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Was bewegt die Gelbwesten?

Die Politikforscherin Tinette Schnatterer befragte die Gilets Jaunes zu ihren Motivationen

  • Von Nelli Tügel
  • Lesedauer: 5 Min.

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Sie sind Teil eines Forscherteams, das seit mehreren Wochen Gelbwesten befragt. Wie gehen Sie vor?

Wir, ein Team aus mittlerweile 70 Soziologen und Politikwissenschaftlern, sind seit Ende November regelmäßig bei den Demonstrationen und Blockadeaktionen. Wir machen Beobachtungen, eine Kartographie der Aktionen und vor allem befragen wir die Aktivisten der Gilets Jaunes. Diese Befragungen sind sehr ergiebig, die Aktivisten haben viel zu erzählen. Eine möglichst gute Repräsentativität der Ergebnisse stellen wir dadurch sicher, dass wir in ganz unterschiedlichen Regionen - zum Beispiel Bordeaux, Paris, Rennes, Grenoble, Montpellier - vertreten sind. An vielen Orten sind wir regelmäßig seit Beginn der Bewegung und können so Entwicklungen erfassen.

Welche Fragen stellen Sie?

Wir stellen offene Fragen zu den Motivationen, Forderungen und Erwartungen der Aktivisten. Warum sind sie da? Was erwarten sie von der Regierung? Was entgegnen sie Menschen, die die Benzinsteuer mit ökologischen Argumenten verteidigen? Wie stehen sie zur Idee von Repräsentanten? Zusätzlich fragen wir ihre Einstellungen zu verschiedenen Aktionsformen und politischen Organisationen wie Gewerkschaften oder Parteien ab, ihre bisherigen Erfahrungen in Bewegungen sowie ihre allgemeine politische Einstellung. Natürlich interessieren wir uns auch für die Lebenssituation der Befragten.

Es heißt öfter, es seien nicht »die ganz Armen«, die da jetzt protestieren. Stimmt das?

Bei der Auswertung der ersten Welle haben wir festgestellt, dass das durchschnittliche Einkommen der Aktivisten mit 1700 Euro zwar deutlich unter dem Durchschnittseinkommen liegt, tatsächlich waren die ganz armen Bevölkerungsschichten jedoch weniger vertreten. Wir haben die danach gemachten neuen Befragungen noch nicht systematisch ausgewertet, aber ich habe den Eindruck, dass hier die Profile im Laufe der Wochen vielseitiger geworden sind. Ich habe Samstagabend beispielsweise bei einer Blockade in Libourne in der Nähe von Bordeaux mit einem jungen arbeitslosen Pärchen, einem jungen Wohnsitzlosen, einer Putzfrau der Bahngesellschaft SNCF, einem Selbstständigen und einer Rentnerin gesprochen, die alle durchaus unter die Kategorie »ganz Arme« fallen.

Und was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse bezüglich der Motivationen?

In den ersten Tagen der Bewegung war das sicherlich die Erkenntnis, dass die Gelbwesten sehr wohl ein ökologisches Bewusstsein haben. Man darf nicht vergessen, dass diese Bewegung am Anfang in den Medien als Bewegung der Autofahrer dargestellt wurde. Schließlich die Tatsache, dass Migration, entgegen oft anderslautender Berichte, kein Thema ist, das die Gelbwesten mobilisiert. Das soll nicht heißen, dass es unter den Aktivisten keine rassistischen Vorurteile gibt. Aber wir stellen fest, dass dieses Thema nicht spontan genannt wird, wenn die Gilets Jaunes erklären, warum sie da sind und was sie wollen. Ein weiterer interessanter Befund ist die starke Präsenz institutioneller Forderungen.

Was bedeutet das?

Neben Forderungen nach höheren Löhnen und Renten, Umverteilung und einer gerechteren Steuerpolitik verlangen viele Gilets Jaunes demokratische Reformen wie die Einführung von Referenden. Viele fordern sehr weitgehende Veränderungen, eine 6. Republik und die Errichtung einer Bürgerversammlung.

Sie haben vergangenen Woche erste Teilergebnisse in »Le Monde« veröffentlicht, die auf einer vorübergehenden Auswertung von zunächst 166 Fragebögen basieren. Sie haben die Befragungen fortgesetzt. Tut sich hier eine Differenz auf?

Genau, bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um vorübergehende Ergebnisse. In der Zwischenzeit haben wir über 500 Fragebögen beisammen, diese aber noch nicht systematisch ausgewertet, und die Befragung geht weiter. Soweit wir das bisher feststellen können, bleiben die groben Trends stabil - mit Ausnahme der Demonstrationen in Paris, die ein etwas anderes Profil aufweisen. Die Zusammensetzung der AktivistInnen hat sich seit Anfang Dezember jedoch etwas diversifiziert mit der verstärkten Teilnahme von Gewerkschaftern, politischen Aktivisten, aber auch den in Streik getretenen Schülern.

In Deutschland gibt es Rätselraten darüber, wer die Gilets Jaunes eigentlich sind. Das liegt auch daran, dass sie keinerlei Strukturen oder Repräsentanten zu haben scheinen. Konnten Sie darüber bei Ihren Befragungen mehr erfahren?

Etwa die Hälfte der Befragten hat sich generell für das Prinzip von Repräsentanten ausgesprochen, die andere Hälfte steht diesem kritisch gegenüber. Interessant ist dabei, wie wenig informiert sich die Befragten über die acht im November ernannten Sprecher der Gilets Jaunes fühlten. Die meisten zeigten sich erstaunt und äußerten, dass sie keine Ahnung hätten, wo die herkommen und wer das ist. Noch am 1. Dezember wusste fast keiner der Aktivisten, welche Forderungen der von den Sprechern veröffentlichte Katalog enthält. Nach unseren ersten Ergebnissen steht die Bewegung im Übrigen wesentlich weiter links als oft angenommen. Etwa ein Drittel der Aktivisten bezeichnet sich als »weder links noch rechts«. Von denen, die sich äußerten, bezeichnen sich deutlich mehr als links beziehungsweise als extrem links.

Als Politikwissenschaftlerin haben Sie auch andere Bewegungen beobachtet. Was unterscheidet die Gilets Jaunes von der Nuit-Debout-Bewegung 2016 oder den Streiks gegen die Arbeitsrechtsreform 2017?

Die Gelbwestenbewegung mobilisiert viele Menschen, die in den letzten sozialen Bewegungen nicht präsent waren. Etwa die Hälfte der Aktivisten, die wir getroffen haben, hatte vorher noch nie an einer Demonstration teilgenommen, noch weniger haben Streikerfahrungen. Schon lange war keine Bewegung auch in den ländlichen Gegenden so gut vertreten, Nuit Debout blieb zum Beispiel auf Paris und einige andere große Städte beschränkt.

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