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  • Unterbringung von Geflüchteten

»Ein bisschen Familienanschluss«

Martin war sieben Wochen lang Asylgeber für eine Familie aus Afghanistan

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 7 Min.

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Wie ist es, sich eine Zweiraumwohnung mit einer vierköpfigen Familie zu teilen?

Am Anfang war es etwas schwierig, eine Verbindung aufzubauen. Allein wegen der Sprache, aber auch wegen der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe. Die Eltern waren sehr zurückhaltend. Die Kinder nicht! (lacht) Sie waren ein Stück weit meine Verbindung zu den Eltern, weil sie schon ganz gut Deutsch konnten. Mit der Zeit haben wir uns alle aber ganz gut eingependelt. Ich bin vielleicht ein bisschen blauäugig an die Sache rangegangen. Aus einem Impuls heraus. Familie, Abschiebung - als ich das hörte, habe ich gleich gesagt, dass ich sie unterstützen will.

Sie kannten die Familie vorher nicht?

Nein. Ein Freund hatte mir von einer Infoveranstaltung des Bürger*innen-Asyls erzählt. Dort habe ich mich in den Newsletter eingetragen. Darüber kam die Anfrage, nach einem Zimmer. Genau in der Zeit war mein Mitbewohner auf Reisen, sieben Wochen, und da dachte ich, das passt.

Das Bürger*innen-Asyl ist …

… eine Initiative, die Menschen vor Abschiebung bewahren möchte, indem sie sie unterstützt, Schutz in Privatunterkünften zu finden. Dadurch wird Zeit gewonnen, so dass die Menschen mit vielfacher Unterstützung ihre Situation verbessern können. In diesem Fall ging es darum, die Zeit zu überbrücken, in der die Betroffenen in das Land zurückgeschickt werden können, über das sie nach Deutschland eingereist sind.

Waren Sie vorher schon flüchtlingspolitisch aktiv?

Ich war 2012 im Umfeld vom Oranienplatz aktiv und habe die Menschen unterstützt, die dort gecampt haben. Seit ich arbeite, habe ich aber nicht mehr viel Zeit dafür, aktiv zu sein.

Sie arbeiten, das heißt, Sie waren tagsüber kaum zu Hause und haben auch nicht viel von der Familie mitbekommen?

Ich habe sie hauptsächlich morgens und abends gesehen und am Wochenende. Sie waren meistens zu Hause.

Fanden Sie es seltsam, sie allein in Ihrer Wohnung zu lassen?

Ja, am Anfang ein bisschen, ich glaube, das ist immer so, wenn man Menschen in seinen Privatraum lässt. Das hat viel mit Vertrauen zu tun, und ich hatte bei ihnen von Anfang an ein gutes Gefühl. Mit der Zeit haben sie sich heimischer und wohler gefühlt, und dann sind auch Gespräche entstanden. Manchmal sind sie aufs Tempelhofer Feld gegangen, manchmal bin ich mit ihnen gegangen, Fußball spielen. Zu meinem Glück haben sie viel gekocht - das war schon ein bisschen Familienanschluss.

Woher kam die Familie?

Afghanistan. Sie haben Urdu gesprochen, das spreche ich leider nicht. Ich dachte bis dahin, dass aus Berlin niemand nach Afghanistan abgeschoben wird. Das stimmt auch, sie sollten nach Schweden gebracht werden, weil sie dort zuerst registriert worden waren. Von dort wären sie dann nach Afghanistan abgeschoben worden.

Was meinten Sie damit, Sie waren mit Ihrer Zusage vielleicht etwas blauäugig?

Es war zum Teil eine ganz schöne Belastung mit fünf Menschen in einer Zweiraumwohnung. Aber es war auch sehr bereichernd, weil ich eine mir unbekannte Welt kennengelernt habe und weil ich mir ein Bild davon machen konnte, was es heißt, in so einer Situation zu sein - sowohl die eigene Heimat verlassen zu müssen als auch in Deutschland das Gefühl zu haben, dass sich die Flucht fortsetzt, und ständig in Angst leben zu müssen. Die Familie hatte echt schon viel hinter sich - kam ständig woanders unter, wurde getrennt, weil nicht überall Platz für alle war. In unseren Gesprächen habe ich gemerkt, dass vieles, was für mich selbstverständlich ist, es für sie nicht war: Der Vater musste zum Beispiel in Afghanistan ganz früh die Schule verlassen. Ob die Mutter in der Schule war, weiß ich gar nicht. Diese Ohnmacht, die daraus entsteht, nicht lesen und manches vielleicht gar nicht fassen zu können. Und dieses ständige Unsicherheitsgefühl.

