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Räumung erfolgreich verhindert

Obdachlose an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg dürfen bleiben - jedenfalls vorerst

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Ich verstehe nicht, wie sie uns jetzt genau vor Weihnachten, im Winter, räumen können«, sagt Cassy verzweifelt. Der 27-Jährige ist obdachlos und lebt seit drei Monaten in einem Zelt auf einer Brache an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg, auf der in Zukunft ein Aquarium und teure Eigentumswohnungen gebaut werden sollen. »Das ist unser Lebensraum, es wird uns unsere Existenz genommen.« So wie ihm geht es vielen anderen Obdachlosen, die am Freitagabend ins ehemalige Jugendfreizeitschiff Freibeuter gekommen sind, weil sie Angst um ihre Zelte haben und nicht wissen, wo sie unterkommen sollen, sollte das Camp tatsächlich geräumt werden. Insgesamt 100 Menschen leben laut einer Sozialarbeiterin des Vereins Gangway, die sich seit Jahren um die Obdachlosen kümmert, in der Bucht, Minderjährige gebe es jedoch nicht.

»Am vergangenen Dienstag ist es losgegangen«, erzählt Sarah Waterfeld vom Künstlerkollektiv Staub zu Glitzer, das das Schiff seit Oktober besetzt hat und die Obdachlosen mit Essen, Trinken und einem Ort zum Aufwärmen versorgt. Drei Polizeiwannen seien gekommen, dazu private Sicherheitsleute. Sie hätten die drei Obdachlosencamps, die auf dem Gelände stehen, umzäunt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bestätigte »nd« am Montag, dass es im November ein Amtshilfeersuchen zur Räumung an den Bezirk Lichtenberg gerichtet habe.

Nach der Aufstellung des Zauns bleiben den Menschen dort zwei kleine Löcher. »Wir fühlen uns wie im Rummelsburger Zoo«, sagt Cassy. Die Sicherheitsleute seien es auch gewesen, die die Obdachlosen informiert hätten, dass sie an diesem Donnerstag geräumt werden sollen. »Weder der Bezirk noch das Ordnungsamt sind auf uns zugegangen, wir haben das nur per Zufall erfahren«, empört sich auch ein Zeltnachbar. Auch alternative Unterbringungsmöglichkeiten seien ihnen nicht angeboten worden, beteuern die Betroffenen.

Eine Darstellung, der der Bezirksbürgermeister von Lichtenberg, Michael Grunst (LINKE), widerspricht: »Ich habe sowohl die Jugend- als auch die Sozialstadträtin aufgefordert, den ohne Obdach lebenden Menschen Angebote zu unterbreiten«, sagt Grunst dem »nd«. Dem Bezirksbürgermeister zufolge sind Vereine vor Ort gewesen und haben über Hilfsangebote informiert. Die Obdachlosen erklären dagegen, dass niemand mit ihnen geredet habe.

Um den Widerstand zu verstärken, machten sich die Räumungsbedrohten am vergangenen Sonntag auf den Weg nach Adlershof zum LINKE-Parteitag. Das Gelände gehöre dem Land Berlin, zuständig sei Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher und Sozialsenatorin Elke Breitenbach (beide Linkspartei), hieß es. Auf dem Parteitag durften die Obdachlosen auf die Bühne. Sie appellieren an die Delegierten und die Regierenden, die über ihr Schicksal entscheiden: »Wir würden gerne dort bleiben«, sagt der 60-jährige Micha. »Das Gelände wird nicht genutzt und wir wissen nicht wohin.« Und ein anderer Obdachloser fügt hinzu: »Wir werden überall vertrieben, auch wir haben Würde«.

Der Appell stößt auf Resonanz: »Solange keine Lösung für die Unterkunft gefunden wird, darf es keine Räumung geben«, stellt der Lichtenberger Abgeordnete Harald Wolf klar. Sozialsenatorin Breitenbach erinnert daran, dass die Obdachlosen ein Recht darauf haben, von den Bezirken untergebracht zu werden. Die beiden zuständigen Senatsverwaltungen wollen nun gemeinsam mit dem Bezirk nach einer Lösung suchen. Nachdem die Obdachlosen sich am Buffet satt gegessen haben, saßen sie noch mit den Politiker*innen an einem Tisch und berieten sich.

Das Wichtigste sei jetzt erst einmal, den Räumungstermin aus der Welt zu schaffen, so der Staatssekretär für Arbeit und Soziales, Alexander Fischer. Später heißt es dann, den Termin habe es nie gegeben, das sei lediglich ein Gerücht gewesen. Trotzdem wollen die Politiker*innen schauen, was auf dem Gelände möglich ist, ob beispielsweise Müllcontainer und Toiletten für die Obdachlosen aufgestellt werden könnten. »Wir müssen einen Weg finden, auch mit den Menschen, die drum herum wohnen«, betont Fischer. Anwohner*innen hatten sich in der Vergangenheit vermehrt über den Müll auf der Brache beschwert. Auch sollen Streetworker*innen die Betroffenen aufsuchen, um über deren Perspektiven zu sprechen.

Die Obdachlosen von der Rummelsburger Bucht sind zunächst froh, dass ihnen zugehört wurde - auch, wenn sie nicht so recht an die Versprechungen glauben. In einem sind sie sich einig: Wenn ihnen eine echte Alternative angeboten wird, würden sie auch anderswo hingehen.

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