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Warum Generika dann doch nicht billig sind

US-Staatsanwaltschaft erhebt Kartellanklage gegen 16 Pharmaunternehmen wegen illegaler Preisabsprachen

  • Von John Dyer, Boston
  • Lesedauer: 3 Min.

Shirley Rogers arbeitete den größten Teil ihres Lebens als Pflegerin in Krankenhäusern und Altenheimen. Heute lässt die 84-Jährige, die in einem Vorort von Boston lebt, regelmäßig einige der Medikamente weg, die ihr die Ärzte verschreiben. Sie kann sich nicht alle leisten. »Sie kosten mich Hunderte Dollar im Monat«, sagt sie und bemerkt, dass Medicare, die staatliche Krankenversicherung für ältere Menschen in den USA, nicht viele verschreibungspflichtige Medikamente abdeckt. Freunde und Verwandte bringen ihr aber bisweilen von Reisen nach Kanada, Mexiko oder Europa preisgünstige Medikamente mit.

Warum die Preise in den USA so hoch sind, beschäftigt nun die Justiz. Staatsanwälte aus 47 Bundesstaaten haben Hinweise auf Preisabsprachen zwischen 16 Generikahersteller aufgedeckt und nun eine Kartellklage eingereicht, die zunächst zwei Medikamente betrifft. Die patentfreien Nachahmerpräparate, die eigentlich preisgünstig sein sollen, machen 90 Prozent der in den USA eingenommenen Medikamente aus - Jahresumsatz 2017: rund 104 Milliarden Dollar. Die Preise vieler gängiger Generika seien zwischen 2010 und 2015 um rund 14 Prozent gesunken, heißt es in der Klageschrift. Aber einige Medikamente seien um bis zu 2000 Prozent teurer geworden. Zu dem Kartell gehören sollen die indische Firma Dr. Reddy’s, Teva aus Israel sowie US-Unternehmen Heritage Pharmaceuticals und Mylan. »Dies ist höchstwahrscheinlich das größte Kartell in der Geschichte der Vereinigten Staaten«, sagte Joseph Nielsen, Vizegeneralstaatsanwalt von Connecticut, kürzlich in der »Washington Post«.

Die Enthüllungen haben inzwischen auch die Politik auf den Plan gerufen. So forderte die demokratische Senatorin Elizabeth Warren eine staatliche Herstellung von Generika. »Arzneimittelhersteller nutzen den ›freien Markt‹ als Schutz gegen alle Bemühungen, die Preise für Familien zu senken«, so Warren. »Aber sie operieren in einem Markt, der so manipuliert ist, dass er ihre Taschen füllt und den Wettbewerb einschränkt.« Natürlich seien Pharmaunternehmen auf langfristigen Patentschutz angewiesen, der ihnen hohe Preise ermöglicht. Wenn die Patente dann auslaufen, würden die Unternehmen darum ringen, konkurrierende Generika zu entwickeln, was den Preis senkt. Aber wenn er zu niedrig fällt, hörten viele Unternehmen auf, die Medikamente herzustellen. Infolgedessen stellten oft nur ein oder zwei Unternehmen wichtige Generika her, so dass die Unternehmen den Preis dann wieder erhöhen könnten.

Das Unternehmen Mylan mit Sitz in Canonsburg, Pennsylvania, erhöhte im Jahr 2016 den Preis für EpiPen, einen Adrenalin-Autoinjektor zur Behandlung potenziell tödlicher allergischer Reaktionen, um rund 400 Prozent. Dies löste damals einen öffentlichen Aufschrei aus. Doch es geht noch extremer: Turing Pharmaceuticals mit Sitz im Schweizer Steuerparadies Zug erwarb 2015 die Rechte an dem Medikament Daraprim, das gegen selten vorkommende parasitäre Infektionen wirkt, und erhöhte den Preis von 13,50 Dollar auf 750 Dollar pro Tablette. Ex-Turing-Chef Martin Shkreli verbüßt derzeit eine siebenjährige Haftstrafe wegen Betrugs an Investoren.

Das dysfunktionale US-amerikanische Gesundheitssystem mit seinen dominierenden privaten Krankenversicherungen schluckt diese Preise und auch andere überhöhte Kosten. Donald Trump wie auch seine Kontrahentin Hillary Clinton versprachen daher im Wahlkampf, die Medikamentenpreise zu senken. Bisher hat sich aber nichts getan. Im Oktober schlug der Präsident vor, dass Medicare Medikamente auf Grundlage der Kosten in anderen Industrieländern bezahlt - ein sogenannter Internationaler Preisindex könnte Ende 2019 oder 2020 in Kraft treten. »Das ist eine revolutionäre Veränderung«, sagte Trump auf einer Pressekonferenz. »Niemand hatte den Mut, es zu tun, oder er wollte es einfach nicht tun.«

Dank der neuen demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus könnte es einfacher werden, solche Verbesserungen durchzusetzen. Allerdings müsste der Staat dann Preise für Medikamente vorschreiben. Trumps regelmäßige verbale Ausfälle gegen »sozialistische« Gesundheitssysteme weisen hingegen in eine ganz andere Richtung.

Und erst kürzlich bekam die Pharmaindustrie ein Geschenk: Die Arzneimittelbehörde FDA zog eine vorgeschlagene Regelung zurück, die es Verbrauchern erstmals ermöglicht hätte, auch Generikahersteller wegen unerwünschter Nebenwirkungen ihrer Medikamente zu verklagen.

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