterben.« Das ist der Kernsatz dieses Romans. Er beinhaltet die Furcht um das verdammte Leben.

Denn wenn man der Überzeugung ist, dass einen das System fertig macht, ja töten will, dann ist es doch besser, dass man nicht stirbt, oder? Das ist die Prämisse, auch wenn in der Gruppe vom »menschenangriff gegen zerstörung, den angriff der klasse im volkskrieg, den griff aufs pack« die Rede ist und Aussteiger verachtet werden. Doch es gibt nicht nur sie, sondern auch noch DKP-Leute, Hafenarbeiter, Gefangene und ein Paar, dessen sechsjähriger Sohn erblindet. Sie alle diskutieren verschiedene Freiheitsbegriffe in einer ganz besonderen Sprache, die ihnen Geissler verliehen hat; eine durchkomponierte Mischung aus direkter Rede und gedachtem Bewusstseinsstrom.

Mehrere dieser Figuren hat er aus seinen anderen Büchern entwickelt. Man kennt sie schon aus den Vorgängerromanen »Das Brot mit der Feile« (1973) und »Wird Zeit, dass wir leben« (1976), »kamalatta« ist der letzte Teil dieser »Trilogie des Widerstands«. In »Das Brot mit der Feile« geht es um einen jungen Arbeiter in den 60er Jahren, für den alles »immer Hund« ist und der viel Hass verspürt, den er auch nicht verliert, wenn er mit Linken zusammen ist. »Wird Zeit, dass wir leben« geht weiter zurück, ins Jahr 1933, als Hamburger Kommunisten einen ihrer verhafteten Funktionäre gewaltsam aus dem Gefängnis befreien, obwohl er solche Aktionen ablehnt.

Geissler war Mitglied der illegalen KPD. Bei ihrer Neukonstituierung als DKP 1968 wollte er nicht mitmachen, weil ihm diese Partei zu lasch vorkam. »Kamalatta!« soll der Dichter Hölderlin ausgerufen haben, wenn er die Dinge nicht mehr verstand. Im Roman gibt es zwei Thesen, die einander widersprechen: Erstens die existenzphilosphische Behauptung, »dass die bewegung der anderen da anfängt, wo du dich selbst bewegst«. Zweitens der geschichtsphilosophische Kommentar, »die mystifizierung des kollektivs hat zu ihrer voraussetzung die resignation gegenüber der klasse«. Die erste These ist die Position der bewaffneten Gruppe, die zweite These ist die Position der traditionellen Arbeiterbewegung ihr gegenüber.

Geissler bearbeitet diese beiden Probleme, indem er seiner Figur Proff alle Zweifel überhilft, während die Gruppe davon unberührt bleibt. Sie steht für das Paradoxon, dass die bessere Gesellschaft im konspirativen Kollektiv anfange, trotz allem Fahndungsdrucks. Das ist er wieder, der »Sprung«: eine schillernde Fantasie mit gruppendynamischen Konsequenzen. Proff bleibt allein, auch seine Frau und sein Sohn misstrauen ihm. Er kann sich nicht entscheiden und geht zu Grunde. Die Gruppe führt den Anschlag schließlich durch, dabei stirbt die Hälfte ihrer Mitglieder. Wie es weitergeht, ist unklar.

Nach »kamalatta« hat Christian Geissler versucht, mit der RAF in einen Dialog über ihre Fehler und Irrtümer zu treten. Diese »Dissonanzen der Klärung« wurden 1990 vom Kieler Buchladen Zapata herausgegeben und lesen sich wie ein endloses Gedicht. Von der RAF gab es darauf keine öffentliche Antwort.

Später setzte Geissler hinter seinen Namen ein »k« in Klammern, was anzeigen sollte, dass er auch nach 1989 Kommunist geblieben war - gegen »die Massaker der Eigentumsordnung«. Doch »mit seinem Spätwerk, ohne den Resonanzraum einer politischen Bewegung, begab er sich beinahe vollständig in ein Abseits«, schreibt Detlef Grumbach von der Christian-Geissler-Gesellschaft, die sich 2012 gründete. Dabei wollte dieser Schriftsteller Bücher schreiben, um zu zeigen: »Ich bin gar nicht allein.«

Christian Geissler: kamalatta. romantisches fragment. Mit einem Nachwort von Oliver Tolmein. Verbrecher Verlag, 614 S., geb., 36 €.