Proteste der Gelbwesten

Sie sind überall

Gelbwesten gibt es auch im französischen Reims, das in Deutschland für die Entfremdung der Linken von den Arbeitern steht.

Von Nelli Tügel, Reims

François ist wohnungslos. Er treibt sich am Montagmittag in der Nähe des Bahnhofs von Reims herum, einem Ort, 130 Kilometer nordöstlich der französischen Hauptstadt Paris. Es ist sonnig und kalt. François heißt in Wirklichkeit anders, doch seinen richtigen Namen möchte er nicht verraten. François sei ein guter Name für Franzosen, sagt er.

François jedenfalls trägt über seiner Winterjacke eine leuchtend gelbe Warnweste. Ist er etwa ein Gilet Jaune? Oui, sagt François, ganz recht. Die Gilets Jaunes findet er gut. Vor zwei Tagen, am Samstag, sei hier in Reims was los gewesen, ein Protest, mit vielen Menschen, in der Innenstadt. Dort bekam er die Weste, seitdem trägt er sie. Und was findet er gut an den Gilets Jaunes? Dass sie den Mächtigen Angst einjagen, meint François.

Die Gilets Jaunes sind am Sonntag und Montag großes Thema in Reims: Zum einen, weil einen Tag nach den Riots in Paris, Bordeaux und anderswo die Bilder von dort immer und immer wieder über die Fernsehbildschirme laufen. Zum anderen, weil es in der vergangenen Woche auch hier Aktionen von Oberschülern gab, die – wie im ganzen Land – gegen die Bildungsreform der Regierung aufbegehren. Vor allem aber ist der Demonstrationszug in aller Munde, der durch die zentrale Einkaufsstraße lief, ganz in der Nähe der prächtigen Kathadrale Notre-Dame de Reims, der größten Attraktion der Stadt. Es war der erste Tag, seit die Bewegung der Gilets Jaunes Mitte November begann, an dem es auch in Reims eine richtige Demonstration gab. Etwa 1500 Menschen kamen, sangen die Marseillaise und skandierten »Macron Démission« (Macron Rücktritt). Auf einem Transparent war als Reminiszenz an die Französische Revolution und an die Revolte von 1968 zu lesen: »1789 – 1968 – 2018«.

Viele der Demonstranten waren zuvor nie politisch aktiv

Diese und weitere Szenen des Protestes sind auf Handyvideos festgehalten. Gérard spielt sie mehrmals ab, als er am Montagnachmittag in einem McDonalds zwischen Kathedrale und Einkaufsstraße sitzt. Er ist stolz; es waren viel mehr Menschen am Samstag dabei als erwartet. In Reims gibt es nicht oft Proteste. Andererseits sympathisieren einer repräsentativen Umfrage von Ende November zufolge 66 Prozent der Franzosen mit den Gelbwesten. Nicht alle gehen deshalb auch auf die Straße, aber in Reims beispielsweise sind einige Gelbe Westen an Balkonen befestigt oder deutlich sichtbar in der Windschutzscheibe der Autos platziert.

Gérard ist ein typischer Gilet Jaune, wenn man das so sagen kann. Denn viel ist noch nicht bekannt über die soziale Zusammensetzung und die politische Verortung der Gelbwesten. Doch klar ist: Die Bewegung ist in den Provinzen stark, hier genießt Macron nur bei 22 Prozent der Menschen Unterstützung. Aus einer mehrwöchigen Befragung von Demonstrierenden durch eine Forschergruppe in Bordeaux, deren Teilergebnisse in »Le Monde« veröffentlicht wurden, geht zudem hervor, dass viele Gelbwesten zuvor noch nie politisch aktiv waren, sich zu einem Drittel als weder links noch rechts bezeichnen und die Mehrheit Parteien und Gewerkschaften ablehnt. 47 Prozent der 166 befragten Gilets Jaunes engagiert sich zum ersten Mal im Leben in einer sozialen Bewegung. Ein Großteil hat nicht studiert. Das ist zwar nicht repräsentativ und es handelt sich nur um ein erste Auswertung der Fragebögen, doch decken sich diese Befunde der Wissenschaftler aus Bordeaux mit Eindrücken, die Beobachter im ganzen Land bislang sammeln konnten.

Und dies alles trifft auch auf Gérard zu. Aus seiner Sicht gehören auch die linken Parteien – neben La France Insoumise und den Kommunisten gibt es seit vergangenem Jahr noch eine Linksabspaltung der Sozialistischen Partei, angeführt von deren Ex-Präsidentschaftskandidaten Benoît Hamond – zur ungeliebten politischen Elite. Große Erwartungen hat er deshalb nicht in die Linken. Dafür umso mehr in die Bewegung der Gelbwesten. Sie hätten ja schon etwas erreicht, so Gérard. Er meint die Rücknahme jener Steuererhöhung auf Benzin und Diesel, gegen die sich der Protest in den ersten Tagen richtete, bevor er sich schnell zu einer Bewegung für soziale Gerechtigkeit und gegen die Regierung verallgemeinerte. Einen Tag später, am Montagabend, wird Macron in seiner Rede an die Nation weitere Maßnahmen, vor allem die Erhöhung des staatlichen Mindestlohnzuschusses, ankündigen – als Reaktion auf die Gilets Jaunes. Dass eine Bewegung, die nicht aus Paris, sondern aus den Provinzen kommt und die sich »selbst organisiert«, einen solchen Druck aufbauen kann, sieht Gérard als Beleg dafür, dass die klassischen Formen politischer Vertretung ausgedient haben. Eine Haltung, die viele Gilets Jaunes teilen.