Wie hat sich Ihnen das gezeigt?

Dadurch, dass sie mich immer wieder gefragt haben, was sie machen sollen, ob ich sie unterstützen kann, ob sie sich draußen bewegen können, was die Nachbarn dazu sagen, dass sie plötzlich da sind … Ja, vor allem durch die vielen Fragen. Als sie ankamen, hatte ich auch das Gefühl, dass sie extrem gestresst waren. Davon, schon seit Monaten in diesem Zustand zu leben.

Hat Ihr Mitbewohner eigentlich das Zimmer weiterbezahlt, als er weg war?

Das haben wir uns geteilt.

Ihr Mitbewohner war also damit einverstanden, dass die Familie in seinem Zimmer wohnt?

Ja. Wir haben das gemeinsam entschieden.

War er auch flüchtlingspolitisch aktiv?

Nein. Aber grundsätzlich ist er auch kritisch, was die gegenwärtige Abschiebepraxis betrifft. Wir sind da auf einer Wellenlänge. Ich glaube, sonst könnten wir auch gar nicht zusammen leben.

Was finden Sie falsch an der Abschiebepraxis?

Es ist mir unverständlich, wie man Menschen in Lebenslagen zurückschicken kann, in denen sie einfach nur Not und Elend erwartet, sie keine Perspektive haben. Das trifft nicht nur auf Afghanistan zu, sondern auch auf viele anderen Länder. Ich vertrete die Ansicht, dass Menschen, die meinen, dass sie dort, wo sie sind, nicht mehr leben können oder wollen, das Recht haben sollten, woanders ihr Glück zu finden. Das ist jetzt ein bisschen abgegriffen, aber niemand flieht ohne Grund - niemand verlässt seine Heimat ohne Grund. Ich gehe ja auch nicht nach Afghanistan.

Oder nach Schweden.

Oder nach Schweden, ja. Jedenfalls nicht mit nichts. Ich würde schon mal woanders hingehen, zum Beispiel weil ich einen tollen Job gefunden habe oder wegen einer Person, die ich liebe.

Sie wollen mir Ihren vollen Namen nicht nennen, verabredet haben wir uns über die Initiative, ich habe keine Kontaktdaten von Ihnen. Warum so vorsichtig?

Es ist eher die Initiative, die so vorsichtig ist. Beim Vorgespräch mit Bürger*innen-Asyl Berlin, bevor ich die Familie aufgenommen habe, wurde mir gesagt, dass ich meine Daten vertraulich behandeln soll. Hauptsächlich, weil der rechtliche Hintergrund nicht ganz klar ist. Die Familie ist ja akut von Abschiebung bedroht, und die Frage ist, ob ich dafür belangt werden kann, sie zu verstecken. Es gibt dazu noch keine Rechtsprechung. Letztlich ist es ja so, dass man niemanden, der bei einem wohnt, zuerst nach seinen Papieren fragt. Aber wenn man öffentlich sagt, dass man ein Bürger*innen-Asyl gewährt hat, ist es vielleicht etwas anderes.

Hatten Sie Angst, dass die Polizei plötzlich vor der Tür steht?

Nein, eigentlich nicht. Das habe ich nie als reale Gefahr gesehen. Manchmal habe ich aber überlegt, was wohl die Nachbarn denken, dass hier plötzlich eine afghanische Familie wohnt.

Kann jetzt im Nachhinein noch irgendwas kommen?

Ich denke mal, da sie jetzt regulär im deutschen Asylverfahren sind, ist alles in Ordnung.

Würden Sie noch mal jemanden aufnehmen?

Ja. Aber eher eine Einzelperson. Eine Familie hat ganz schön viel Kraft gekostet.

Warum Kraft?

Es war schon ziemlich beengt. Ich bin eigentlich ein chaotischer Mensch, eine Familie braucht aber Ordnung. Deswegen musste ich Gewohnheiten ändern, mich ein wenig zügeln. Ich habe dann zum Beispiel in der Küche nicht geraucht. Morgens bin ich manchmal nicht rechtzeitig ins Bad gekommen und bin dann später zur Arbeit gegangen oder habe mir die Zähne in der Küche geputzt. Das sind aber Kleinigkeiten. Das eigentliche Problem war: Ein Zimmer in einer Zweiraumwohnung - das ist für eine Familie kein idealer Lebensraum. Und die Spannung hat sich auch auf mich übertragen.

Hatten Sie ein schlechtes Gewissen, ein Zimmer für sich alleine zu haben?

Ja, schon. (lacht verlegen) Vielleicht fühlen sich ja jetzt andere angesprochen mit größeren Wohnungen.

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