Reims ist in einer Dreiviertelstunde mit dem TGV von Paris-Ost aus zu erreichen. Doch findet man hier eine andere Welt vor als in der Hauptstadt. Dabei verstehen sich die Reimser selbst als Hauptstädter: Jahrhundertelang wurden in der Kathedrale Könige gekrönt. Heute ist Reims das infrastrukturelle Zentrum der Region. Neben den 180.000 Stadtbewohnern gehören 120.000 Menschen zur Gemeinde, die im Umland von Reims leben. Viele pendeln hierher zur Arbeit oder zum Einkaufen – natürlich mit dem Pkw. Früher gab es in Reims sowohl Auto- als auch Metallindustrie. Heute gibt es einen kleinen Biotechnologiestandort. Außerdem ist die Stadt Zentrum der Weinbauregion Champagne.

In Deutschland ist Reims seit zwei Jahren auch bekannt, weil das Buch des französischen Soziologen Didier Eribon »Rückkehr nach Reims« in der Bundesrepublik ein großer Erfolg war. Eribon, der aus der Stadt stammt, beschreibt hier autobiografisch soziale Scham und das Verdrängen der eigenen Herkunft, ebenso wie den Verlust der Hegemonie der Linken unter Lohnabhängigen, der sich mit dem Übergang vom Fordismus zum Neoliberalismus in den 1980er Jahren vollzogen hat.

In ganz Frankreich zeigen sich dieser Tage die Folgen dieser von Eribon beschriebenen Entfremdung: Menschen, die immer abseits von linken Parteien oder Gewerkschaften standen, bilden nun die Basis der Gilets Jaunes. An die traditionellen Organisationen der Arbeiterbewegung werden keine Erwartungen mehr gehegt. Gerade für jene Alterskohorte, die in den 70er oder 80er Jahren geboren wurde, ist weder die Gewerkschaftsmitgliedschaft eine Selbstverständlichkeit, noch der Bezug zu einer linken Partei. Zwischen 1979 und 1988 hat sich in Frankreich beispielsweise der gewerkschaftliche Organisationsgrad halbiert, danach ist er weiter zurückgegangen, heute liegt er nur noch bei etwa acht Prozent.

Die CGT unterstützt die sozialen Forderungen und ruft zum Streik

Die Führungslosigkeit der Gilets Jaunes ist wohl einer der wesentlichen Gründe dafür, dass die französische Regierung unter enormem Druck steht. Denn blickt man nur auf die Zahlen, so zeigt sich, dass es in den vergangenen Jahren durchaus größere Mobilisierungen gab. Der Unterschied beispielsweise zu den erfolglosen Streikaktionen gegen Emmanuel Macrons Arbeitsrechtsreform im vergangenen Jahr besteht aber darin, dass die Gilets Jaunes überall sind, im wahrsten Sinne des Wortes – und nicht nur in den großen Städten. Und dass es eben kein organisierendes Zentrum gibt, keine Gewerkschaft oder Partei, auf die die Regierung bei der Beruhigung der Bewegung bauen könnte.

Dass sich da etwas verselbstständigt hat, beschreibt auch Franck Hoffmann von der örtlichen Niederlassung der Gewerkschaft CGT in Reims. Die CGT stand früher der Kommunistischen Partei nahe, inzwischen ist sie unabhängig, im Spektrum der französischen Strömungsgewerkschaften steht sie eher links. Hier vor Ort hat sie 3300 Mitglieder – und unterstützt die sozialen Forderungen der Gilets Jaunes. Man verurteile allerdings rassistische und homophobe Taten, so Hoffmann. Auch solche hatte es bei Protesten der Gelbwesten gegeben. Sind die Rechten denn in Reims präsent bei den Gilets Jaunes? Nein, meint Hoffmann. Und außergewöhnlich stark sei die Rassemblement National von Marine Le Pen hier ohnehin nicht. »Sie liegen derzeit nur etwa bei 20 Prozent«, schätzt er.

In den ersten Wochen, als es in Reims vereinzelt bereits kleinere Proteste von Gilets Jaunes gab, hatte die CGT selbst Aktionen organisiert. Doch erst am vergangenen Samstag dann wurde daraus etwas Größeres. Dass so viele kamen, hat auch Hoffmann überrascht. Er hofft nun auf eine hohe Beteiligung am Streikaktionstag der Gewerkschaft, der am Freitag frankreichweit geplant war. Das Klima jedenfalls sei günstig. Und er glaubt, dass auch CGT-Anhänger sich an einem Streik beteiligen werden, die am vergangenen Samstag noch zu Hause geblieben sind, weil es ihr freier Tag ist. Ob andersherum auch jene Gilets Jaunes, die wie Gérard mit Gewerkschaften nichts anzufangen wissen, von einer solchen Aktion angesprochen werden, das steht auf einem anderen Blatt.

Einer, der sich die Aktion der CGT in jedem Fall ansehen wird, ist François, der Wohnungslose. Ja, das interessiert ihn, sagt er, ihm ist es ohnehin gleich, wer die Aktionen organisiert. Hauptsache, es geht weiter. Denn am Ende, so sagt er, soll ja etwas erreicht werden. Es geht nicht nur ums Protestieren an sich, nicht wahr? Dann verabschiedet sich François und geht seiner Wege, die gelbe Warnweste über der Jacke sieht man noch von weitem leuchten.